Die deutschen Debussy-Seiten

von Jochen Scheytt

Stilistische Einordnung des musikalischen Impressionismus

Anfang und Ende

Der Impressionismus war ein zeitlich wie regional begrenztes Phänomen und trat in der Bildenden Kunst und der Musik zeitlich versetzt auf. Für die Bildende Kunst wurde der Begriff geprägt, als der Kritiker Leroy 1874 eine junge Generation von Malern verunglimpfen wollte, die sich von der vorherrschenden Atelierkunst distanzierten und einen neuen Malstil schufen (siehe Impressionismus). Die Übertragung des Begriffs Impressionismus auf die Musik geschah 12 Jahre später, im Jahre 1886, als die Jury des Rompreises in Debussys eingereichtem Werk Printemps in Anspielung auf die impressionistische Malerei einen "vagen Impressionismus" rügte. Hierbei handelte es sich wie schon bei Leroy um eine abschätzige Bezeichnung, und so ist es nicht verwunderlich, dass sich Debussy selbst gar nicht als Impressionist sah, und auch den Bezug zwischen seiner Musik und der impressionistischen Malerei nie herstellte.

Der Impressionismus ist eng an die "Belle Epoque" genannte Zeitspanne von circa 1885 bis 1914, also bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs gekoppelt. Somit fallen das Ende der Belle Epoque und das Ende des Impressionismus zusammen. Doch auch schon in den Jahren vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, als starke gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen immer mehr zur Verunsicherung der Menschen beitrugen, war die feine und zarte impressionistische Kunst nicht mehr die passende Begleitmusik. Sie wurde abgelöst vom laut aufschreienden Expressionismus - in der Bildenen Kunst symbolisiert durch das Bild Der Schrei von Edvard Munch und in der Musik durch das 1913 in Paris uraufgeführte Skandalballett von Igor Stravinsky Le sacre du printemps. Der musikalische Impressionismus dauerte also gerade einmal 30 Jahre.

Frankreich

Der Impressionismus ist eine rein französische Stilrichtung mit Zentrum in Paris, die hauptsächlich mit zwei Komponistennamen verknüpft ist, nämlich mit Claude Debussy und Maurice Ravel. Zwar haben auch andere Komponisten impressionistische Klangwirkungen gebraucht; deren gesamtes Werk ist jedoch nicht impressionistisch zu nennen.

Warum der Impressionismus außerhalb Frankreichs nie Fuß fassen konnte, lässt sich nicht mit absoluter Sicherheit sagen. Sicherlich spielt die französische Lebensart, die Tradition der musikalischen wie literarischen Salons, sowie der kulturelle Schmelztiegel Paris eine große Rolle. Hier fand sich der künstlerische Nährboden, auf dem diese kurze, aber intensive Kunstrichtung entstehen und gedeihen konnte. Sie war deshalb auch nicht verpflanzbar.

Bezug zur Romantik

Der Impressionismus steht an der Schnittstelle zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert und damit am Wendepunkt von der späten Romantik hin zur Moderne. Dabei wird der Impressionismus einerseits als letzte spätromantische Episode, andererseits als der erste moderne, auf die Umwälzungen der kommenden Jahre hinweisende Musikstil angesehen.

Dieses Spannungsverhältnis lässt sich gut an Debussys kompositorischer Entwicklung ablesen. Debussy, dessen Musikverständnis zu Beginn sehr von romantischem Geist geprägt ist, der sich sehr für die hochromantische Musiksprache Wagners begeistert, wendet sich im Laufe der Jahre bewusst von diesen Vorbildern ab, um eine eigene, modernere Sprache zu entwickeln. Diese manifestiert sich in einer völlig neuen Konzeption von Form und musikalischer Entwicklung, die zukunftsweisend ist. Auch im harmonischen Bereich ist Debussy modern, löst sich allerdings nie von der Dur-Moll-Tonalität. Seine impressionistische Musik ist im Kern also tonal und beschränkt sich darauf, diese Tonalität auf neue, nie da gewesene Arten zu modifizieren und zu erweitern.

Harmonische Neuerungen - Bezug zur Moderne

Die größte Neuerung hierbei ist sicherlich das Herauslösen der Akkorde aus dem tonalen Zusammenhang. Anstatt die Akkorde in harmonische Spannungsverläufe einzubinden, wie das bisher in der Musik geschah - repräsentiert durch das Verhältnis von Dominante (Spannung) zu Tonika (Auflösung) - werden sie als reine Klang- oder Farbwerte verwendet. Sie stehen damit quasi für sich, sind in keine harmonischen Verlauf eingebunden, und entfalten ihre Wirkung nur aus sich selbst.

Hier zeigt sich die Modernität Debussys, denn dieser Weg wurde von den Komponisten der damaligen Zeit konsequent weiter beschritten, nur dass sich die Klangfarbe der Musik diametral änderte. Igor Stravinsky schuf mit seinen grellen, teilweise fast unerträglichen Klangkaskaden in Le sacre du printemps einen klanglichen Gegenpol zu Debussys Klangwelt, und auch die frühen Werke der Neuen Wiener Schule um Arnold Schönberg ersetzten die Tonalität durch Klangwerte (zum Beispiel Arnold Schönbergs Klavierstück "Farben"). Sie beschritten den Weg allerdings konsequent und lösten die herkömmliche Tonalität komplett auf, überführten die Musik in die so genannte Atonalität.

Neue Wege in die Zukunft?

Dies war ein Weg, der damals viel versprechender erschien und in der Tat für lange Zeit als der Weg in die Zukunft erschien. Nur das Publikum konnte sich nie mit den Dissonanzen der Atonalität anfreunden, so dass die Komponisten ihre Werke für einen kleinen elitären Zirkel schrieben und das große Publikum über ihrer Idee aus den Augen verloren. Der Impressionismus kann also mit Recht als die letzte Stilepoche angesehen werden, die an der Grenze zum 20. Jahrhundert und an der Grenze zur Moderne ein großes Publikum erreichte und auch heute noch erreicht.

  © 2015 by Jochen Scheytt

Debussy Titel

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Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.


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Jochen Scheytt

ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.