Die deutschen Debussy-Seiten

von Jochen Scheytt

The Seduction of Claude Debussy

Im folgenden soll das Konzeptalbum "The Seduction of Claude Debussy" der Gruppe "The Art of Noise" vorgestellt werden. Es ist der einzige mir bekannte Versuch, die Musik Claude Debussy im Bereich der modernen populären Musik zu verarbeiten. Während es inzwischen fast unzählige Popversionen von Bachs Musik oder Beethovens Fünfter gibt, hat sich an die Musik Debussy noch niemand herangewagt.

Die Frage ist, warum das so ist. Bach allgemein oder auch Beethovens schnelle Sätze sind sehr rhythmische Musik, die ihr Tempo kaum oder gar nicht variieren, und deshalb gut in die Popmusik umsetzbar, die ja auch eine sehr starke, gleichbleibende rhythmische Komponente besitzt. Debussys Musik hingegen besitzt selten einen durchgehenden, über längere Zeit durchgehaltenen Rhythmus und ist oft sogar bewusst rhythmisch ungenau komponiert. Außerdem drängt sie oft nach vorn oder hält an, ändert also häufig das Tempo. Kann solche Musik Grundlage für Popmusik sein?

Nicht ohne weiteres, und das erklärt auch die Machart von "The Seduction of Claude Debussy". Oft werden nur kleinste Ausschnitte aus den Werken Debussys herausgeschnitten, manchmal nur eine kurze Harmonieverbindung oder ein kleiner Melodiefetzen, und anschließend geloopt, also endlos aneinander gehängt. Somit besitzen die Stücke auch keine innere Entwicklung, sondern sind mehr als Klangcollagen aufzufassen. Zusammen mit den Sounds aus den Samplern und Synthesizern, und den Beats, die darunter gelegt werden, ist das natürlich kein Debussy mehr, sondern ein ganz neuer Klangkosmos, der sich nur bei Debussy als Anstoß, als Inspiration bedient.

"The Art of Noise" sagen selbst in einem Interview: "We're very keen to point out that this isn't a Debussy record." (1) Es ist einfach "The Art of Noise" at their best, und auf jeden Fall wert gehört zu werden.

Wer sind "The Art of Noise"?

The Art of Noise

Die Gruppe "The Art of Noise" entstand 1983. Bei der Produktion von "The Seduction of Claude Debussy" im Jahr 1999, die nach langjähriger Pause entstand, waren noch drei Mitglieder aus der Anfangsformation dabei, nämlich neben Trevor Horn, Paul Morley (2 v.l.) und Anne Dudley. Neu war der davor bei 10CC spielende Lol Creme.

"The Seduction of Claude Debussy"

"The Seduction of Claude Debussy" ist mit Sicherheit eines der interessantesten Projekte der letzten Jahre aus dem Klassik-Pop-Bereich. Stilistisch ist die Einordnung gar nicht leicht. Es ist eine Mischung aus Elementen von Klassik, Jazz, Pop, Hip-Hop, Rap, Drum'n'Bass und Ambient.

The Seduction of Claude Debussy - Cover

Die Stärke des Albums liegt in den tollen, meist elektronisch erzeugten Sounds, den Arrangements und der absolut perfekten Produktion. Reizvoll ist der bei einigen Titeln bewusst eingesetzte Kontrast zwischen der klassischen Singstimme von Sally Bradshaw und der Popstimme von Donna Lewis.

Zusammengehalten wird das Album von einem Erzähler, der die Tracks miteinander verbindet, und teilweise auch über den Titeln spricht. Er lässt Debussys Leben, seinen Charakter, und gewisse Eigenheiten Debussys am Zuhörer vorbeiziehen und gibt den Einzeltiteln somit einen Zusammenhang. Die Stimme des britischen Schauspielers John Hurt ist dabei sehr charakteristisch und ausdrucksstark; sie erinnert an die Sprechparts von Vincent Price bei Michael Jacksons "Thriller" oder Orson Welles bei Alan Parson's Projects "Tales of Mystery and Imagination".

Fazit

Als Fazit kann man das Album ohne Bedenken all denjenigen empfehlen, die gegen kreativen Umgang mit klassischem Material nichts einzuwenden haben, und sich an wunderbaren Sounds und Arrangements erfreuen können; ein bisschen Zeit zum Einhören vorausgesetzt. Für Puristen unter den Debussy-Fans ist Vorsicht geboten, und man muss Debussy nicht unbedingt kennen, um an dem Album Gefallen zu haben.


(1) http://ink19.com/1999/10/magazine/interviews/the-art-of-noise

  © 2016 by Jochen Scheytt

Debussy Titel

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Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.


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Jochen Scheytt

ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.