Popsongs und ihre Hintergründe

Toto

Toto: Africa

Jahr: 1982

Wodurch wird ein Song zu einem Klassiker, der sich nicht abnutzt und den man immer wieder hören kann?


Es ist schon ein Phänomen. An manchen Songs kann man sich nicht satthören. Sie verlieren auch durch die zigste Wiederholung nichts von ihrer Faszination. Und wie oft lief Totos "Africa" seit 1982 schon im Radio oder von der CD. Nicht einmal die Sounds klingen alt, obwohl die Technik seit damals Quantensprünge gemacht hat.

Sicherlich, manche Songs verbindet man mit einem persönlichen und oft besonders emotionalen Ereignis und hat zu ihnen deshalb eine spezielle und lang anhaltende Verbindung. Aber bei "Africa" ist dies nicht nötig. Es ist ein Dauerbrenner. Im Folgenden ein Versuch, hinter das Geheimnis des Songs zu kommen, herauszufinden woran das liegt.

Ein Song ist immer dann sehr gut, wenn man ihn schon seit Jahren kennt, und doch bei genauem Hinhören immer noch etwas Neues, bisher nicht Wahrgenommenes entdeckt. Haben Sie zum Beispiel schon einmal die Blöcklöte gehört, die in der zweiten Strophe als Überstimme mitspielt? Oder haben Sie schon den hohen E-Bass-Fill bemerkt, der den Schlussvamp gliedert? Ist Ihnen schon der Bogen aufgefallen, der den Schluss wieder mit dem Anfang verbindet, indem am Schluss alle Instrumente langsam ausgeblendet werden, bis der Schlagzeuggroove des Anfangs übrig bleibt? Das mögen Kleinigkeiten sein, aber sie stehen symbolisch für die qualitativ hohe Arbeit, die Planung, die Tüftelei, die hinter der Produktion von "Africa" steckt.

Tüftler waren sie, die Musiker von Toto: David Paich (Keyboards, Vocals), Steve Lukather (Gitarre, Vocals), Bobby Kimball (Vocals), Steve Porcaro (Keyboards), Jeff Porcaro (Drums) und David Hungate (Bass). Und sie waren Könner an ihren Instrumenten. Nicht zuletzt deshalb hat man ihnen immer wieder vorgeworfen, dass ihre Aufnahmen zu perfekt seien, zu klinisch, zu emotionslos. Das Synthsizersolo aus "Africa" mag sinnbildlich dafür stehen.

Das durchweg zweistimige Solo im Kalimbasound läuft über die verkürzte Harmoniefolge der Strophe, die nur noch sechs Takte beträgt. Die sechs Solotakte sind in drei zweitaktige Phrasen gegliedert. Die erste und dritte Phrase wird geprägt von Dreiergruppen, die erste abwärts und die dritte in der Aufwärtsbewegung. Die Gruppierung von immer drei Achteln ergibt über dem 4/4-Takt der Begleitung reizvolle Akzentverschiebungen. Die mittlere Phrase benutzt fast nur Triolen, die außerdem in der Mitte der Phrase sehr laid-back, also rhythmisch etwas zu spät, gespielt werden. Somit hat das Solo in seinem Aufbau eine Symmetrie, die bestimmt nicht zufällig entstanden ist, sondern das Ergebnis sorgfältiger Planung. Statt ausufernder Improvisation wird hier auf kleinstem Raum maximale Wirkung erzeugt. Und schwer zu spielen ist das Solo dabei auch noch.

Welche Detailarbeit sonst noch hinter den 4.58 Minuten steckt, verrät der Artikel "Toto's Africa" von Robyn Flans, der hauptsächlich aus Interviewteilen mit David Paich, Jeff Porcaro, Steve Lukather und dem Toningenieur Al Schmitt besteht. (1)

Jeff Porcaro äußert sich darin ausführlich über den Schlagzeug-Groove des Beginns der Aufnahme. Dieser wurde inspiriert von den typischen Charakteristika afrikanischer Trommelmusik: dem Beibehalten eines Grooves über längere Strecken, ohne dass dieser variiert wird, und eine Komplexität, die aus dem gleichzeitigen Ablaufen von verschiedenen, rhythmisch unterschiedlichen Schichten besteht. Genau so funktioniert die Schlagzeugspur von "Africa". Es handelt sich dabei nämlich um einen Drumloop, also eine endlos wiederholte kurze Tonbandeinspielung, die sich das ganze Stück über nicht ändert. Um diesen Loop zu kreieren, setzten sich der Schlagzeuger Jeff Porcaro und der Perkussionist Lenny Castro ins Studio, bewaffnet mit Bassdrum, Snaredrum und Hi-Hat (Jeff) und zwei Congas (Lenny). Sie spielten dann fünf Minuten lang, suchten sich anschließend von der dabei entstandenen Aufnahme die besten zwei Takte und überspielten sie noch mit Shaker und Cowbell. Daraus entstand der eintaktige Tonband-Loop, der in der Tat von Anfang bis Ende der Aufnahme durchläuft.

Dies ist aber noch nicht alles, was den Einsatz von Schlagzeug betrifft. Zu diesem Loop spielte Jeff Porcaro zusätzliches Schlagzeug während des Refrains ein. Man kann den Einsatz deutlich hören. Porcaro leitet die neue Schlagzeugstimme kurz vor dem Refrain mit einem Fill über drei Toms ein. Während der Strophen ist dagegen nur der Drum-Loop zu hören.

Was den Gesang angeht, konnte Toto ja mit drei Leadsängern aus dem Vollen schöpfen. Wegen des recht umfangreichen Texts in den Strophen wurde viel probiert und umgeworfen, bis sich David Paich als der Geeignetste für die Strophen herausstellte. Den Refrain dagegen singt nicht er, sondern Bobby Kimball, Steve Lukather und Timmy Schmidt. Darüber hinaus wurde der Leadgesang noch nach dem Vorbild der Beatles und Beach Boys verdreifacht.

All diese Dinge sind die Grundlage dafür, dass ein Song sich so lange halten kann, ohne alt zu werden, ist aber sicher nicht das allein Entscheidende. Im Falle von "Africa" kommt noch ein Liedtext hinzu, der bewusst geheimnisvoll und exotisch ist, voller nicht ganz klarer Anspielungen, Doppeldeutigkeiten und Bilder. Hier sind es vor allem die Bilder, die Afrika evozieren, wie zum Beispiel "the wild dogs cry out in the night", "I hear the drums echoing tonight", der Kilimanjaro "rising like Olympus above the Serengeti", die die Fantasie anregen. Denn wer wünscht sich nicht, gedanklich aus seinem Alltag herauszukommen, in die Ferne zu schweifen. Musikalische Qualität, Detailversessenheit, Beherrschung der technischen Möglichkeiten, gepaart mit latenter Urlaubsstimmung und einem Schuss Exotik - das wird wohl das Geheimnis sein, oder?


(1) http://mixonline.com/mag/audio_totos_africa/

© 2008 by Jochen Scheytt

Album: Toto IV
Veröffentlichung: April 1982
Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.
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