Popsongs und ihre Hintergründe

Bill Withers 1976

Bill Withers: Ain't No Sunshine

Jahr: 1971

You gotta mike the box.


Man kann sich das Gesicht des Toningenieurs Bill Halverson lebhaft vorstellen. Den ungläubigen Blick, die hochgezogenen Augenbrauen. Wie war das nochmal? „You gotta mike the box.“ Bill Halverson war Profi genug, um die Box zu mikrophonieren, ohne in größere Diskussionen einzusteigen. Studiozeit war schon immer knapp und wertvoll. Und man hatte für diesen unbekannten Sänger, der die unkonventionelle Forderung stellte, eh nur vier Studiotage mit je drei Stunden Zeit.

Der bis dato unbekannte Sänger war Bill Withers. Er war in der Tat ein ziemliches Greenhorn. Aus den einfachen Verhältnissen einer Bergbaufamilie in der Provinz West Virginias stammend hatte er sich nach der Schule der US Navy angeschlossen. In den neun Jahren bei der Army begann er zu singen und Songs zu schreiben. Nachdem er die Army 1965 verlassen hatte, ging er nach Los Angeles. Er ging einer geregelten Arbeit beim kalifornischen Flugzeugbauer Douglas nach, wo er Flugzeugtoiletten montierte. Nebenbei produzierte er Demotapes von seinen Songs, die er an Plattenfirmen verschickte. Anfang 1970 hatte er Erfolg bei Sussex Records.

Die frühen 1970er Jahre waren eine Zeit des radikalen Umbruchs in der populären Musik. Das Lebensgefühl der 1960er Jahre, die Zeit von Love and Peace war definitiv vorüber. Die Beatles, die Über-Band der 60er, hatte sich aufgelöst und der Soul-Sound der Hit-Schmieden wie Motown hatte sich ausgereizt. Zudem spürte man die Folgen des Drogenkonsums – mit Janis Joplin, Jimi Hendrix und Jim Morrison waren die ersten Drogentoten unter den Musikern zu beklagen.

Doch was kam danach? Der Rock der 60er entwickelte sich in den 70ern weiter zu Hard Rock, Classic Rock und Bombast-Rock mit immer mehr Aufwand und Komplexität. Die Synthesizer-Türme eroberten die Bühnen und sorgten für neue Sounds. Der Soul ging über in den nicht minder komplexen Funk, der auch Elemente aus dem Jazz aufnahm. Doch es gab auch eine Bewegung, die für eine neue Simplizität stand, durchaus in Nachfolge der Singer-Songwriter der 1960er Jahre, aber auch in der Tradition des Bluessängers, der begleitet von seiner Gitarre seine Geschichten erzählt.

Ain't no sunshine steht durchaus in der Tradition des Blues. Es ist im Grunde ein ganz einfach gehaltenes Liedchen und hat diesen melancholischen Unterton der den meisten Blueskompositionen zueigen ist. Harmonisch ist der Song ein Mollblues mit Mollakkorden auf den Tonstufen I, V und IV, und dem Wechselakkord auf der I. Stufe. Blues-typisch ist auch die pentatonische Anlage der Melodie. Wie bei den Blues-Songs fehlt ein eigentlicher Refrain, dafür wird eine Hook-Line, die den Song eröffnet, innerhalb der Strophen gleich wiederholt.

Und so kam Bill Withers an diesem ersten Studiotag mit seiner Gitarre, einem Stuhl mit senkrechter Lehne und der besagten Box ins Studio gelaufen. Die Box, eine unten offene Holzkiste, 10 cm hoch und 1 m auf 1,20 m in der Fläche, stellte er in die Mitte des Studios, wo ihn der Tontechniker hinbeorderte, und den Stuhl darauf. (1)

Sussex Records hatte für Bill Withers in Booker T. Jones einen professioniellen Produzenten zur Verfügung gestellt. Aber auch die für die Aufnahmesessions bereit stehenden Musiker waren alles versierte Profis. Es waren Stephen Stills an der E-Gitarre, Donald Dunn am E-Bass und der Schlagzeuger Al Jackson (Die Streicher wurden später in Memphis aufgenommen). Bill Withers war sich als Neuling seiner Stellung in dieser Runde durchaus bewusst – bescheiden wie er war. So verließ er sich auch vollkommen auf den Rat der erfahrenen Kollegen, wie zum Beispiel bei der berühmten „I know, I know“-Stelle im Song. Eigentlich eine Art von Platzhalter, mal so dahinimprovisiert, bis etwas Besseres nachkommt, fanden alle, dass diese 26 I-know's einen besonderen Charme besäßen und man das so auf der Aufnahme lassen solle.

I was going to write something there, but there was a general consensus in the studio. […] They were all these people with all this experience and all these reputations, and I was this factory worker in here just sort of puttering around. So when their general feeling was, 'leave it like that,' I left it like that.“ (2)

Nur bei der Sache mit der Box, da war Bill Withers eigensinnig. Ohne Box war das nicht zu bewerkstelligen. Haben Sie, verehrter Leser, die Box schon einmal gehört? Nein? Also, dann noch einmal die Aufnahme abspielen, am besten in guter Qualität, und genau zuhören. Am besten hört man sie zu Beginn, bevor die Band einsteigt. Hier klopft Withers den Fuß in gleichmäßigen Vierteln auf die Box. Deutlich zu hören ist die Box auch bei der I-know-Stelle. Der helle perkussive Sound des Schuhs, der auf die Holzkiste klopft, kontrastiert mit der dunkler klingenden Bass-Drum. Beide zusammen ergeben ein interessantes rhythmisches Pattern.

Es ist ja nichts besonderes, dass Popularmusiker mit ihren Füßen zur Musik dazu wippen, tippen oder stampfen, aber bei Withers ist dies ganz bewusst Teil der Performance und bekommt durch die Feinheit und die besondere rhythmische Gestaltung quasi einen künstlerischen Stellenwert. Ganz nebenbei steht dieses Fußklopfen auch symbolisch für diesen sympathischen, bodenständigen und noch nicht von den Mechanismen der Unterhaltungsindustrie vereinnahmten Musiker und es ist nur mehr als gerecht, dass er mit dieser Natürlichkeit Erfolg hatte.


(1) Schultz, Barbara. Classic Tracks: Bill Withers „Ain't no sunshine“. https://www.mixonline.com/recording/classic-tracks-bill-withers-ain-t-no-sunshine-367580
(2) Zitiert nach: http://www.songfacts.com/blog/interviews/bill_withers/

© 2018 by Jochen Scheytt

Album: Just As I Am
Veröffentlichung: Mai 1971
Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.
Alle Texte auf dieser Internetpräsenz sind urheberrechtlich geschützt und dürfen nicht ohne Einwilligung verwendet werden. - All rights reserved. Unauthorized usage or publication of any written contents on these pages is forbidden.