Popsongs und ihre Hintergründe

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Gerry Rafferty: Baker Street

Jahr: 1978

Ein Altsaxophon im Kofferraum, £27,50 Studiohonorar und merkwürdige Erinnerungslücken sind Teil von Gerry Raffertys größtem Erfolg


Als Adolphe Sax 1842 das von ihm erfundene Saxophon der Öffentlichkeit vorstellte, wollte er das Saxophon als Instrument im Sinfonieorchester etablieren. Doch das war nicht die wahre Destination dieses neuartigen, nach dem Vorbild der Bassklarinette entwickelten Instruments. Erst gut 70 Jahre später, im Jazz, bekam das Saxophon die tragende Rolle, die sein Erfinder sich erträumt hatte, die er aber nicht mehr erlebte.

Über den Jazz, die Big Bands, den Rhythm’n’Blues und die Small Bands der 1950er Jahre kam das Saxophon auch in den Rock’n’Roll. Die Gitarren-Lastigkeit der weißen Rockmusik der 1960er und die Entwicklung der synthetischen Klänge in den 1970er Jahren drängte die Blasinstrumente in der Pop- und Rockmusik allerdings an den Rand. Nur in den Stilen, die afro-amerikanischen Ursprungs waren, wie dem Soul oder Funk, blieb das Saxophon in den Horn-Sections und kurzen Instrumentalsoli präsent.

So war das prominent gespielte Saxophon auf Gerry Raffertys Baker Street von 1978 durchaus etwas Besonderes und Ungewohntes. Michael Gray, damals Manager von Rafferty und Mitglied in der Runde beim Plattenlabel, die die Singleauskoppelungen aus Raffertys Album City to City beschloss, erinnert sich, dass er aus genau diesem Grund, also wegen des Saxophons und der damit verbundenen Implikation, gegen die Singleauskoppelung war: „No, that won’t make a single. Too jazzy.“ (1)

Man sprach sich dann doch für Baker Street aus, mit dem bekannten Erfolg. Aber der kam definitiv wegen, und nicht trotz des Saxophons, das den Song prägte wie vielleicht nie zuvor oder danach (vielleicht von Bill Withers und Grover Washington Jr.'s Just the two of us und George Michaels Careless Whisper abgesehen). Da es in den 1960ern und 1970ern nicht üblich war, die Namen der beteiligten Sessionmusiker auf der LP zu vermerken, war es lange Zeit nicht klar, wer denn nun das legendäre Altsaxophon gespielt hatte. Es war der schottische Musiker Raphael Ravenscroft. Und hier beginnen auch die Merkwürdigkeiten.

So erklärte Ravenscroft, dass er für seinen essentiellen Beitrag zu Baker Street lediglich 27,50 britische Pfund als Studiohonorar bekommen haben soll. Ein ziemlicher Witz – und ein schlechter dazu - angesichts der Bedeutung des Saxophonsolos für den Erfolg des Songs, der hohen Verkaufszahlen und dem unendlichen Strom an Tantiemen, angeblich 80.000 britische Pfund im Jahr (2), den Gerry Rafferty Zeit seines Lebens für die Komposition erhielt. Man fühlt sich sofort an Cat Stevens und den Keyboarder Rick Wakeman erinnert. Wakeman hatte den Klavierpart von Stevens’ Millionenseller Morning has broken eingespielt und trotz der Millionen, die Stevens damit verdiente, nur ein minimales Studiohonorar erhalten.

Richtig verwundert ist man, wenn man erfährt, dass sich Rafferty und Ravenscroft über die Entstehung des berühmten Saxophon-Parts überhaupt nicht einig waren. Konträrer könnten die Ansichten im Nachhinein nicht sein. Während Rafferty die musikalische Urheberschaft für sich beanspruchte ("When I wrote the song I saw that bit as an instrumental part but I didn’t know what. We tried electric guitar but it sounded weak, and we tried other things and I think it was Hugh Murphys suggestion that we tried saxophone.") (3), behauptete Ravenscroft, er habe einen Song mit vielen Lücken präsentiert bekommen, auf eigenes Betreiben statt des vorgesehenen Sopransaxophons sein Altsaxophon aus dem Kofferraum seines Autos geholt und außerdem gar keine konkreten Anweisungen erhalten, sondern nur eine mehr oder weniger gängige Bluesphrase gespielt. Ein 2011 veröffentlichtes Demotape, auf dem Rafferty selbst die berühmte Melodielinie auf der E-Gitarre spielt, beweist jedoch wohl endgültig, dass sie nicht von Ravenscroft stammen kann. Klären können die beiden das untereinander nicht mehr, denn Rafferty starb 2011, Ravenscroft 2014.

Auch wenn die beiden nun nicht mehr unter uns sind – Baker Street ist nach 40 Jahren noch immer präsent und hat noch nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Und so hoch man die Leistung Ravenscrofts dabei einschätzen mag, ihre Wirkung entfalten die magischen Saxophontöne erst im Zusammenhang mit Raffertys Komposition - und es gibt vom Saxophon abgesehen verschiedene Gründe, warum Baker Street ein außergewöhnlich guter Song ist.

Da wären das Intro, eine kleine Welt für sich über schwebenden, parallel verschobenen Mischklängen; die suchenden, nie wirkliches ein tonales Zentrum erreichenden Akkorde der Strophen und des Refrains; die Produktion mit der durchsichtigen und intelligenten Instrumentation der Strophen und dem wuchtigen Saxophon-Refrain; das bluesige und energetische E-Gitarren-Solo von Hugh Burns; der in schöne Bilder verpackte teils autobiographische Liedtext Raffertys über die Leere der Großstadt und eine Sinnsuche im Lichte dieser Einsamkeit; und nicht zuletzt der fast lakonisch zu nennende Gesang Raffertys, der diesen wunderbaren Kontrast zum emotionalen Saxophon-Refrain bildet und damit auch den Grundstein für das Funktionieren und den großen Erfolg des Songs legt.


(1) BBC Radio 4. Soul Music. Baker Street Episode 13. http://www.bbc.co.uk/programmes/b01b9jp0
(2) http://www.telegraph.co.uk/culture/music/rockandpopfeatures/8241031/I-was-paid-27-for-Baker-Street-sax-solo.html
(3) Gerry Rafferty in einem Interview mit Colin Irwin, 1988. Zitiert nach https://live.wdrv.com/listen/artist/563201cb-721c-4cfb-acca-c1ba69e3d1fb?slide=1

© 2018 by Jochen Scheytt

Album: City to City
Veröffentlichung: Januar 1978
Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.
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