Popsongs und ihre Hintergründe

Duck Sauce: Barbra Streisand

Jahr: 2010

Wir fahren mit der Bimmelbahn stark augenzwinkernd nach New York.


Es würde mich im Grunde schon mal interessieren, wer den "Ohrwurm" eigentlich erfunden hat (nicht die Schweizer, hoffe ich). Der Ohrwurm ist ein geniales Bild für eine Melodie, die sich wie ein kleiner Wurm in die Gehörgänge fräst, um da nie wieder herauszukommen. Ob dieser kleine Wurm auch in anderen Sprachen existiert? Das Englischlexikon wirft tatsächlich unter Ohrwurm "earwig" aus! Ob man das glauben soll? Wahrscheinlich würde "a catchy phrase" oder "a catchy tune" der Sache näher kommen.

Heinz Huth hat auf jeden Fall den perfekten Ohrwurm geschrieben. Es ist eigentlich nur eine kurze Melodiephrase aus 12 Tönen. Und weil sie so perfekt ist, braucht sie auch keinen Text, ein simples uhuhuhu huhuhu huhuhu huhu reicht aus. Der Rest des Songs, der um diesen Ohrwurm rumgebaut ist, heißt Hallo Bimmelbahn und erschien 1973 auf Langspielplatte. Die Band hieß "Nighttrain" (vielleicht eine freie Übersetzung für Bimmelbahn?) und bestand neben Heinz Huth (Gesang und Gitarre) noch aus seinem Bruder Jürgen (Schlagzeug). Produziert wurde der Song von Michael Holm, den man aus der Zeit damals noch als Schlagerstar kennt. Tja, aber nach Hallo Bimmelbahn würde heute kein Hahn mehr krähen, wenn da nicht dieser Ohrwurm wäre.

Dass man aus der Ohrwurm-Melodie mehr machen kann als einen Song mit etwas peinlichem Titel, erkannte Frank Farian, einer der erfolgreichsten Produzenten im Deutschland der 1970er Jahre. Er hatte mit Boney M das Projekt gestartet, mit dem sein Name auch heute noch verbunden wird. Und für diese Formation, die ja bekanntlich hauptsächlich gut aussehen musste - man schrieb das Zeitalter des Vollplayback - war er immer auf der Suche nach gutem Material. Und schwupps, aus Hallo Bimmelbahn wurde Gotta Go Home. Das Original ist dabei im Grunde nicht verändert, nur der Refrain "gotta go home" wurde dazu komponiert. Die Brüder Huth dürften nichts dagegen gehabt haben, wurden sie doch als Urheber in der neuen Version korrekt mit aufgenommen, was die Kasse klingeln lässt.

Doch wir sind noch nicht am Ende dieser kleinen Zeitreise. Gut 20 Jahre später schlenderte Armand van Helden, ein junger DJ, über den Broadway und stöberte in einem Laden in alten DVDs weil er Musikvideos sammelt.

"It was just something that I had gotten down on Broadway–there’s this old guy that sells DVD concerts, but he had a couple of music video compilations and one of them was disco. It was like sixty disco music videos on a disc and one of them was that Boney M [song ultimately sampled on the track]." (1)

Armand van Helden bildet zusammen mit Alain Macklovitch, genannt A-Trak, das Duo Duck Sauce. Sie produzieren Dancefloor Tracks. Beim Anhören des historischen Boney M-Songs fraß sich der gute alte Ohrwurm auch in van Heldens und A-Traks Gehörgang und steckte fest. So sampleten die beiden das Tierchen. Wie es sich für DJs gehört, ließen sie den ganzen Schnickschnack, sprich alles was bei Boney M gesungen wurde, weg und bauten den kompletten Song auf der Ohrwurm-Phrase auf. Wobei die beiden den Ohrwurm Sing-a-long nannten. Und sie waren sich nicht ganz sicher, ob das alles eine so gute Idee war, wie A-Trak ausführt:

"I remember when we first picked that sample, I kind of had cold feet about even using it because it’s kind of silly. It’s just a little sing-a-long and I thought, “Man, this is kind of dumb, but it’s also really catchy and people might want to sing along to it.”" (2)

Das gute alte deutsche Liedgut "silly" und "dumb"? Da musste dann was wirklich Intelligentes her. Wie wäre es zum Beispiel mit etwas Gesprochenem? Nur, was? A-Trak erinnert sich:

"I remember I had this idea where I was like, “We gotta say something stupid.”" (3)

Aha.

"Armand was like, “We should just say something.” It went from that to “Say someone’s name.”" (4)

Ok. Aber wer? Und wer jetzt erwartet, dass hier endlich die wahren Zusammenhänge zwischen Bimmelbahn, Boney M und Barbara Streisand enthüllt werden, der wird leider gleich gnadenlos enttäuscht werden, denn:

"Then Armand had a moment where he was like, “I got it! We gotta say someone’s name, someone in music, who has nothing to do with this.” And that led us to Barbara Streisand." (5)

Das Leben kann manchmal so ernüchternd sein.


(1) Zitiert nach: Patel, Puja. Q&A: A-Trak and Armand Van Helden Talk (and Talk and Talk) Duck Sauce, “Barbra Streisand,” and Doing Karaoke With Vampire Weekend’s Ezra Koenig. 13.10.2010. https://www.villagevoice.com/2010/10/13/qa-a-trak-and-armand-van-helden-talk-and-talk-and-talk-duck-sauce-barbra-streisand-and-doing-karaoke-with-vampire-weekends-ezra-koenig/
(2) ebda.
(3) ebda.
(4) ebda.
(5) ebda.

© 2018 by Jochen Scheytt

Veröffentlichung: Oktober 2010
Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.
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