Popsongs und ihre Hintergründe

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France Gall: Elle, elle l'a

Jahr: 1987

Sie hat es, das gewisse Etwas: Ella Fitzgerald, eine der begabtesten und berühmtesten Jazzsängerinnen aller Zeiten.


"Eines Abends, als ich durch Harlem schlurfte, landete ich im Savoy. Nachdem ich einige Runden getanzt hatte, hörte ich eine Stimme, die mir Schauer über den Rücken jagte (was ich niemals für möglich gehalten hätte). Ich rannte buchstäblich zur Bühne, um herauszufinden, wem die Stimme gehörte und sah ein adrett aussehendes Mädchen mit brauner Haut, das völlig bescheiden da stand und einfach großartig sang. Man sagte mir, ihr Name sei Ella Fitzgerald und Chick Webb hätte sie bei den Amateur Hours im Apollo ausgegraben."(1)

So schildert die Jazzpianistein Mary Lou Williams ihre erste Begegnung mit Ella Fitzgerald um das Jahr 1935 im damals angesagtesten Swing-Tanzlokal in New York, dem Savoy Ballroom. Ella singt damals in der Big Band des Schlagzeugers Chick Webb und ist erst 17 Jahre alt. Chick Webb hatte sie zwar, anders als von Mary Lou Williams angedeutet, nicht selbst entdeckt, war aber nach einigen vergeblichen Anlaufstationen der erste, der bereit war, der jungen Sängerin ein Podium zu geben.

Ihren ersten und gleich legendären Auftritt hatte Ella Fitzgerald aber wirklich im Apollo-Theater in Harlem, und zwar im Jahre 1934 bei den "Wednesday Amateur Shows". Bei diesen Talentwettbewerben konnte sich jeder beteiligen, vorausgesetzt er oder sie hatte die Nerven, sich dem fachkundigen, in seiner Kritik aber gnadenlosen Publikum zu stellen. Wer die Gunst der um die 1.700 Zuschauer erringen konnte, hatte aber auch gute Chancen, es im Showbusiness weit zu bringen. Als Ella im Januar 1934 auf die Bühne kommt, hat sie eigentlich eine Tanznummer im Gepäck, kann diese aber nicht vorführen, da ihr angesichts des Publikums fast die Füße wegknicken. In der Not entschließt sie sich zu singen, den damals aktuellen Schlager "Judy" - und das Publikum ist begeistert.

Schon damals spüren die Zuhörer im Apollo instinktiv, dass diese junge, schüchterne und zierliche Frau auf der Bühne über etwas Besonderes verfügt, eine Ausstrahlung, mit der sie ihre Umgebung in ihren Bann ziehen kann. Etwas in der Stimme, das aufhorchen lässt und einen fesselt. France Gall drückte das in ihren Song "Ella, elle l'a" so aus: Ella - sie hat's.

Ella, elle l'a, ce je n'sais quoi, que d'autres n'ont pas, qui nous met dans un drole d'etat...
Elle a ce tout petit supplément d'âme, cet indéfinissable charme, cette petite flamme.

Ella, sie hat's, dieses gewisse Etwas, das die anderen nicht haben, das uns in diesen komischen Zustand versetzt...
Sie hat dieses klitzkleine Mehr an Seele, diesen unbeschreibbaren Charme, dieses kleine Feuer.

Weiß man nicht, von wem dieser Song handelt, dann gibt es im Liedtext recht wenig gezielte Informationen, um das Rätsel zu lösen. Michel Berger, France Galls inzwischen verstorbener Ehemann, der Text und Musik geschrieben hat, belässt es bei vagen Andeutungen. Er erwähnt weder Ella Fitzgeralds Nachnamen, noch gibt es explizit Hinweise auf die Musik. Er spricht zwar von der Stimme, doch muss dies noch lang keine Gesangsstimme sein. Auch der Hinweis auf die Geschichte des schwarzen Volks (l'histoir der peuple noir) und seine Leiden bleibt sehr im Ungewissen.

Berger versucht eine Annäherung an das Phänomen Ella, indem er mehr auf ihr Talent, auf ihre spezielle Begabung eingeht. Auf das, was ihre Musik im Zuhörer auslöst. Ein gewisses Etwas, das möglicherweise in uns allen schlummert, das wir vielleicht noch nicht entdeckt haben, aber was unbedingt nötig ist, um andere emotional zu berühren.

Insofern ist es auch konsequent, dass Berger in musikalischer Hinsicht keinen Bezug zu Ellas Stil sucht und somit auch jazzige Anklänge vermeidet. So ist "Ella, elle l'a" ein Song im besten Eighties-Sound, der auch nach 25 Jahren noch nicht alt klingt. Bemerkenswert ist noch, wie der Einsatz der Bläser (vielleicht der einzige Hinweis auf den Jazz und seine Big Bands) am Schluss des Songs vorbereitet wird. Dem Einsatz wird ein Formteil vorangestellt, der klanglich sehr reduziert ist. Dieser Teil wird mehrmals wiederholt und dreht sich nun quasi mehrmals im Kreis, indem sich der letzte Akkord harmonisch nie auflöst. Dabei wird unmerklich Spannung aufbaut. Erst nach der letzten Wiederholung löst sich die Harmonik in den Zielakkord e-Moll auf und erzielt mit dem damit verbundenen Forte-Einsatz aller Instrumente eine Entladung der Spannung.


(1) Shapiro, Bat und Henthoff, Nat. "Hear me talkin' to ya". The Classic Story of Jazz as Told by the Men Who Made It", 1955. Im Original: One night, scuffling around Harlem, I fell in the Savoy. After dancing a couple of rounds, I heard a voice that sent chills up and down my spine (which I never thought could happen). I almost ran to the stand to find out who belonged to the voice, and saw a pleasant-looking, brown-skinned girl standing modestly and singing the greatest. I was told her name was Ella Fitzgerald an that Chick Webb had unearthed her from one of the Apollo's amateur hours.

© 2011 by Jochen Scheytt

Album: Babacar
Veröffentlichung: August 1987

Dem Savoy Ballroom wurde 1934 mit dem Jazzstandard "Stompin' at the Savoy" ein Denkmal gesetzt.
Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.
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