Popsongs und ihre Hintergründe

Green

Cee Lo Green: Forget You

Jahr: 2010

Die gezielte Provokation: Cee Lo Green, youtube und das berühmt-berüchtigte f-Wort


Jeder, der die brilliante englische Komödie "Four Weddings And A Funeral", zu deutsch "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" je gesehen hat, der wird sich an den Anfang des Films erinnern, als Charles, gespielt von Hugh Grant, und seine Freundin komplett verschlafen. Sie werden aber dringend bei einer Hochzeitsfeier erwartet. In den folgenden Filmsequenzen - beim verzweifelten Versuch den Rückstand wieder aufzuholen - reduziert sich der Dialog auf ein Wort, das berühmte f-word, mit dem alles, was aufgrund der Hektik wieder schiefgeht, kommentiert wird. Gekrönt wird das ganze im Film dann von der durchaus als Steigerungsform interpretierbaren Variante "fuckety-fuck".

Diese Szenen mussten im Übrigen für den amerikanischen Markt komplett neu gedreht werden (1), um eine entsprechende Freigabe des Films zu erhalten. Eine Neusynchronisation wurde verworfen, weil man das "fuck" immer noch auf den Lippen ablesen hätte können. Man ersetzte das f-Wort durch harmlosere Ausdrücke wie "blimey" oder "crumbs". Dass in den USA schlimme Ausdrücke wie die "seven dirty words" (2), zu denen auch unser f**k gehört, nicht in die falschen Ohren gelangen, dafür sorgt eine spezielle Behörde, die Federal Communications Commission (FCC). Sie wacht über die Sendeanstalten und verhängt bei Nichtbeachtung saftige Geldstrafen, die wegen ihrer Höhe für kleinere Sendeanstalten durchaus existenzbedrohend sein können. Die Sender geben diesem Druck nach, manche zensieren sogar aus eigenen Stücken oder nehmen Titel aus dem Programm, aus der puren Angst, verklagt zu werden und zahlen zu müssen.(3)

Insofern war das Auftauchen von Cee Lo Greens Musikvideo "F**k You", das am 19. August 2010 im Internet auf youtube veröffentlicht wurde, eine spannende Sache. Das Flash-Video wurde innerhalb einer Woche mehr als drei Millionen mal abgerufen.(4) Wobei es doch fraglich ist, ob dies nur wegen der vermeintlich Provokation durch den vulgären Ausdruck so war. Sicher, eine gezielte Provokation war schon immer ein Garant für Aufmerksamkeit, allerdings muss dann das Produkt auch halten, was die Provokation versprach. Und das ist in diesem Fall so. Der Song ist definitiv gut gemacht - ein funkiger Groove mit aktuellen Sounds, ein Schuss Motown und Greens über allem schwebende, charakteristische Stimme - und besitzt definitv Hitqualitäten. Und, nicht zu vergessen, es gibt einen weiteren Grund: das Video.

Laut einem Artikel der gewöhnlich gut informierten New York Times (5) war dieses Video aber nur ein kurzfristig zurechtgezimmerter Platzhalter, der sozusagen über Nacht entstanden ist. Der verantwortliche Grafikdesigner, Terry Scruby, sagt: "I designed and animated the entire song in only one night, and actually had to drop additional ideas I wanted to incorporate [...]." Wahrscheinlich ist es gerade die vermeintliche Einfachheit der Schrift vor den einfarbigen, wechselnden Hintergrundflächen, die für den besonderen Reiz des Videos sorgt. Vielleicht auch, dass gerade bei einem Song, der mit der sprachlichen Provokation spielt, dies in übergroßen Lettern auch noch vom Bildschirm springt.

Man nennt die Machart des Videos auch "motion typography" oder "kinetic typography". Dazu werden die Worte im Rhythmus der Sprache oder der Musik animiert. Dies geschieht meist in plakativen Großbuchstaben unterschiedlicher Größe und vor farbigem Hintergrund, auf die die virtuelle Kamera zu- oder wegzoomt, sich buchstäblich in die Worte hineinbeamt, die Buchstaben abfährt, sie dreht und viele andere Effekte beinhaltet. Das Video zu "F**k You" ist in dieser Hinsicht - wie Terry Scruby ja selbst erwähnt - wahrlich nicht besonders ausgecheckt, beeindruckt aber trotz alledem durch die Koordination von Rhythmus und visueller Gestaltung, durch die Refraineffekte und durch einige witzige Details wie die lang gezogenen oooohs.(6)

Nach dem Interneterfolg war es nun durchaus spannend, ob Ceelo Green von "F**k you" einen Radio Edit für die offiziellen Medien veröffentlichen würde, und wenn, wie dieser gestaltet sein würde. Das Ergebnis dürfte bekannt sein, da dieser Radio Edit auch im deutschen Radio inzwischen verstärkt gespielt wird. Die Lösung ist eigentlich genial einfach. Man ersetze das eine f-Wort durch das nächste - aus "fuck you" wird "forget you". Eigentlich eine Form dessen, was der Engländer als "minced oath" bezeichnet - einen abgeschwächten Fluch (ein typisches Beispiel wäre "what the heck" statt "what the hell").

Wo man schon mal dabei war, bzw. auch wegen der FCC, sind der Zensur gleich auch noch die beiden anderen Slangausdrücke zum Opfer gefallen. "Ain't that some shit" wird beim Radio-Edit zu "Ain't that some ssh", wobei man hier regelrecht das Augenzwinkern der Musiker und Produzenten fühlt, steht das "ssh" im Englischen doch für unser deutsches "psst". Aber auch der nigga hat die Säuberungsaktion nicht überlebt und wurde einfach weggeblendet: "I thought you should know, (nigga)" Das war von den drei Aktionen sicher die unkreativste Lösung, da der "gold digger", der sich auf den nigga eigentlich reimen sollte, jetzt einfach reimlos im Raume steht.

"F**k You" ist auch ein Lehrstück über die Möglichkeiten des Internet. Die üblichen Vermarktungsmechanismen sind hier völlig außer Kraft gesetzt, der Titel verbreitet sich über die kostenlose youtube-Plattform quasi von selbst und erreicht nur durch Mund-zu-Mund-Propaganda enorme Zugriffszahlen. Dazu muss das Gesamtpaket natürlich stimmen, was im Falle von Cee Lo Green passt. Außen vor sind bei diesem Modell die Plattenfirmen, die bisher die klassische Vermarktung übernommen und dabei gute Gewinne abgeschöpft haben. Allerdings ist Warner beim Radio Edit und beim Album "Lady Killer" immer noch vertreten und profitiert somit durch die kostenlose Promotion auch von der youtube-Version. Trotzdem sollte das ein weiteres Warnsignal für die großen Konzerne sein: nicht die Konzerne bestimmen, was der Hörer will, sondern der Hörer selbst.


(1) http://de.wikipedia.org/wiki/Seven_Dirty_Words
(2) ebda.
(3) siehe: http://www.jochenscheytt.de/popsongs/moneyfornothing.html
(4) http://edition.cnn.com/2010/TECH/web/08/30/cee.lo.song.video/index.html
(5) http://www.nytimes.com/2010/08/30/business/media/30link.html
(6) Weitere gelungene motion typography videos finden sich unter http://www.marcofolio.net/video/15_stunning_motion_typography_ videos.html.

© 2011 by Jochen Scheytt

Album: The Lady Killer
Veröffentlichung: August 2010
Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.
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