Queen: Radio Ga Ga

Sind wir nicht alle ein bisschen gaga?

Ja, es stimmt. Vielleicht haben Sie es ja schon immer vermutet. Lady Gaga hat ihren Künstlernamen tatsächlich vom Queen-Klassiker Radio Ga Ga aus dem Jahr 1984. Nicht dass die zwei Jahre danach unter dem Namen Stefani Joanne Angelina Germanotta geborene Entertainerin ein solch großer Queen-Fan gewesen wäre. Es war vielmehr der Produzent Rob Fusari, der Germanotta während der Startphase ihrer Karriere unterstützte, ihre Talente erkannte und sie musikalisch und künstlerisch in die richtige Richtung lenkte.

Auch wenn die Quellenlage unübersichtlich ist und verschiedene Versionen in der Welt sind, wie der Name denn nun genau zustande kam, kann man davon ausgehen, dass Fusari die junge Künstlerin in ihrer Exaltiertheit ein wenig gaga fand - was nun immer das heißen mag - und er sie deshalb in Anlehnung an das Queen-Stück so nannte. Dabei sei nur am Rande erwähnt, dass sich die beiden, die eine Zeit lang auch ein Paar waren, nicht darüber einig sind, wer genau mit dem Namen daherkam und wie genau sich das alles zutrug. Laut Fusari war es eine SMS, bei der die Autocorrect-Funktion aus Radio Gaga Lady Gaga machte. Lady Gaga dagegen beansprucht den Hauptteil der Namensgenese für sich.

Aber was bedeutet nun eigentlich "gaga" im Englischen? Im Deutschen ist es ja ein Synonym für "verrückt", und tatsächlich findet man im Lexikon für das englische Wort "gaga" die deutschen Entsprechungen "plemplem", "meschugge" und als Bezeichnung für alte Menschen "verkalkt". (1)


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Das Radio also plemplem? Das trifft es ganz gut, wenn man die Entstehung des Begriffs "Radio Ga Ga" und des ganzen Songs betrachtet. Radio Ga Ga wurde von Roger Taylor, dem Schlagzeuger der Gruppe Queen geschrieben. Taylor war seit 1976 mit der Französin Dominique Beyrand liiert. 1980 kam ihr gemeinsamer Sohn Felix auf die Welt, der zweisprachig aufwuchs. Eines Tages, als Felix Radio hörte und ihm die Musik nicht gefiel, sagte er "Radio Caca". Im Grunde französisch, aber trotzdem international verständlich.

Diese negative Einschätzung des kleinen Felix korrespondierte mit der seines Vaters, der die Entwicklung des Mediums Radio in den 1980er Jahren kritisch verfolgte. Vor allem die Tendenzen, die Songauswahl im Formatradio immer weiter zu limitieren und einzuschränken, missfiel Taylor. So beschloss er, das Zitat seines Sohnes als Aufhänger für einen radio-kritischen Song zu benutzen. Der ursprüngliche Titel "Radio Caca" wurde bei der Adaption des Songs für die Gruppe Queen dann noch zu "Radio Ga Ga" geändert, da das "Caca" den restlichen Queen-Mitgliedern nicht gefiel.

Die 1980er Jahre waren zudem eine Zeit, in der MTV auf der Bildfläche erschien und eine neue Ära der Musikrezeption einläutete. Wer einen Song Gewinn bringend vermarkten wollte, der musste ein immer aufwändiger produziertes Video an den Start bringen. Die visuelle Komponente wurde also immer wichtiger, was bei vielen Künstlern in den frühen 1980er eine Furcht auslöste, dass das Radio, das ja per se ein rein akustisches Medium ist, durch die neuen Entwicklungen obsolet werden könnte. Darum entstanden einige video-kritische Songs wie zum Beispiel Video Killed The Radio Star von den Buggles, oder eben auch Radio Ga Ga.

So laufen in Radio Ga Ga zwei inhaltliche Fäden zusammen. Zum einen die Kritik am modernen Radio, die gleichzeitig eine nostalgische Betrachtung des Radio in früheren Zeiten nach sich zieht, und zum anderen die kritische Beleuchtung des Phänomens MTV, das eine zunehmende Bedeutungslosigkeit des Radios bedeuten könnte.

Zwei Ereignisse aus der Zeit, als das Radio noch bedeutsam, ja sogar das einzig verfügbare akustische Medium war, werden im Liedtext erwähnt. Da ist zum einen das Hörspiel War Of The Worlds, das 1938 in den U.S.A. und weltweit für Aufregung sorgte. Im Jahr 1938 arbeitete der amerikanische Regisseur und Schauspieler Orson Welles den 1898 von dem britischen Science Fiction-Autor H. G. Wells geschriebenen satirischen Roman War of the Worlds (Krieg der Welten) zu einem Hörspiel um. In dem Roman geht es um die Invasion von Marsbewohnern, die große Teile der Welt zerstören, bevor sie von Bakterien gestoppt werden.

Als der amerikanische Radiosender CBS das Hörspiel sendete, dessen Handlung nach New Jersey verlegt worden war, nahmen die Menschen am Radio die Vorkommnisse für bare Münze, obwohl am Anfang und in der Mitte des Hörspiels auf den fiktiven Charakter hingewiesen wurde. Das Resultat war eine Massenpanik und Massenflucht aus den angeblich betroffenen Regionen, die nur mit Mühe eingedämmt werden konnte.

Wie es zu diesen panischen Reaktionen kommen konnte ist bis heute Gegenstand von Untersuchungen und Diskussionen. Verantwortlich war zum einen der dokumentarische Charakter des Hörspiels, der eine reale Berichterstattung mehr als treffend imitierte. Es zeigt sich hier aber auch die einzigartige Stellung des Radios, die neben der Zeitung die einzige aktuelle Informationsquelle für die Menschen darstellte. Man sieht auch welche Faszination das Medium Radio damals in der Abwesenheit des Fernsehens besaß.

Der andere Hinweis auf die Vergangenheit des Radios ist die Zeile "You've yet to have your finest hour", (2) die sich auf eine berühmte Rede Winston Churchills aus dem Jahr 1940 bezieht.

(1) Terrell, Peter et al. Pons/Collins Großwörterbuch Englisch. Stuttgart: Klett, 1981.
(2) Taylor, Roger Meddows. Radio Ga Ga [Liedtext]. EMI Music Publishing Germany GmbH.

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  © 2020 by Jochen Scheytt

Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Komponist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.