Popsongs und ihre Hintergründe

Haley

Bill Haley & The Comets: Rock Around The Clock

Jahr: 1954

Die zwei Leben des Rock'n'Roll-Klassikers - vom Partylied zum Symbolsong des jugendlichen Aufbegehrens


Als Bill Haley und seine Begleitband, die Comets, 1958 in Deutschland tourten, gab es mächtig Ärger. Schon im Sportpalast in Berlin hatten Ausschreitungen jugendlicher Konzertbesucher das Konzert überschattet. Als nächstes verwüstete der aufgebrachte Mob die Ernst-Merck-Halle in Hamburg. Dem jovialen, stets gut gelaunten, aber mit der Situation völlig überforderten Haley und seiner Band blieb nur die Flucht vor diesem überbordenden Vandalismus, der sich vor der Konzerthalle fortsetzte und erst spät am Abend von massiven Polizeikräften gestoppt werden konnte.

Es waren nicht die ersten Ausschreitungen dieser Art gewesen. Sie sollten den Rock'n'Roll auf seinem Weg begleiten und ihm ein negatives Image verschaffen. So bezeichnete das "Neue Deutschland" - als Organ der DDR natürlich ganz grundsätzlich nicht amerikafreundlich - Haley damals als "Rock'n'Roll-Gangster", der eine "Orgie der amerikanischen Unkultur" veranstaltet habe, aber auch der Cellist Pablo Casals erkannte in Haley's Musik "ein Distillat aus allen Widerwärtigkeiten unserer Zeit" (1)

Dabei konnte Haley gar nichts dafür, dass seine Konzerte für diesen organisierten Krawall missbraucht wurden. Er war ja auch beileibe nicht der Archetyp des provozierenden Rockers, der mit seiner Attitüde oder seiner Musik solche massiven Auswüchse mit ausgelöst haben könnte. Im Gegenteil, Haley war - ohne ihm zu nahe treten zu wollen - als fast 30-jähriger Familienvater mit seinen karierten Jacketts und seiner Schmalzlocke sicher der biederste der Rock'n'Roller der 1950er Jahre. Andere wie Elvis Presley besaßen das Potential, die Gesellschaft zu spalten, und waren trotzdem nicht primäres Ziel dieser Attacken. Wie konnte es also dazu kommen?

Der Grund lag nur in einem einzigen Song: Rock around the clock. Wobei das so nicht stimmt, denn an dem Song selbst lag es definitiv nicht. Denn bei Rock around the clock handelt es sich um ein harmloses knapp über zwei Minuten dauerndes Liedchen bar jeglichen Aggressionspotentials. Am deutlichsten wird dies, wenn man sich die Filmaufnahmen der damaligen Zeit betrachtet. Bill Haley als rhythmisch wippender Gute-Laune-Garant mit akustischer Gitarre vor einer Riege mitwippender, Kontrabass, Akkordeon oder Saxophon spielender Backgroundmusiker - Musiker, die weder einen musikalischen noch einen gesellschaftlichen Umbruch im Sinn haben. So löste der Song bei seinem Erscheinen im Jahr 1954 folgerichtig auch wenig aus, am ehesten noch das Tanzfieber, das im Song ja auch besungen wird.

Man hatte dem Song auch von Beginn an nichts Besonderes zugetraut. Die Aufnahmesession, bei der Rock around the clock aufgenommen wurde, begann verspätet, weil Haley und die Band auf einer auf Grund gelaufenen Fähre festsaßen. Als sie endlich im Studio eintrafen, war nur noch circa dreieinhalb Stunden Zeit, die allerdings fast komplett für die Aufnahme eines anderen Songs, Thirteen Women (and only one Man in Town) genutzt wurde. Für Rock around the clock hatte man nur noch knapp 40 Minuten. Da war es ein Glück, dass die Band den Song schon oft gespielt hatte und die Sessionmusiker schnell in den Song hineinfanden. Der Sessiongitarrist Danny Cedrone spielte in der Not ein Solo, das er schon bei zwei weiteren Aufnahmen genau so gespielt hatte. Nur zwei Takes konnten aufgrund des engen Zeitrahmens eingespielt werden. Da beim Take 1 der Gesang zu leise war, spielte man den zweiten Take mit leiser, zurückgenommener Begleitung ein. Beide Takes wurden später von einem Toningenieur zu einer Aufnahme zusammengemischt - eine nicht zu unterschätzende Leistung bei den damaligen Möglichkeiten im Studio.

Auch bei der Veröffentlichung spielte Rock around the clock (im Übrigen als "Foxtrot" betitelt!) eine zweitrangige Rolle und wurde nur als B-Seite ausgewählt. Auf der A-Seite war der schon erwähnte Titel Thirteen Women (and only one Man in Town) aus der gleichen Aufnahmesession zu finden. Die Verkaufszahlen waren ganz in Ordnung, aber den Durchbruch schaffte Rock around the clock bei diesen Startbedingungen nicht.

Wahrscheinlich wäre es auch dabei geblieben, wäre da nicht Peter Ford, der damals zehnjährige Sohn des Schauspielers Glenn Ford gewesen. Glenn Ford spielte eine der Hauptrollen im Film "Blackboard Jungle", auf deutsch "Die Saat der Gewalt", der 1955 in die amerikanischen Kinos kam. Dieser Film handelt von einer Gruppe Schüler an einer Schule in der Bronx, die recht gewalttätig gegen Lehrer und System rebellieren. Als der Film abgedreht war, war man immer noch auf der Suche nach einer Titelmusik. Als Regisseur Richards Brooks bei den Fords zu Besuch war, stieß er in Sohn Peters Plattensammlung auf Rock around the clock und war sich sicher, die richtige Musik gefunden zu haben.

Doch welchen Effekt die Kombination aus Film und Song dann wirklich haben sollte, konnte sich wohl niemand im Vorfeld ausmalen. Denn die Reaktionen waren heftig. Die Revolte von der Leinwand übertrug sich auf die jugendlichen Kinobesucher und schlug auch um in reelle Gewalt, so dass zuerst viele Kinosäle daran glauben mussten. Und auf fatale Weise verknüpften sich diese Gewaltausbrüche fest mit Rock around the clock. Gleichzeitig aber bescherte dies dem Song eine neue, bisher nicht dagewesene Popularität und sorgte dafür, dass Rock around the clock 1955 schnell wiederveröffentlicht wurde und sich dann millionenfach verkaufte.

So waren es gut 40 Minuten im Aufnahmestudio, die Bill Haleys Leben prägen sollten. Er machte das beste daraus, wäre er doch ohne Rock around the clock nicht in die Geschichtsbücher eingegangen. Denn er beklagte sich Zeit seines Lebens nie darüber, auf diesen einen Titel reduziert zu werden, sondern wusste dass er sich auf Rock around the clock immer verlassen konnte:

"No matter how bad a show might be going some night, I know that song will pull us through. It's my little piece of gold." (2)


(1) Zitiert nach: Barry Graves/Siegfried Schmidt-Joos, Das neue Rocklexikon Band 1, Rowohlt, 1973, S. 337.
(2) Zitiert nach: Leopold, Todd. The 50-year-old song that started it all. http://edition.cnn.com/2005/SHOWBIZ/Music/07/07/haley.rock/

© 2003/2018 by Jochen Scheytt

Veröffentlichung als Single (B-Seite)
Aufnahme: 12. April 1954
Veröffentlichung: 15. Mai 1954
Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.
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