Popsongs und ihre Hintergründe

Falco

Falco: Rock Me Amadeus

Jahr: 1985

Das Genie im neuen Outfit - wie sich das Mozart-Bild in den Achtzigern änderte


2006 ist Mozart-Jahr. Vor 250 Jahren, 1756, wurde das österreichische Musikgenie Wolfgang Amadeus Mozart in Salzburg geboren. Dieses Jubiläum bietet die Gelegenheit, sich an einen der größten Hits des Österreichers Johann Hölzel, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Falco, zu erinnern: "Rock me Amadeus".

Der Song nutzte die Aktualität des Themas Mozart nach dem 1984 von Milos Forman gedrehten Kinofilm "Amadeus" aus und übernahm von der Idee das im Film präsentierte, völlig radikal veränderte Mozart-Bild. Was war nun das Besondere an der neuen Mozart-Darstellung?

Dazu ein Blick in die Geschichte. Zu Mozarts Lebzeiten wäre noch niemand auf die Idee gekommen, Mozarts Leben zu porträtieren. Einer der ersten, die dies taten, war der dänische Diplomat von Nissen, den Constanze Mozart nach Mozarts Tod geheiratet hatte. Durch die Mitwirkung von Mozarts Witwe sollte man also davon ausgehen können, dass diese Biographie sehr korrekt und vollständig gewesen sein muss. Trotzdem: schon hier wurde an einem Bild von Mozart gestrickt, das nicht immer der Realität entsprach. Constanze Mozart hatte nicht die Absicht, ein möglichst vielseitiges Bild ihres Mannes darzustellen, sondern rückte ihn in ein möglichst positives Licht. Dazu vernichtete sie wohl auch viele Dokumente, die ihr nicht in den Kram passten.

In der Romantik im 19. Jahrhundert füllten die immer zahlreicher werdenden Mozart-Biographen die Lücken im Lebenslauf mit Details und Andekdoten mit oft zweifelhafter Urheberschaft auf. In diesem Gemisch aus historisch verbürgten Fakten und Klatsch wurde Mozart zunehmend idealisiert. Hier entstand das lange vorherrschende Mozart-Bild vom armen, unverstandenen Genie, das viel zu gut für diese Erde war. Dies entsprach durchaus der Epoche, in der keine wissenschaftliche Aufarbeitung, sondern eine eher unkritische, eher emotional geprägte Lebensdarstellung gefragt war. In diese Zeit passen auch die bildlichen Darstellungen Mozarts wie das Mozart-Denkmal in Wien, die nichts mit dem wirklichen Erscheinungsbild Mozarts zu tun haben.

Etwas von diesem Erbe hielt sich bis in die Achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Die Zeitgleichheit zwischen Mozart-Biographien wie dem bahnbrechenden Buch von Volker Braunbehrens "Mozart in Wien", das Mozart in einem völlig neuen Licht betrachtete, und dem Erscheinen des Films "Amadeus" in den Kinos war wohl eher zufällig. Vor allem das radikale Vom-Sockel-Stoßen des Denkmals Mozart durch den Film sorgte für einen Aufschrei der Empörung in Teilen der Musikwelt. Das, was da laut gackernd und obszönen Unsinn redend über die Leinwand lief, das konnte, nein das durfte einfach nicht Mozart sein! Der Unterschied zwischen der göttlichen Musik und dem Kindskopf, als den Tom Hulce Mozart darstellte, war einfach zu groß.

Dabei war das nicht frei erfunden. Man lese nur die berühmten Bäsle-Briefe, die Mozart in jungen Jahren an seine Kusine in Augsburg schrieb, und die vor der damals durchaus üblichen Fäkalsprache, Obszönitäten und sonstigem Nonsens nur so strotzten. Auch war Mozart durchaus ein Lebemann, der sich gerne amüsierte, seiner Spielleidenschaft frönte, und dem Luxus gegenüber nicht abgeneigt war. Das war sicherlich auch sein Problem. Er konnte nicht mit Geld umgehen, und gab seine oft sehr hohen Einnahmen auch gleich mit vollen Händen wieder aus.

Frei erfunden im Film, und damit völlig zurecht in der Kritik der seriösen Musikwissenschaft, war allerdings einiges, und vor allem die Rahmengeschichte selbst. Antonio Salieri, zu Mozarts Zeiten Hofkapellmeister in Wien, hat ihn definitiv nicht ermordet. Dieses Gerücht, das schon zu Lebzeiten Salieris aufgekommen war, wurde von ihm noch selbst dementiert - allerdings ohne Nutzen.

Stellte der Film schon Mozart als normalen Menschen und nicht mehr als gottgleichen Musiker dar, so gingen Falco und seine Produzenten Bolland & Bolland noch einen Schritt weiter. In Falcos Song wird Mozart mit markigen Worten und in mit englischen Ausdrücken versetztem Neudeutsch direkt in die Achtziger transferiert und dabei als Showstar, als Popikone gefeiert: "Er war Superstar, er war populär, er war so exaltiert, because er hatte Flair. Er war ein Virtuose, war ein Rockidol, und alles rief: Come on and rock me Amadeus." Eine historische Distanz ist somit nicht mehr vorhanden, Mozart ist nun als "Punker" und als "Rockidol" direkt in unser Leben gesprungen. Ein Rezept, das polarisiert und auch Erfolg garantiert.

Dass es auch dabei - wie im Film - um des Effekts willen mit der historischen Wahrheit nicht ganz so genau genommen wird, wird in Kauf genommen. "Er hatte Schulden, denn er trank", "Woher die Schulden war wohl jedermann bekannt, er war ein Mann der Frauen..." - Seine Schulden kamen, wie oben schon erwähnt, nicht wegen Alkohol oder Frauengeschichten zusammen. "Die Banken gegen ihn" - Geld lieh sich Mozart nur bei Bekannten, wie Johann Puchberg. Mit Banken hatte er nichts zu tun. "Es war um 1780 und es war in Wien" - Mozart zog erst 1781 nach Wien, wo er bis zu seinem Tod 1791 blieb.

Irgendwie passt es denn auch in diesem Mix aus Halbwahrheiten und Wahrheit, dass Mozart gar nicht Amadeus hieß. Sein vollständiger Taufnahme war Joannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus Mozart. Dabei ist Theophil die griechische Variante von Gottlieb, im lateinischen Amadeus. Theophil war nach Wolfgang Mozarts zweiter Rufname, den er allerdings selber als Amadé verwendete. Die von Mozart nie verwendete Schreibweise Amadeus kam erst nach seinem Tod auf und setzte sich dann durch.

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Was hat Mozart mit Fahrgeschäften zu tun? Einer der plumpen und geschmacklosen Versuche auf dem Wiener Prater, aus dem Mozart-Hype Kapital zu schlagen.

© 2006 by Jochen Scheytt

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