Popsongs und ihre Hintergründe

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U2: Sunday, Bloody Sunday

Jahr: 1983

Der Nordirlandkonflikt wird immer wieder von irischen Gruppen thematisiert und auf diese Weise verarbeitet - hier der "Bloody Sunday" 1972.


Es geschah am 30. Januar 1972. In der nordirischen Stadt Londonderry hatte eine Bürgerrechtsgruppe, die Northern Ireland Civil Rights Association, zu einem Protestmarsch aufgerufen. Er richtete sich gegen die Internierungsgesetze der britischen Regierung, die ermöglichten, dass Menschen ohne Verfahren längere Zeit inhaftiert werden durften. Als die katholischen Demonstranten auf die schwerbewaffnete britische Armee trafen, eskalierte die Situation binnen weniger Stunden. Mit Gas, Gummigeschossen und Wasserwerfern wurden die Demonstranten in die ärmliche katholische Gegend Bogside getrieben. Dort begannen die britischen Fallschirmjäger aus bis heute ungeklärten Umständen auf die Demonstranten zu schießen und töteten 13 von ihnen.

Dieser "Bloody Sunday" genannte Tag war einer der schwärzesten in der unrühmlichen, jahrhundertealten Auseinandersetzung zwischen Protestanten und Katholiken in Nordirland. Dass sich die beteiligten Gruppen bis heute die Schuld für die Eskalation 1972 gegenseitig in die Schuhe schieben, passt zu der scheinbaren Unversöhnlichkeit, zu dem tief eingebrannten Hass, der das Klima in Nordirland prägt. Immerhin scheinen die entsetzlichen Tage des offenen Terrors vorbei, die nicht zuletzt durch die Ereignisse des "Bloody Sunday" mit ausgelöst wurden, doch bis zu einer wirklichen Versöhnung werden wohl noch Jahre oder Jahrzehnte ins Land gehen.

And the battle's just begun,
There's many lost, but tell me who has won?
The trenches dug within our hearts,
And mothers, children, brothers, sisters torn apart.

U2 sangen als Band aus Dublin mit gemischten Gefühlen über den Konflikt in Nordirland. Als sie den Song das erste Mal live in Belfast aufführten, kündigte ihn Frontman Bono extra an und bot dem Publikum an, sein eventuelles Missfallen ausdrücken zu dürfen. Doch es ging gut, nicht zuletzt weil der Song keine Stellung im Konflikt bezieht. ""Sunday Bloody Sunday" is not a song in which U2 takes sides with either faction in Northern Ireland. Instead, it's about the futility of war." (1) ("Sunday, Bloody Sunday" ist kein Song, in dem U2 Partei für eine der beiden Gruppen in Nordirland ergreift. Stattdessen geht es in dem Song um die Sinnlosigkeit des Krieges.) Eingebettet war der Titel in das Album "War", das den Krieg allgemein thematisiert.

Bono selbst hatte den Nordirlandkonflikt in Dublin, wo er aufwuchs, sozusagen in abgemilderter Form am eigenen Leib erfahren. Als Kind einer protestantischen Mutter und eines katholischen Vaters spürte er auch in der Republik Irland die versteckte Ablehnung, die der Familie entgegengebracht wurde. Er erkannte hier schon früh: "In their relationship, they were proof that the bitterness between those two communities is ridiculous." (2) ("In ihrer Beziehung waren sie der Beweis dafür, dass die Bitterkeit zwischen diesen beiden Gemeinschaften lächerlich ist.")


(1) zitiert nach: "Blessed are the Peacemakers". aus: Rolling Stone, vom 9. Juni 1983
(2) ebda.

© 2003 by Jochen Scheytt

Album: War
Veröffentlichung: Februar 1983

Ein weiterer Song, der sich mit mit dem Nordirlandkonflikt auseinandersetzt, ist Belfast Child von den Simple Minds.
Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.
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