Popsongs und ihre Hintergründe

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U2: Sunday, Bloody Sunday

Jahr: 1983

U2s Verarbeitung des Nordirlandkonflikts und der schwierige Kampf um die Deutungshoheit


Wenn man sich mit dem Song Sunday, Bloody Sunday genauer beschäftigt, trifft man auf Aussagen der beteiligten Musiker, die zunächst verwunderlich erscheinen. Warum betonen die Beteiligten immer wieder, dass es in dem Song gar nicht in erster Linie um den Bloody Sunday von 1972 ginge? Warum wurde der Song bei Live-Auftritten der Band von Bono immer mit "This is not a rebel song" angesagt? Warum wurde auf der Bühne während des Songs eine weiße Flagge präsentiert? Für die Antworten muss man sehr weit in die wechselvolle und von Besatzung geprägte irische Geschichte zurückgehen. Ein Versuch einer kurzen Zusammenfassung.

Ein Konflikt zweier irischen Könige, von denen der unterlegene den englischen König Henry II. um Unterstützung bat, war der Beginn des englischen Einflusses in Irland. 1171 ernannte sich Henry II. zum König von Irland. In den folgenden Jahrhunderten wurden immer mehr Engländer in Irland angesiedelt, die die zentralen Stellen der Macht innehatten und die irische Bevölkerung unterdrückten. Der Bruch des englischen Königs Henry VIII. mit der katholischen Kirche und die anschließende Gründung der protestantischen Church of England legte den Grundstein dafür, dass aus dem Konflikt eine religiöse Auseinandersetzung zwischen protestantischen Engländern und katholischen Iren wurde. Zahlreiche Aufstände der Iren wurden im Laufe der Jahrhunderte niedergeschlagen.

Nach dem irischen Unabhängigkeitskrieg von 1919-1921 entstand die unabhängige Republik Irland im Süden und das bei England verbleibende Nordirland im Nordosten der Insel. Während in Irland die Mehrheit der Bevölkerung katholisch war, stellten in Nordirland die Protestanten die Mehrheit. In der Folge wurden die Katholiken in Nordirland unterdrückt, was wiederum den Grundstein für den gewaltsamen Widerstand legte, der Nordirland lange Jahre prägen sollte.

Am 30. Januar 1972 eskalierte die Situation. In der nordirischen Stadt Londonderry hatte eine Bürgerrechtsgruppe, die Northern Ireland Civil Rights Association, zu einem Protestmarsch aufgerufen. Er richtete sich gegen die Internierungsgesetze der britischen Regierung, die ermöglichten, dass Menschen ohne Verfahren längere Zeit inhaftiert werden durften. Als die katholischen Demonstranten auf die schwerbewaffnete britische Armee trafen, geriet die Situation außer Kontrolle. Mit Gas, Gummigeschossen und Wasserwerfern wurden die Demonstranten in die ärmliche katholische Gegend Bogside getrieben. Dort begannen die britischen Fallschirmjäger aus bis heute ungeklärten Umständen auf die Demonstranten zu schießen und töteten 13 von ihnen.

Die Folge dieses "Bloody Sunday" genannten Tags war schwerwiegend. Die Beteiligten schoben sich die Schuld an der Eskalation gegenseitig in die Schuhe. Die britischen Soldaten behaupteten, angegriffen worden zu sein und nur reagiert zu haben - eine Sicht, die eine offizielle Untersuchung der britischen Regierung in vollem Umfang bestätigte. Nicht nur die Ereignisse des Bloody Sunday selbst, sondern auch die unglaubliche Arroganz und Machtdarstellung dieses Freispruchs wirkten wie Brandbeschleuniger. Die dunkelste Zeit des Nordirlandkonflikts, die "Troubles", bei dem die irische Provisionelle IRA einen blutigen Untergrundkampf gegen die verhassten Besatzer lieferte, hat hier ihren Ausgangspunkt.

In diese aufgewühlte und hochnervöse Zeit fiel die Entstehung des Songs Sunday, Bloody Sunday im Jahr 1983. Bono selbst hatte die religiösen Spannungen als Kind einer protestantischen Mutter und eines katholischen Vaters in Dublin, wo er aufgewachsen war, am eigenen Leib erfahren. Er erkannte hier schon früh:

"In their relationship, they were proof that the bitterness between those two communities is ridiculous." (1) ("In ihrer Beziehung waren sie der Beweis dafür, dass die Bitterkeit zwischen diesen beiden Gemeinschaften lächerlich ist.")

Ein Song über den Nordirlandkonflikt lag - auch aus dieser Erfahrung heraus - für die Band, die mit dem Album "War" eh ein politisch ambitioniertes Projekt am Laufen hatte, quasi in der Luft. Entgegen anfänglicher Überlegungen beschloss man dann allerdings, keine Stellung im Konflikt zu beziehen, um kein weiteres Öl in das Feuer zu gießen. Denn es war den Musikern klar geworden, welch heißes Eisen man da anfasste und so verlegte man sich im Text auf eine reine Anti-Kriegs-Lyrik, ohne konkret zu werden. The Edge äußert sich wie folgt zum Inhalt:

""Sunday Bloody Sunday" is not a song in which U2 takes sides with either faction in Northern Ireland. Instead, it's about the futility of war." (2) ("Sunday, Bloody Sunday" ist kein Song, in dem U2 Partei für eine der beiden Gruppen in Nordirland ergreift. Stattdessen geht es in dem Song um die Sinnlosigkeit des Krieges.)

Dennoch wurde Sunday, Bloody Sunday anders rezipiert, als von der Band geplant. In Irland hatte sich im Verlauf der Jahrhunderte das Genre des Rebel Songs herausgebildet, eine Gattung von Liedern, die sich mit dem Widerstand gegen die englische Vormacht befassen und die irischen Helden dieses Widerstands glorifizieren. Sunday, Bloody Sunday wirkte auf viele Hörer wie ein Rebel Song, was hauptsächlich an der musikalischen Gestaltung des Songs lag.

Da ist zum einen die Refrainzeile, die ja bekanntlich nur aus den drei Wörtern "Sunday, bloody Sunday" besteht, wie ein Fanal wirkt und durch die zigfache Wiederholung (insgesamt wird die Zeile im Song 20 Mal gesungen) fast schon eine rituelle Überhöhung erfährt. Zum anderen ist da der militärische Charakter der Aufnahme, für den hauptsächlich die im Stile einer Militärtrommel hart und unerbittlich gespielte Snare Drum verantwortlich ist. Auch die elektrische Violine mit ihren leicht sägenden Klängen und der perkussiven Spielweise trägt zu diesem Klangcharakter bei, genauso wie die bei U2 typischen, harten und schneidenden Gitarrensounds. Hier herrscht also eine deutlich Diskrepanz zwischen musikalischer Gestaltung und textlicher Intention. Dies führte zu der schon erwähnten irrigen Annahme, dies sei ein Rebel Song und es würden hier die Helden des Widerstands verherrlicht.

Genau dies hatten U2 nicht gewollt und so ist auch verständlich, warum Bono Sunday, Bloody Sunday bei Live-Auftritten stets mit den Worten "This is not a rebel song!" ankündigte. Auch die weiße Flagge sollte klar machen, dass es hier um ein höheres Ziel geht, nämlich den Frieden und die Beendigung aller religiöser oder anders motivierter Konflikte auf der Welt.

Heute, gut 35 Jahre nach Entstehung des Songs, hat sich die Lage in Nordirland weitgehend beruhigt, auch wenn die Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen latent immer noch vorhanden sind. Zur Entspannung trug sicher auch der Saville Report bei, eine neue Untersuchung des Bloody Sunday, die Premierminister Tony Blair 1998 ermöglichte. Sie beleuchtete die Vorkommnisse vom Januar 1972 auf einer neutralen und unvoreingenommen Basis. 12 Jahre lang wurden Zeugen gehört und Akten gesichtet, bis schließlich 2010 die Ergebnisse verkündet wurden. Und die Ergebnisse waren eine Sensation. Die Demonstranten wurden von jeder Schuld freigesprochen, da sie unbewaffnet gewesen wären, keine ernsthafte Gefahr für die Soldaten dargestellt hätten und keine Bomben geworfen hätten. Somit seien die Eskalation und die zivilen Opfer absolut ungerechtfertigt und nicht zu rechtfertigen. Den Soldaten wurde zur Last gelegt, sie hätten gelogen und mit falschen Angaben versucht, ihr Fehlverhalten zu vertuschen. Premierminister David Cameron entschuldigte sich daraufhin im Namen der britischen Regierung und des britischen Volkes bei den Angehörigen der Opfer. Ein immens wichtiger Schritt auf dem Weg zum Frieden für Nordirland.


(1) Zitiert nach: Henke, James. "Blessed are the Peacemakers". aus: Rolling Stone, vom 9. Juni 1983 https://www.rollingstone.com/music/features/blessed-are-the-peacemakers-19830609
(2) ebda.

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