Popsongs und ihre Hintergründe

Joe Cocker

Joe Cocker: With A Little Help From My Friends

Jahr: 1968

Ringos charmantes Liedchen mutiert zur gefeierten Bluesrock- und Gospelhymne


Es ist im August 1969 beim legendären Woodstock-Festival. Joe Cocker steht mit seiner Grease-Band auf der Bühne und - man muss es so sagen - schreit sich die Lunge, beziehungsweise die Seele aus dem Leib. "Try with a little help from my friends", das ist der Song, der seine Karriere begründet. Untermalt von den etwas seltsamen, unharmonischen Bewegungen, die sein Markenzeichen werden sollen.

Man könnte den Song in der Version von Joe Cocker - auch wenn man mit Superlativen vorsichtig sein sollte - sicher mit Fug und Recht als eine der besten Coverversion aller Zeiten betiteln. Vor allem die Intensität des Covers stellt das Original der Beatles in den Schatten.

Doch auch das Original, das die Beatles im März 1967 für das heute oft als erstes Konzeptalbum bezeichnete "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" schreiben, ist in gewisser Hinsicht ein kleines Meisterwerk. Lennon und McCartney schaffen es hier, dem - um es vorsichtig auszudrücken - nicht über besonders ausgeprägte stimmliche Fähigkeiten verfügenden Ringo Starr einen perfekten Song auf den Leib zu schreiben. Einen Song, der zu dem Spaßvogel der Band charakterlich passt, der zwar etwas banal, aber mit Charme und Witz daherkommt, und der sehr gut auf die stimmlichen Möglichkeiten Ringos ausgerichtet ist.

Der Tonumfang von "With a little help from my friends" ist nämlich auf eine Quinte in bequemer Mittellage (e - h) beschränkt, die Ringo nur für den hohen, von den anderen unterstützten Schlusston verlässt. Damit die Melodie nicht zu eintönig wird legen die Beatles den Song ab der 2. Strophe als Frage- und Antwortspiel zwischen Ringo auf der einen und John und Paul auf der anderen Seite an. Ringo hat in den Strophen den Frage-Part, was sich in der Bridge ("Do you need anybody...") dann dreht. Hier übernehmen die beiden anderen Beatles den Frage-Part in höherer Lage, damit Ringo ("I need somebody to love") in seiner bequemen Lage antworten kann.

Dass es bei der Entstehung, passend zum Endergebnis - nicht ganz ernst zuging, aber trotzdem harte und intensive Arbeit dahintersteckte, kann man den Ausführungen des Journalisten Hunter Davies entnehmen, der als autorisierter Beatles-Biograph den Vieren bei der Arbeit zuschauen durfte. Demnach entstand der Liedtext in ausgeprägtem Teamwork, bei dem vieles angedacht, aber dann auch wieder verworfen wurde:

"Sie hatten da diese eine Zeile, die ich nicht singen wollte. Es war: "What would you do if I sang out of tune? Would you stand up and throw tomatoes at me?" Ich sagte: "Ich werde einen Teufel tun und diese Zeile singen", denn wir hatten noch lebhaft in Erinnerung, wie die Teenies uns Gummibärchen und Spielsachen auf die Bühne geworfen hatten, und ich dachte, sollten wir jemals wieder da rausgehen, hatte ich keine Lust, mit Tomaten beworfen zu werden." (1)

Das Bewundernswerte ist nun, wie aus einem netten Spaßliedchen ein Song mit intensivstem Ausdruck werden kann. Das liegt natürlich zum großen Teil an der Ausdrucksfähigkeit und enormen stimmlichen wie körperlichen Präsenz Joe Cockers, aber auch an den musikalischen Veränderungen, die am Original der Beatles vorgenommen wurden.

Die gravierendste Änderung ist sicherlich das sehr stark verlangsamte Tempo. Dadurch wird aus dem triolischen Shuffle-Rhythmus der Beatles ein sehr langsamer 12/8-Blues, bei dem die Viertelbeats durch das langsame Tempo eigentlich schon als einzelne Dreiertakte wahrgenommen werden. Joe Cocker spricht auch selbst davon, aus dem Original einen Walzer gemacht zu haben (2). Das wird auch unterstützt durch die Begradigung der Melodie. Die vorgezogenen Synkopen der Beatles-Version (What would you do if I sang out of tune...) kommen in der Cocker-Version direkt auf die Eins des Dreier-Taktes (respektive Viertel-Beats).

Natürlich tragen auch die in bester Gospel-Manier agierenden Backgroundsängerinnen dazu bei, dem Song einen absolut neuen Sound zu geben, genauso wie die impulsiv, improvisatorisch und bluesig aufspielende Grease-Band.

Hierbei ist allein schon die Intro bemerkenswert und aussagekräftig. Bei den Beatles noch ein Sache von circa 8 Sekunden, ist die Intro bei Joe Cocker schon eine kleine Welt für sich. Es war Joe Cockers Idee, seinen klassisch ausgebildeten Keyboarder Tommy Eyre zu einem von Barockmusik inspirierten Orgelsolo zu Beginn zu ermuntern (3). Hierbei stand sicherlich auch Procul Harums "A Whiter Shade Of Pale" Pate. Nach diesem solistischen Beginn steigt nach und nach die ganze Band ein und treibt die Intro auf einen Höhepunkt zu, nach dessen Abklingen nur der E-Bass übrig bleibt. Dies dauert schon fast eine Minute, und bedeutet in der schnellen Welt der Popmusik, in der radiotaugliche Songs insgesamt nicht länger als dreieinhalb Minuten sein dürfen, eine kleine Ewigkeit.


(1) Beatles-Anthology. Ullstein, 2000, S. 242.
(2) Bean, Julian B. Joe Cocker : Durch die Hölle zum Erfolg = "With a little help from my friends". Heyne, 1994, S. 83.
(3) ebda.

© 2004 by Jochen Scheytt

Veröffentlichung als Single: 1968

Original: The Beatles
Album: Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band Veröffentlichung: 1. Juni 1967
Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.
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