Les collines d'Anacapri

Die Hügel von Anacapri
aus: Préludes Band I, Nr. 5

Inhalt

1. Wo liegt Anacapri und was ist das Besondere an diesem Ort?
2. Was wissen wir über die Inspiration zu diesem Prélude?
3. Welche Motive und Themen kommen im Prélude vor?
4. Wie ist das Stück formal aufgebaut?
5. Was ist eigentlich eine Tarantella?
6. Handelt es sich beim 2. und 3. Thema um Zitate neapolitanischer Volkslieder?
7. Welchen Zusammenhang stiftet das Glockenmotiv?

1. Wo liegt Anacapri und was ist das Besondere an diesem Ort?

Die Neapel vorgelagerte Insel Capri beheimatet zwei Orte, den Ort Capri im tiefer gelegenen östlichen Teil der Insel mit dem Hafen Marina Grande, und Anacapri, das auf 235 Metern im westlichen Teil der Insel liegt und knapp 7.000 Einwohner zählt. Getrennt werden Capri und Anacapri von dem 589 Meter hohen Monte Solaro und seinen Ausläufern, der Capri quasi in zwei Teile trennt.

Erst im Jahr 1874 wurde eine Fahrstraße gebaut, die Capri und Anapcapri miteinander verband. Davor war die Scala Fenizia, eine steil in den Fels gehauene, aus der Zeit der griechischen Kolonisation stammende Treppe die einzige Verbindung zwischen den beiden Orten und zugleich Anacapris einzige Verbindung zur Außenwelt. Dies machte Anacapri zu einem Ort der Abgeschiedenheit, der von den Besuchern im 19. Jahrhundert entsprechend romantisiert wurde.

Beispielhaft sei hier ein Ausschnitt aus einem Reisebericht des Architekten Karl Friedrich Schinkel zitiert, der Anacapri 1804 besuchte: "Hier wohnt ein Völkchen, das vollkommen die Sitte der Unverdorbenheit trägt, was immer aus wenigen Familien, aber unvermischt mit andern sich erhält. Es gibt alte Leute hier, die nie die Felsentreppe hinuntertraten, die nie Neapel selbst, kein Schiff in der Nähe, nur von der Höhe des unermeßlichen Felsens hinab sahn. Einfachheit, Biederkeit und Eintracht scheinen hier unzertrennlich vereint, und ich werde nie diesen Aufenthalt unter diesen Leuten vergessen." (1)

2. Was wissen wir über die Inspiration zu diesem Prélude?

Es stellt sich die Frage, wodurch Debussy zu Les collines d'Anacapri angeregt worden sein könnte. In der Literatur werden zwei mögliche Quellen genannt. Catherine Kautsky führt ein Etikett einer Weinflasche aus Anacapri als Inspirationsquelle an. (2) Sowohl sie als auch Siglind Bruhn (3) nennen den schwedischen Arzt und Autor Axel Munthe als Missing Link zwischen Debussy und Anapcapri. Munthe hatte mit 17 Jahren Anacapri besucht und war völlig von dem Ort fasziniert. Später baute er in Anacapri ein Haus, die Villa San Michele, die heute ein Museum ist. Kautsky führt die 1884 veröffentlichten "Letters from a Mourning City" als Quelle an, während Bruhn sich auf Munthes Hauptwerk "The Story of San Michele" bezieht. Dieser Roman wurde zwar erst nach Debussys Tod 1929 veröffentlicht, aber laut Bruhn schon zu Debussys Lebzeiten auszugsweise in Zeitungen abgedruckt.

Im Internet ist immer wieder zu lesen, dass Debussy Capri besucht hätte, in manchen Fällen wird sogar von mehrfachen Besuchen berichtet. (4) Diese angeblichen Besuche sind aber nirgends belegt. Debussy musste auch gar nicht verreisen, um sich Anregungen zu holen. Oft reichten ihm Reiseberichte oder Artefakte aus entlegenen Regionen, um seine kreative Energie freizusetzen. So war Debussy zum Beispiel auch nie in Spanien, was ihn nicht daran hinderte, Spanien in einigen Kompositionen etwa durch eine ihm zugesandte Postkarte wirksam in Szene zu setzen.

3. Welche Motive und Themen kommen im Prélude vor?

Folgende vier Motive und Themen bestimmen Les collines d'Anacapri.

Das Prélude beginnt mit einem Motiv, das den Klang angeschlagener Glocken evoziert - eine Interpretation, die dadurch gestützt wird, dass die sechs Töne durch das vorgeschriebene staccato-Zeichen einen kurzen, definierten Anschlag haben sollen, gleichzeitig aber alle über zwei Takte hinweg ausklingen sollen ("quittez, en laissant vibrer").

Notenbeispiel 1: "Les collines d'Anacapri", Takt 1-2 Glockenmotiv
Les collines d'Anacapri

Dieses Glockenmotiv kommt im Verlauf des Stücks mehrfach vor (siehe 4. Formaler Ablauf und 7. Welchen Zusammenhang stiftet das Glockenmotiv?) und bildet durch sein Vorkommen bei der Schlusssteigerung am Ende von Les collines d'Anacapri eine motivische Klammer mit dem Beginn.

Das 1. Thema schrieb Debussy im Stile einer Tarantella mit dem typischen Tarantella-Rhythmus. (siehe 5. Was ist eigentlich eine Tarantella?). Es tritt zum ersten Mal in vollständiger Form ab Takt 14 auf und hat einen starken tänzerischen Charakter.

Notenbeispiel 2: "Les collines d'Anacapri", Takt 14-20 Tarantella-Thema
Les collines d'Anacapri

Ab Takt 32 mit Auftakt findet sich ein zweites Thema, das Debussy mit dem Zusatz "avec la liberté d'une chanson populaire" ("mit der Freiheit eines populären Lieds") kennzeichnete. Dieses Thema, das aus zwei bis auf den Schlusston identischen Viertaktern besteht, erklingt zunächst in der tiefen Basslage, bevor es ab Takt 40 in die Oberstimme wandert. Die Melodie ist in beiden Lagen in Oktaven gesetzt. Ab Takt 43 erscheint es einstimmig in der mittleren Lage und verliert sich schon einen Takt später in Anklängen an den Tarantella-Rhythmus.

Notenbeispiel 3: "Les collines d'Anacapri", Takt 32-39 "Chanson populaire"
Les collines d'Anacapri, Takt 32-39

Das 3. Thema beginnt direkt in Takt 49 im Anschluss an das auslaufende 2. Thema. Es findet sich eingebettet in einen vier- bis fünfstimmigen akkordischen Satz und besteht zum größten Teil aus Achtelnoten. Charakteristisch für die ersten sechs Takte sind Tonrepetitionen und Vorschläge am Anfang des Taktes. Danach bewegt sich das Thema hauptsächlich in Sekundschritten. Ab Takt 55 wird das 3. Thema, ähnlich wie das 2. Thema in tiefer Lage weitergeführt. Formal lässt es sich einteilen in einen 6 Takte langen Abschnitt, gefolgt von zwei identischen viertaktigen Abschnitten.

Notenbeispiel 4: "Les collines d'Anacapri", Takt 49-62, 3. Thema
Les collines d'Anacapri, Takt 49-62, 3. Thema

4. Wie ist das Stück formal aufgebaut?

Teil Takte Länge Thema
1. Abschnitt Takt 1-13 13 Takte Glockenmotiv (T. 1-2 u. T. 5-6) mit anschließenden Anklängen an das spätere Tarantella-Thema (T. 3-4 u. 7-11)
2. Abschnitt Takt 12-31 20 Takte 1. Thema: Tarantella-Thema (T. 14-23), anschließend Überleitung zum 2. Thema (T. 24-31)
3. Abschnitt Takt 32-48 17 Takte 2. Thema: "Chanson populaire"
4. Abschnitt Takt 49-65 17 Takte 3. Thema mit anschließendem zweimaligen Glockenmotiv (T. 63-65)
5. Abschnitt Takt 66-85 20 Takte Reprise des Tarantella-Themas mit nahtlosem Übergang in die Reprise des 2. Themas (ab T. 81)
6. Abschnitt Takt 86-96 11 Takte Coda (Schluss-Stretta): beschleunigtes Glockenmotiv mit Ausschnitt aus dem Tarantella-Thema (T. 86-89), anschließend Schlusssteigerung mit Glockenmotiv

5. Was ist eigentlich eine Tarantella?

Recherchiert man den Begriff Tarantella im Internet, glaubt man zunächst, einer Fehlinformation aufgesessen zu sein. Doch auch in sämtlichen Musiklexika wird die Entstehung der Tarantella in Zusammenhang mit dem Biss der Apulischen Tarantel genannt. Sie ist eine behaarte und giftige Spinne aus der Familie der Wolfsspinnen, die nach der italienischen, in Apulien liegenden Stadt Taranto (deutsch: Tarent) benannt wurde und vor allem in Südeuropa und Nordafrika heimisch ist. Man hielt den Biss der Tarantel, der für den Menschen zwar relativ ungefährlich ist, aber starke allergische Reaktionen auslösen kann, ursächlich für eine Krankheit namens Tarantismus.

Die Krankheit befiel vor allem Frauen, die behaupteten von der Spinne gebissen worden zu sein. Symptome waren unter anderem Kreislaufstörungen, Atemnot, Herzklopfen, Schweißausbrüche, Krämpfe, Lähmungen und Gliederschmerzen. (5) Allerdings ist es recht unwahrscheinlich, dass diese Symptome durch den Spinnenbiss ausgelöst wurden. Vielmehr geht der Anthropologe Ernesto de Martino in seiner in den 1950er Jahren durchgeführten Studie davon aus, dass hier den Betroffenden durch den vermeintlichen Biss die Möglichkeit gegeben wurde, Traumata oder aktuelle belastende Lebenssituationen aufzuarbeiten, Musiktherapie im besten Sinne also. Diese Aufarbeitung geschah durch Tanzen bis zur körperlichen Erschöpfung begleitet von der Musik der Tarantella. (6)

Die Tarantella wurde von mehreren Musiker ausgeführt, charakteristisch dabei war neben Akkord- und Melodieinstrumenten wie Akkordeon, Gitarre oder Violine vor allem das Tambourin, mit dem der Rhythmus markiert wurde. Tarantelle stehen im 6/8- oder 12/8-Takt und werden meist sehr schnell gespielt. Die Melodie besteht meist aus längeren Ketten von schnelleren Notenwerten, oft kombiniert mit einem leicht punktierten Rhythmus aus Achteln und Sechzehnteln (respektive Viertel und Achtel).

Ab dem 18. Jahrhundert wurde die Tarantella auch in der Kunstmusik vermehrt verarbeitet, fand vor allem Verbreitung als virtuoses Klavierstück in der Zeit der Romantik. So finden sich Tarantelle unter anderem bei Schubert, Chopin oder Liszt. Auch Debussy hatte die Tarantella in einem seiner Frühwerke Danse (Tarantelle styrienne) aufgegriffen.

6. Handelt es sich beim 2. und 3. Thema um Zitate neapolitanischer Volkslieder?

Es ist in verschiedenen Quellen zu lesen, dass Debussy beim 2. und 3. Thema zwei italienische Lieder zitiert hätte, zum Beispiel auf der englischen Wikipedia-Seite, wo es heißt: "Two Italian songs are quoted, a chanson populaire and a sultry love song." (7) Welche Lieder das sein sollen, wird dort leider offen gelassen. Es ist unklar, ob Debussy hier wirklich existierende Lieder zitierte oder im Stile von populären Liedern komponierte. In der Literatur findet sich kein Nachweis, welche beiden Lieder dies konkret sein sollen.

Es kommt in Debussys Oeuvre in Einzelfällen tatsächlich vor, dass er Melodien zitiert. Dieses Liedzitate sind aber oft verfremdet, erscheinen also nur in Ausschnitten, werden melodisch verändert, rhythmisch variiert, harmonisch neu eingekleidet oder im Tempo grundlegend geändert. Auffallend oft sind dies Kinderlieder, wie z.B. bei Jardins sur la pluie aus den Estampes oder Nous n'irons plus au bois aus den Images oublieés. Auch die belgische Nationalhymne in Berceuse héroïque oder die englische in Hommage à S. Pickwick Esq. P.P.M.P.C. wurden von Debussy in Teilen verwendet und dabei stark verfremdet.

Beim 2. und 3. Thema in Les collines d'Anacapri bleibt der volkstümliche Charakter allerdings komplett erhalten. So sind die Abschnittsbildungen mit zwei Viertaktern beim 2. Thema und einmal sechs und zweimal vier Takten beim 3. Thema durchaus volksliedhaft. Auch die Harmonik, die sich auf die beiden Kadenzharmonien Tonika (H-Dur) und Dominante (Fis-Dur) beschränkt, entspricht gängigen folkloristischen Mustern. Das würde somit im Grunde gegen ein Zitat sprechen.

In der Literatur wird das 3. Thema immer wieder als "neapolitanisches Liebeslied" tituliert. So schreibt Schmitz "A further popular melody, amorous and perhaps a little vulgar, portavoce, seems to fit the portly tenor, hero of Italian opera" (8) und "Third theme, love song (Neapolitan)". (9) Auch Bruhn meint "ein neapolitanisches Liebeslied zu hören, zumal die Lage genau der eines natürlichen Tenors entspricht". (10) Das stimmt zwar für die ersten sechs Takte, allerdings sind die beiden folgenden Viertakter eher in der Stimmlage eines Bassisten. Auch passt die dynamische Gestaltung im piano bis pianissimo nicht wirklich zur Vorstellung eines "portly tenor", also eines stattlichen Tenors, dem Helden der neapolitanischen Oper. Warum es unbedingt ein Liebeslied sein muss, ist mangels eines Liedtextes auch nicht direkt ersichtlich, die reine Bezeichnung "modéré et expressif" dürfte für diese Festlegung nicht ganz ausreichen.

Durch die Gestaltung der Melodie mit den Repetitionen und Vorschlägen und der tiefen Lage scheint es durchaus auch möglich, dass sich Debussy eine akustische Gitarre vorstellte.

7. Welchen Zusammenhang stiftet das Glockenmotiv?

In Debussys Werken gibt es immer wieder kleine Motive, die nahezu unbemerkt vom Hörer eine innere Klammer bilden und die Werke auf diese Weise zu einer Einheit zusammenfügen. Diese Funktion übernimmt bei Les collines d'Anacapri das Glockenmotiv. Es kommt im Stück an mehreren Stellen vor, einige Male deutlich hörbar, aber auch versteckt in der fast durchgängig in Sechzehnteltriolen schillernden Begleitung.

Das Glockenmotiv eröffnet das Stück in Takt 1/2 und 5/6 (siehe Notenbeispiel 1). Das zweite prominente Vorkommen findet sich in den Takten 63 und 65 am Übergang von 3. Thema zur Wiederaufnahme von Tarantella-Thema und 2. Thema.

Notenbeispiel 7: "Les collines d'Anacapri", Takt 63-65 Glockenmotiv
Les collines d'Anacapri, Takt 63-65

In der direkten Fortführung zeigen die Takte 66 und 67 das Motiv vier Mal in einer rhythmisch verkleinerten (diminuierten) Form als Sechzehntelnoten. Verbunden mit einer Tempobeschleunigung (Vif) und einer großen dynamischen Steigerung vom piano bis zum forte dient das Motiv hier als Hinleitung zur Reprise des Tarantella-Themas.

Notenbeispiel 8: "Les collines d'Anacapri", Takt 66-67 Glockenmotiv
Les collines d'Anacapri, Takt 66-67

Im weiteren Verlauf dient das Glockenmotiv als Begleitfigur zum Tarantella-Thema.

Notenbeispiel 9: "Les collines d'Anacapri", Takt 74-76 Tarantella-Thema mit Glockenmotiv
Les collines d'Anacapri, Takt 74-76

In dieser diminuierten Form wird das Motiv auch in der Coda wieder aufgenommen, so werden hier die Takte 90 bis 94 komplett mit dem in immer höhere Lagen aufsteigenden und sich dynamisch steigernden Motiv gestaltet.

Notenbeispiel 8: "Les collines d'Anacapri", Takt 90-91, aufsteigendes Glockenmotiv
Les collines d'Anacapri, Takt 90-91


(1) Zitiert nach: Italiensehnsucht in der Goethezeit. Abgerufen am 24.3.2026.
(2) Kautsky, Catherine. Debussy's Paris: Piano Portraits of the Belle Époque. Rowman & Littlefield, 2017, S. 137.
(3) Bruhn, Siglind. Debussys Klaviermusik und ihre bildlichen Inspirationen. Waldkirch, 2017, S. 110.
(4) Ein Beispiel ist die Seite Debussy’s “Les collines d’Anacapri”: A Sunny Mediterranean Postcard. Zitat: "Debussy visited this location in the Gulf of Naples frequently." Hier wird durch die Überschrift und die Abbildung einer Postkarte mit einem Motiv von Capri außerdem noch suggeriert, dass Debussy durch eine solche Postkarte zum Prélude inspiriert wurde.
(5) Cofini, Marcello. Tarantella. In: Finscher, Ludwig (Hg.) Musik in Geschichte und Gegenwart Bärenreiter und Metzler, 1998.
(6) Ein sehr erhellender Artikel zum Thema Tarantismus findet sich hier. (7) https://en.wikipedia.org/wiki/Les_collines_d%27Anacapri#cite_note-4. Abgerufen am 20.3.2026. (8) Schmitz, E. Robert. The Piano Works of Claude Debussy. Dover Publications, 1966, S. 143.
(9) Ebda.
(10) Bruhn, Siglind. Debussys Klaviermusik und ihre bildlichen Inspirationen. Waldkirch, 2017, S. 113.

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  © 2026 by Jochen Scheytt

Die deutschen Debussy-Seiten sind der umfangreichste Überblick über Debussys Leben und Schaffen in deutscher Sprache im Internet.

Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Komponist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.