Nr. 1: Pour les cinq doigts - d'après Monsieur Czerny

Für die fünf Finger - nach Herrn Czerny
aus: Douze Études 1915

Die erste der zwölf Etüden stellt gleich im Titel den Bezug zu einem der klassischen Etüdenkomponisten her: dem österreichischen Komponisten, Pianisten und Musikpädagogen Carl Czerny, der von 1791 bis 1857 in Wien lebte und dort zu seiner Zeit zu den wichtigsten Mitgliedern des Wiener Musiklebens zählte. Er war ein gefeierter Beethoven-Interpret und war auch drei Jahre dessen Schüler gewesen. Heute ist er hauptsächlich wegen seiner umfangreichen musikpädagogischen Kompositionen (zum Beispiel die Schule der Geläufigkeit, op. 299, oder die Kunst der Fingerfertigkeit, op. 740) bekannt, die oft als rein mechanische Übungen ohne nennenswerten musikalischen Wert kritisiert wurden, aber sehr lange Zeit die Grundlage des Klavierunterrichts darstellten.

Es ist nicht die erste Referenz Debussys an diese Etüdentradition der Klassik. Schon in Children's Corner spielte er im ersten der sechs Stücke Doctor Gradus ad Parnassum auf Muzio Clementis Etüdensammlung Gradus ad Parnassam an und schildert musikalisch humorvoll, wie ein Kind am Üben einer solchen klassischen Etüde verzweifelt.

Auch bei Pour les cinq doigts dürfte die Referenz an Czerny nicht ernst gemeint sein, denn Debussys Verhältnis zu Etüden darf trotz seines eigenen kompositorischen Beitrags als schwierig bezeichnet werden. Debussy war bekannt für seine Abneigung gegenüber allem Schulischen, eine Abneigung, die er vor allem in jungen Jahren während seiner Zeit am Pariser Conservatoire auslebte. Dieses sehr konservativ ausgerichtete Konservatorium hatte Debussys Widerstandsgeist herausgefordert und Debussy machte sich oft einen Spaß daraus, die auf der Tradition gründenden Ausbildungsmethoden zu karikieren. Die Etüde als solche steht sinnbildlich für diese Form der Pädagogik, die dort vermittelt wurde.

Handschrift der 1. Etüde
Erste Seite von Debussys Originalhandschrift der 1. Etüde Pour les cinq doigts

Vor diesem Hintergrund muss der Beginn von Pour les cinq doigts betrachtet werden. Sie beginnt mit einer Figur, die eine der grundlegendsten Übung am Klavier überhaupt darstellt: das gleichmäßige Auf- und Abwärtsspielen von allen fünf Fingern auf den weißen Tasten. Diese Figur findet sich am Anfang einiger Etüdensammlungen Czernys, wie zum Beispiel in den Praktischen Fingerübungen, op. 802.

Notenbeispiel 1: Carl Czerny: aus "Praktische Fingerübungen", op. 802, Takte 1-2
Czerny, Takt 1-4

Während sich Debussy mit diesem Zitat vordergründig in die Etüden-Tradition stellt, zeigt sich schon im zweiten Takt der Schalk. Ein einzelnes, kurzes, zum C-Dur-Tonleiterausschnitt sehr dissonantes as stört die Idylle, wird ab Takt 5 immer penetranter und lässt ab Takt 7 die verzweifelt immer schneller werdende Fünftonfigur auflaufen, um dann in einer viertaktigen angedeuteten Gigue selbst zu versanden.

Notenbeispiel 2: Debussy, Pour les cinq doigts, Takte 1-10
Pour les cinq doigts, Takt 1-10

Nun beginnt das Spiel erneut, dieses Mal mit der Fünftonfigur in G-Dur. Die Störung ist nun noch penetranter: eine Fünftonfigur im einen Halbton versetzten Fis-Dur, deren Vorschlagsnoten von drei Staccato-Achteln gefolgt werden, bricht unvermittelt und brusquement herein.

Notenbeispiel 3: Debussy, Pour les cinq doigts, Takte 11-12
Pour les cinq doigts, Takt 11-12

Die beschleunigte Fünftonfigur läuft nun in beiden Stimmen stufenweise abwärts und geht wieder in die Gigue über, die sich dieses Mal allerdings weiterentwickelt und die Fünftonfigur damit verdrängt. Im weiteren Verlauf des Stücks kehrt die Fünftonfigur immer wieder für einen oder zwei Takte zurück, wie eine Remininszenz an den Beginn, wird aber sofort wieder verdrängt.

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Debussy Titel

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Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Komponist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.