Frankie goes to Hollywood: Two Tribes

It's all about that bassline

Das euphorisierte Publikum johlt, als sich die beiden schwerfälligen Gestalten im Ring immer weiter ineinander verbeißen. Je heftiger der Kampf wird, desto mehr steigt die Stimmung in der Arena, steigen die Anfeuerungsrufe, so lange bis es das Publikum nicht mehr auf den Sitzen hält und es aktiv in den mit allen Mitteln geführten Kampf eingreift. Die Eskalation bringt nicht nur die Arena zum Erglühen, auch der Erdball explodiert am Ende und zerstiebt in einem großen Knall.

Das geniale, von Lol Creme und Kevin Godley gedrehte Video zu Two Tribes drückt die Message des Songs in plakativen und eindrücklichen Bildern aus, Bilder so gewaltig und auch brutal, dass die BBC das Video eine Zeitlang auf dem Index hatte. Doch die Message war klar: "When two tribes go to war, a point is all that you can score." Man kann also nie mehr als einen Punkt erringen, was im Sport einem Unentschieden entspricht, also in anderen Worten: Wenn sich zwei bekriegen, gibt es keinen Sieger. Frankie goes to Hollywood Sänger Holly Johnson drückte es 1987 so aus: "It made the point that throwing bombs at the other side is going to achieve absolutely nothing." (1)

Tja, Bomben aufeinander werfen, und zwar nicht irgendwelche, sondern atomare, diese Gefahr war in den 1980er Jahren tatsächlich greifbar. Two Tribes erschien 1984, mitten im Kalten Krieg zwischen der NATO und dem Ostblock, und so sind mit den beiden "Tribes" niemand geringeres als die USA und die damalige Sowjetunion gemeint, repräsentiert im Video durch Lookalikes des damaligen US-amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan und dessen Counterpart, dem damaligen sowjetischen Staatsoberhaupt Konstantin Tschernenko.


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Auf Ronald Reagan wird im Liedtext, wenn auch verklausuliert Bezug genommen. Reagan war ja, bevor er 1981 zum 40. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde, Schauspieler, und wirkte in über 80 Film- und Fernsehproduktionen mit. Er wurde später Präsident der Schauspielergewerkschaft und wandte sich ab den 1960er Jahren immer mehr der Politik zu und amtierte unter anderem als Gouverneur von Kalifornien. Trotzdem war er in der Wahrnehmung vieler Menschen Schauspieler geblieben.

Auf seine Filmkarriere bezieht sich die 1. Strophe von Two Tribes, wenn Reagan als Cowboy No. 1 bezeichnet wird - er spielte in einigen Western-Filmen mit - und mit "on the air America" Bezug auf sein Film-Debüt, den 1947 erschienenen Film Love is on the Air genommen wird. "A born-again poor man's son" verweist auf Reagans Herkunft aus einer irischen Immigrantenfamilie. "I modeled shirts by Van Heusen" schließlich ist eine Anspielung auf eine Werbekampagne, die Reagan im Jahr 1957 für Hemden der Marke Van Heusen mit dem Werbeslogan "...won't wrinkle ever" gemacht hatte.

Mit "working for the black gas" wird auf die Verbindung von Reagan mit der US-amerikanischen Ölindustrie verwiesen. (2) Reagan hatte sich in seinem Wahlkampf stark für eine staatliche Deregulierung und eine Förderung der Energiewirtschaft eingesetzt, die seine Joboffensive wirtschaftlich unterstützen sollte. Außerdem hatte Reagans Vizepräsident George Bush enge Verflechtungen mit der Ölindustrie. In Reagans Amtszeit fällt auch die vermehrte Offshore-Bohrtätigkeit im Golf von Mexiko.

Two Tribes ist also ein Anti-Kriegs-Lied, das allerdings soundtechnisch in durchaus martialischen Gewand daherkommt, und durch seine nervös-synkopierten Gitarren- und Basspatterns, das druckvolle Schlagzeug und den ausdrucksstarken Gesang Johnsons erfolgreich die Spannungen transportiert, die zu Zeiten des Kalten Kriegs in der Bevölkerung herrschten. Dieses Intensitäts-Level erreicht man aber nicht allein durch musikalische Elemente, sondern vor allem auch durch aufwändige Prozesse im Studio, die vom damaligen Produzententeam um Trevor Horn mit den neuesten und technisch hochwertigsten Geräten, die der Markt zu der Zeit hergab, vorgenommen wurden.

Dazu zählten neben der in den 1980ern bei vielen Pop-Produktionen zum Einsatz gekommenen LinnDrum 2, einem digitalen Drum Computer mit außergewöhnlich gut klingenden Samples, ein Sony PCM-324, ein professionelles digitales Mehrspur-Tonbandgerät mit 24 Spuren, und ein Fairlight CMI, ein digitaler Synthesizer und Sampler, der auch als DAW (Digital Audio Workstation) fungierte und den damals nur sehr wenige bedienen konnten. Diese Geräte mit den brandneuen und bahnbrechenden digitalen Technologien waren in den frühen 1980ern astronomisch teuer, so dass nur wenige Top-Produzenten sie sich leisten konnten.

Trevor Horn konnte sie sich leisten und so waren die Produktionen aus seiner Hand für die damalige Zeit wegweisend. Die hohen Ansprüche, die er an sich selbst als Produzent, an sein Equipment und an sein Produkt stellte, übertrug Horn aber auch auf die Musiker und hatte dadurch mit Frankie goes to Hollywood ein Problem. Trevor Horn waren nämlich die instrumentalen Fähigkeiten der Musiker der Band nicht hoch genug, um in den Pop-Charts reüssieren zu können. Diese Einschätzung hatte schon dazu geführt, dass Horn Frankie goes to Hollywoods Debüt-Single Relax mit seinen Studiomusikern neu einspielen ließ, und somit auf der Aufnahme kein einziger Musiker von Frankie goes to Hollywood an seinem Instrument zu hören war. Dasselbe gilt auch für Two Tribes. Die einzigen Bandmitglieder, die auf der Aufnahme zu hören sind, sind Holly Johnson an den Leadvocals und Paul Rutherford, der Backgroundvocals beisteuerte.

Über die instrumentalen Fähigkeiten der Band kann man sich erfreulicherweise anhand der Peel-Session-Aufnahmen, die 1982 für John Peels BBC 1 Radio Show gemacht wurden, selbst ein Bild machen. (3) Unter den Stücken der Session, die im BBC-Studio aufgezeichnet wurde, befindet sich auch Two Tribes. Auf dieser Aufnahme sind alle musikalischen Elemente mit dem Intro, der Melodie, dem Text, und der charakteristischen synkopierten Basslinie vorhanden. Der Sound ist aber eher der einer Punkband der späten 1970er Jahre und somit wird deutlich, dass es der Song in dieser Version nicht zum Charthit bringen hätte können.

Gleichzeitig ist hörbar, dass die Jungs von Frankie goes to Hollywood durchaus spielen konnten und dass die Aussage Trevor Horns "they could barely play" (4) nicht ganz nachvollziehbar ist. Aber es ist natürlich immer die Frage, von welchem Niveau man ausgeht. Entscheidend für einen Produzenten wie Horn ist sicherlich auch, wie flexibel Musiker auf ihren Instrumenten sind wenn sie mit Änderungswünschen konfrontiert werden oder wenn man versucht, an den Songs zu arbeiten. Da gibt es bei Musikern je nach Können große Unterschiede.

Unabhängig von der Qualität der Musiker war laut Aussage von Horns Teammitglied Steve Lipson niemand von Two Tribes in der Demo-Version begeistert - außer Horn selbst ("When we first heard it we looked at him [Horn] like mad") (5). Horn erkannte darin einen potentiellen Hit ("It's all about that bassline") (6) und damit eine Erfolg versprechende Nachfolgesingle für Relax, sah aber gleichzeitig, welche Arbeit investiert werden müsste, um den Song Chart-kompatibel zu machen. Es war eine Arbeit, die Wochen und Monate dauern sollte, und damit begann, dass das Team um Trevor Horn, der selbst E-Bassist ist, der Gitarrist Steve Lipson, der Keyboarder Andy Richards und der Keyboarder und Programmierer J.J. Jeczalik die vorhandenen Parts neu einspielten und als neue musikalische Elemente ein einstimmiges Gitarrenpattern und zwei Wechselakkorde auf dem Keyboard (ein Mollakkord und ein Wechselakkord zur IV. Stufe) hinzufügten.

Anschließend begann dann die aufwändige Arbeit an der Soundgestaltung und an der Programmierung, die zum Beispiel dazu führte, dass die Bassstimme nicht nur soundtechnisch und artikulatorisch über Tage hinweg optimiert wurde, sondern auch tonlich noch leicht verändert wurde: Das Achtel auf den Taktschlägen zwei und vier wurde eine Oktave nach unten gesetzt, was der Bassstimme mehr Gestalt und Fundament verlieh. Das Intro wurde orchestriert und verschiedene Soundeffekte wie zum Beispiel die berühmten Orchestra-Hits aus dem Synthesizer wurden ergänzt. Frankie goes to Hollywood hatten bei diesem ganzen Prozess nicht mehr die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen. Sie hatten ihre Schuldigkeit getan, indem sie das Material geliefert hatten. Man mag das kritisch sehen, der Erfolg des Songs gibt Trevor Horn allerdings Recht.

(1) Zitiert nach: https://genius.com/Frankie-goes-to-hollywood-two-tribes-lyrics. Abgerufen am 20.02.2026.
(2) Rau, Jes. Big Oil liebt Ronnie . Zeit Nr. 49/1980. Abgerufen am 20.02.2026
(3) Frankie goes to Hollywoods Peel-Session, die am 24. November 1982 aufgezeichnet und am 2. Dezember 1982 gesendet wurde, ist auf youtube nachzuhören: https://www.youtube.com/watch?v=NJfhRun7394&list=RDNJfhRun7394&start_radio=1. Abgerufen am 20.02.2026
(4) Top 2000 a gogo. Trevor Horn / Frankie Goes to Hollywood - Relax | Het verhaal achter het nummer. Abgerufen am 20.02.2026.
(5) Zitiert nach: Buskin, Richard. Classic Tracks: Frankie Goes To Hollywood 'Relax'. April 2008.
(6) ebda.

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Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Komponist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.