Johnny Cash: I Walk The Line

Der Benimm-Song mit der falschen Snare Drum

Mitte der 1950er Jahre war es in der Country Musik nicht üblich, einen Schlagzeuger in der Band zu haben. So bestand Johnny Cashs erste Band auf US-amerikanischem Boden aus nur drei Musikern: aus Johnny Cash selbst an der Rhythmusgitarre und seinen beiden Begleitern, dem Gitarristen Luther Perkins und dem Kontrabassisten Marshall Grant, den "Tennessee Two".

Cash hatte die beiden Mitmusiker über seinen älteren Bruder Roy 1954 in Memphis, Tennessee kennengelernt, wohin Cash nach seiner Zeit bei der US Army in Deutschland gezogen war. Cash lebte dort zusammen mit seiner ersten Frau Vivian, geborene Liberto, und verdiente das Geld für seine Familie (das Paar bekam insgesamt vier Kinder) als Vertreter für Haushaltsgeräte. Luther Perkins und Marshall Grant arbeiteten als Automechaniker und musizierten in ihrer Freizeit gemeinsam. Zu dritt probten sie nun vor allem das Gospel-Repertoire, durch das Cash in seiner Kindheit auf den Baumwollfeldern geprägt worden war. Da Cash seinen ungeliebten Vertreter-Job loswerden wollte und davon träumte, von der Musik leben zu können, nahm er all seinen Mut zusammen und sprach bei Sun Records in Memphis vor, der legendären Plattenfirma von Sam Phillips, bei dem nicht nur Elvis Presley kurze Zeit später seine beispiellose Karriere starten sollte, sondern der auch die anderen, damals angesagtesten Rock'n'Roll-Musiker wie Carl Perkins, Jerry Lee Lewis oder Roy Orbison produzierte und ihnen ihren Sound gab.

Sam Phillips, der als erfolgreicher Plattenboss ein untrügliches Gespür dafür hatte, was sich verkaufen würde und was nicht, lehnte Cash und seine beiden Mitstreiter zuerst mit Verweis auf das nicht mehr aktuelle Gospel-Repertoire ab. Erst als die drei mit neuen, Country-orientierten Songs zurückkamen, konnten sie Philips überzeugen. 1955 unterschrieb Cash somit seinen ersten Plattenvertrag.


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I Walk The Line wurde ein Jahr später, am 2. April 1956 im Sun Studio aufgenommen und am 1. Mai 1956 veröffentlicht. Der Song wurde Johnny Cashs erster Nummer-eins-Hit in den Country-Charts. Es ist ein recht einfaches Liedchen mit gerade einmal acht Takten Länge. In diesen acht Takten finden sich drei rhythmisch identische zweitaktige Phrasen, von denen die ersten beiden ("I keep a close watch..." und "I keep my eyes...") auch melodisch gleich sind. Abgeschlossen werden diese drei Phrasen von einer vierten, die durch den in allen Strophen gleichbleibenden Text "Because you're mine, I walk the line" (1) einen Refrain-Charakter besitzt.

Diese acht Takte dauern auf der Aufnahme gerade einmal 18 Sekunden (in der letzten Strophe wird die Refrain-Zeile einmal wiederholt, wodurch diese Strophe etwas länger ist). So kommt man bei insgesamt fünf Strophen auf eine Länge von 1:34 Minuten, was auch für damalige Verhältnisse sehr kurz ist. I Walk The Line hat aber eine Gesamtlänge von 2:30 Minuten, sodass rechnerisch 56 Sekunden fehlen. Diese werden verwendet für Intro (16 Sekunden), Outro (16 Sekunden) und Zwischenspiele (jeweils 6 Sekunden), was in dieser Ausdehnung ungewöhnlich ist. Aber nicht nur deswegen sind die instrumentalen Teile im Grunde interessanter als der Song selbst.

Denn mit diesen instrumentalen Zwischenteilen moduliert I Walk The Line von Strophe zu Strophe in eine andere Tonart. Dies geschieht aber nicht wie bei vielen anderen Songs auf die Weise, dass jede neue Strophe einen halben oder ganzen Ton nach oben geht, um eine Steigerung zu erwirken. Nein, I Walk The Line hüpft - durch Bassläufe miteinander verbunden - zwischen den Tonarten hin und her, mal sieben Halbtöne (eine Quint) nach unten, dann wieder 5 Halbtonschritte (eine Quart) nach oben. Der genaue Tonartenfahrplan sieht so aus. 1. Strophe F-Dur, 2. Strophe B-Dur (Quint tiefer), 3. Strophe Es-Dur (Quart höher), 4. Strophe B-Dur (Quart tiefer), 5. Strophe F-Dur (Quart tiefer).

Die letzte Strophe ist somit eine Oktave tiefer als die erste Strophe, was zum einen Johnny Cashs Basstimbre gut zur Geltung bringt, aber auch an die Grenzen dessen geht, was in der Tiefe noch singbar ist. Man kann dies gut an einigen Live-Aufnahmen von I Walk The Line nachvollziehen, wo Cash das tiefe C ("mine") am Schluss nicht wirklich trifft.

Woher die Idee mit den unterschiedlichen Tonarten stammt, bleibt unklar. Es gibt von den Beteiligten verschiedene Versionen. Johnny Cash erzählte oft eine Geschichte aus seiner Zeit bei der US Army in Landsberg, wo auf einem Tonbandgerät eine Aufnahme seiner damaligen Band "Landsberg Barbarians" aus Versehen falsch herum aufgespult gewesen sei und er von den seltsamen Klängen und Akkordwechseln zu I Walk The Line inspiriert worden sei. Unklar bleibt, was genau auf dem Band zu hören war und wie es sich auf den Song auswirkte; beziehungsweise ob es ihn zum Song oder zum Arrangement mit den Tonartwechseln inspirierte.

Cashs Bassist Marshall Grant wiederum erinnert sich in seiner Autobiographie an Bassläufe, die er vor einem Auftritt bei einer Probe geübt hätte, Quarten und Quinten auf- und wieder abwärts. Cash hätte sich dies aufmerksam angehört, gefragt was das sei und dann am Ende der Läufe I Walk The Line dazu gesungen. Gemeinsam hätten sie dies dann am Tag darauf auf der Autofahrt wieder aufgegriffen und auf Perkins' E-Gitarre übertragen.

Ein weiteres interessantes Detail an den Zwischenspielen ist, dass die Modulation, also die Tonartänderung mit dem Basslauf innerhalb kurzer Zeit abgeschlossen ist, drei Achtel auf- oder abwärts und schon ist die Band in der neuen Tonart. Die Zwischenspiele verharren aber noch zweieinhalb Takte lang ohne weitere Entwicklung in der neuen Tonart, bis Cash mit der nächsten Strophe einsetzt. In dieser Zeit hört man Cash den neuen Grundton summen. Wie er selbst bestätigte, war das für ihn ein Mittel, in der neuen Tonart anzukommen und sich einzuhören.

Und schließlich sind die Instrumentalteile eine ungeschminkte Zurschaustellung des neuen Sounds, der zu Cashs Markenzeichen werden sollte: der so genannte Boom-Chicka-Boom-Sound. Dieser Sound besteht aus zwei Komponenten, einer rhythmischen und einer klanglichen Komponente. Bei der rhythmischen Komponente handelt es sich aus einer ständigen Wiederholung eines aus einer Achtel und zwei Sechzehntel-Noten bestehenden Patterns, das zusammen mit dem regelmäßige Viertel spielenden Kontrabass lautmalerisch als "boom chicka boom" gehört werden kann. Bei der klanglichen Komponente hört man ziemlich eindeutig den Sound einer Snare Drum. Meint man auf jeden Fall, denn, wie schon zu Beginn dieses Artikels erwähnt, gab es in Johnny Cashs Band 1956 keinen Schlagzeuger. (2)

Dass hier der Eindruck entsteht, als ob eine Snare Drum mitspielt, ist einem Trick geschuldet, den Johnny Cash bei der Aufnahme anwandte. Er flocht am oberen Ende des Griffbretts ein kleines Stück Papier in der Größe eines Notizzettels (der Legende nach war es eine Ein-Dollar-Banknote) zwischen die Saiten seiner Gitarre, was beim Schlagen der Saiten einen der Snare Drum sehr ähnlichen Sound ergab. (3)

Bleibt die Frage nach der inhaltlichen Bedeutung von I Walk The Line. Gibt man die Refrainzeile in ein beliebtes Übersetzungsprogramm eines großen Konzerns ein, kommt als Ergebnis: "Weil du mir gehörst, gehe ich die Linie". Sehr schön, aber leider falsch... "To walk the line" heißt umgangssprachlich so viel wie "sich an die Regeln halten", "sich benehmen", und so ist I Walk The Line nichts anderes als ein Versprechen, das Cash seiner damaligen Frau Vivian gab. Cashs Karriere begann sich nämlich ähnlich rasant zu entwickeln wie parallel die von Elvis, und mit diesem war er für Sun Records auch auf Tournee. Man kann sich die Verlockungen durch die weiblichen Fans gut vorstellen, denen Cash nicht erliegen wollte. Mit I Walk The Line versicherte er Vivian, dass er sich benehmen, ihr also treu sein wolle.

Es ist allerdings schon etwas ironisch, dass Cash noch im gleichen Jahr 1956 bei der Grand Ole Opry, einer Country-Radio-Show in Nashville, die Sängerin June Carter kennenlernte und auch bald eine Affäre mit ihr begann. Sie war neben Cashs Drogenabhängigkeit ein Grund dafür, dass Vivian 1966 die Scheidung einreichte. Mit June, die er 1968 heiratete, blieb Johnny Cash bis zu seinem Lebensende zusammen. Obwohl Cash damit sein Benimm-Versprechen ad absurdum führte, sang er I Walk The Line trotzdem weiter, eigentlich bei jedem seiner Konzertauftritte. Ob mit schlechtem Gewissen oder nicht, wissen wir nicht. Er konnte wohl auch nicht anders, selbst wenn er gewollt hätte, da I Walk The Line inzwischen zu seinem Signature-Song geworden war.

(1) Cash, John R. Liedtext zu I Walk The Line. Unichappell Music Inc.
(2) Erst 1960 stieß mit W. S. Holland ein Schlagzeuger zur Band dazu, der dann aus den "Tennessee Two" die "Tennessee Three" machte. Er blieb bis zu Cashs Tod.
(3) Cash demonstriert dies bei einem Konzert in Montreux 1994, ab ca. 15 Minuten: https://www.youtube.com/watch?v=mmSObDRLIfs. Abgerufen am 18.2.2024.

Kontakt

  © 2024 by Jochen Scheytt

Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Komponist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.