Songs: Blue Rondo a la Turk

Album: "Breakin' Away" (1981)

Aus der Zeit, als der Jazz akademisch wurde, stammt das Original von Blue Rondo a la Turk. Es handelt sich dabei um eine Instrumentalkomposition, die der Jazzpianist Dave Brubeck für sein 1959 erschienenes Album "Time Out" komponierte und in einer Quartettbesetzung mit Altsaxophon, Klavier, Bass und Schlagzeug einspielte. Der Titel nimmt dabei Bezug auf verschiedene Einflussbereiche, die bei Blue Rondo a la Turk zu finden sind. So weist das "Blue" auf die im Improvisationsteil verwendete 12-taktige Bluesform hin, das "Rondo" auf die auf der klassischen Musik stammende Rondo-Form , und "a la Turk" auf den Ursprung der hier verwendeten ungeraden Taktart; Taktvarianten, die in der Folklore des Balkan und der Türkei weit verbreitet sind. Außerdem dürfte sicherlich auch Mozarts berühmtes Rondo "alla turca" bei der Betitelung Pate gestanden haben.

Die ungerade Taktart bei Blue Rondo a la Turk ist ein 9/8-Takt. Wie so oft bei solchen ungeraden Taktarten sind die neun Achtel eine Addition aus kleineren Einheiten von Zweiern und Dreiern. Hier sind es drei Zweier- und eine Dreiergruppe aus Achteln, die zusammen neun Achtel ergeben. Auf drei solcher 2-2-2-3-Gruppen folgt eine 3-3-3-Gruppe, die dann eine viertaktige Phrase komplettiert.

Diese erste viertaktige Phrase in F-Dur stellt das eigentliche Rondo-Thema dar, das wie bei einem klassischen Rondo stets wiederkehrt. Das klassische Rondo (vom Namen her ein Rundgesang) zeichnet sich dadurch aus, dass sich ein Thema (A) mit musikalisch stets unterschiedlichen Teilen (B, C, D, etc.) abwechselt, so dass die Form A B A C A D A ... entsteht. Bei Blue Rondo a la Turk sind die Teile B, C, und D alle in der a-Moll-Sphäre angesiedelt. Alle Teile werden durch Melodien gekennzeichnet, bei denen die Achtel bis auf wenige Ausnahmen ohne Pause durchlaufen.

Wie kommt man nun auf die Idee, eine solche Instrumentalkomposition zu singen? Zumal die Melodie mit den durchlaufenden Achteln alles andere als sanglich ist und dem Sänger keine wirkliche Zeit zum Atmen lässt? Al Jarreau folgt hier einer Tradition, die Jon Hendricks ins Leben gerufen hat - ein Musiker, den Al Jarreau sehr verehrte und den er als maßgeblichen Einfluss nennt. Es ist die Tradition des Vocalese: das nachträgliche Textieren von instrumentalen Themen oder Instrumentalsoli, die dann original nachgesungen werden - inklusive aller technischer Schwierigkeiten. Jon Hendricks brachte es in diesem Bereich zur Meisterschaft. Mit seinem Trio Lambert, Hendricks and Ross spielte er auf beeindruckende Weise sogar ganze Bigband-Arrangements vokal ein.

Vielleicht liegt der Grund sich solche vokalen Herausforderungen zu suchen in der Tatsache begründet, dass der Jazzgesang in den ersten Jahrzehnten des Jazz nie wirklich gleichwertig zum instrumentalen Part war. Obwohl schon Louis Armstrong anfing zu scatten, also mit bedeutungslosen, aus der Nachahmung von Instrumenten hervorgegangenen Silben zu improvisieren, durften Jazzsänger lange Zeit hauptsächlich vor Big Bands gefühlvolle Balladen zum Besten geben. Das war sicherlich schön, aber zu zeigen, was man klanglich und technisch mit seiner Stimme alles drauf hat, wurde mehr und mehr zum Anliegen einer neuen Generation von Jazzsängern.


Al Jarreau - Studien seiner Entwicklung vom Jazz- zum Popinterpreten

Eine wissenschaftliche Arbeit zu Al Jarreau. Mit Analysen zur vokalen Improvisation und der Harmonik einiger ausgewählter Songs. Grin Verlag, 2008.

Dass sich Al Jarreau mit seinen stimmlichen Möglichkeiten auch der Vocalese-Technik bedient, ist eigentlich nur logisch. Schon deswegen gehört Blue Rondo a la Turk in der Version von Al Jarreau in jedem Fall zu den Sternstunden. Denn der Vokalpart in Al Jarreaus eigener Textierung verleiht dem Stück eine komplett neue Dimension. Klingt Dave Brubecks Original - ohne diesem großen Künstler irgendwie zu nahe treten zu wollen - irgendwie akademisch und nüchtern, so ist Al Jarreaus Version von Beginn an voller Energie. Wahrscheinlich spielt auch eine Rolle, dass die Melodie am Klavier oder Saxophon keiner großen Virtuosität bedarf, gesungen allerdings schon. Das betrifft nicht nur die Schnelligkeit, sondern auch den enormen Tonumfang, der hier bewältigt werden muss.

Was die Aufnahme Al Jarreaus allerdings unglaublich macht, ist der Improvisationsteil. Bei Dave Brubeck ist das ein sehr relaxter Blues mit Soli von Saxophon (Paul Desmond) und Klavier (Dave Brubeck), bei Al Jarreau ein vom ersten Ton an hochenergetisches, ausgedehntes, 1 Minute 43 Sekunden langes Scat-Solo, und ein unfassbarer Höhenflug. Viel mehr als bei Dave Brubeck ist diese Improvisation bei Al Jarreau eine völlige Befreiung aus dem engen Korsett des ungeraden Taktschemas.

Dies ist allerdings auch in der Komposition vorgezeichnet, denn der Improvisationsteil steht sowohl bei Dave Brubeck als auch bei Al Jarreau im geraden 4/4-Takt, dessen Metrum im Vergleich zum 9/8-Takt zu Beginn um einiges langsamer ist. So wirkt dieser Teil um einiges ruhiger. Dave Brubeck verstärkt diese Ruhe noch durch den lässigen Blues. Bei Al Jarreau allerdings wird die Intensität trotz der metrischen Beruhigung sogar noch gesteigert. Dabei spielt der komplexe Grundgroove in der Rhythmusgruppe eine Rolle, der über den 4/4-Takt gelegt wird und einen schwebenden Eindruck entstehen lässt. Dies wird unterstützt durch längeres Verharren auf den Harmonien und lange, über der Rhythmusgruppe schwebende Gesangsphrasen.

Auch beim Schlussakkord gibt es einen signifikanten Unterschied. Endet Brubeck auf einem Tonika-Akkord (a-Moll), findet sich bei Al Jarreau ein F-Dur-Dreiklang über dem Basston Es, was in Verbindung mit Al Jarreaus hohem Schlusston einen offenen Schluss zur Folge hat. Das lange Aushalten in Verbindung mit einer hohen, schnell gespielten Klavierfigur trägt zu diesem offenen Charakter bei. Klanglich stellt dieser Schlussakkord einen Rückbezug zum Improvisationsteil dar und rundet die Aufnahme in perfekter Art und Weise ab.

Kontakt

  © 2019 by Jochen Scheytt

Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Komponist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.