Songs: Mornin'

Album: "Jarreau" (1983)

Mornin' ist einer der populärsten Songs Al Jarreaus und im Grunde der einzige, der auch heute noch relativ regelmäßig im Formatradio zu hören ist. Wahrscheinlich liegt das daran, dass sich die Radiomoderatoren, beziehungsweise die für die Musikauswahl verantwortlichen Redakteure direkt angesprochen fühlen von den Eröffnungszeilen des Liedtextes. Das gut gelaunte "Mornin' Mr Radio" scheint seine Wirkung nicht zu verfehlen.

Und das nicht nur bei den Radiomenschen. Wie schreibt doch Josef Engels in seinem Nachruf auf Al Jarreau in der Welt so schön: "Wer nach diesen vier Minuten immer noch griesgrämig auf den Frühstückstisch starrt, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen." (1) Das ist in der Tat so, und da spielt es auch keine Rolle, dass der Liedtext in seiner Folge doch etwas, sagen wir mal banal daherkommt, wenn Al Jarreau nach dem Radiomann auch noch seine Frühstückscerealien höflich begrüßt ("Mornin' little Cheerios"), dazu noch das Singvögelchen ("Mornin' sister Oriole"), und allen erklärt, wie gut er sich fühlt.

Solche Textzeilen sind es, die Jay Graydon, der zusammen mit David Foster die Musik zu Mornin' schrieb und einige Alben der mittleren Schaffensperiode für Al Jarreau produzierte, dazu brachten, Al Jarreau in einem Interview als miserablen Textdichter zu bezeichnen, bei dem immer alles zu "Candy" wird (2). Ein Urteil, das in dieser direkten und heftigen Wortwahl verwundert, auch wenn es möglicherweise nicht unberechtigt ist, sobald man an einen Liedtext inhaltlich und sprachlich gehobene Ansprüche stellt.

Graydon wundert sich im selben Interview, dass diese Texte den Verkaufszahlen keinen Abbruch getan hätten. Das liegt aber ganz einfach daran, dass Konsumenten von Mainstream-Popmusik genau diese Art von Liedtexten erwarten und goutieren. Es liegt aber auch daran, dass man Al Jarreau diese Liedtexte einfach abnimmt. Denn es ist ganz schlicht der echte, der authentische Al Jarreau, der diese Zeilen textet. Der Al Jarreau, dem nichts wichtiger ist, als bei den Menschen gute Laune zu erzeugen, und der auf der Bühne sein ganzes Leben nichts anderes als genau dies gemacht hat. Und wer einmal bei einem Live-Konzert von ihm zugegen war, weiß, wovon die Rede ist.


Al Jarreau - Studien seiner Entwicklung vom Jazz- zum Popinterpreten

Eine wissenschaftliche Arbeit zu Al Jarreau. Mit Analysen zur vokalen Improvisation und der Harmonik einiger ausgewählter Songs. Grin Verlag, 2008.

Aber den Erfolg von Mornin' nur auf die Authentizität zurückzuführen, wäre tatsächlich zu kurz gesprungen. Es ist natürlich auch diese unnachahmliche Art Jarreaus, solche Banalitäten in musikalische unglaublich entspannt und laid-back phrasierte Melodielinien zu gießen (zum Beispiel "Did I tell you that ev'rything here is just fine"). Melodielinien, die bei Wiederholungen im Song nie annähernd gleich sind und bei Live-Konzerten schon gar nicht.

Ohne gutes Songmaterial geht natürlich auch nichts und hier ist die kompositorische und arrangement-technische Arbeit von David Foster und Jay Graydon nicht hoch genug einzuschätzen. Wie harmonisch komplex und von Jazzharmonik durchdrungen die Songs wie Mornin' sind, wie rhythmisch anspruchsvoll sie gestaltet sind (und gleichzeitig so entspannt dahinfließen), erschließt sich eigentlich erst, wenn man versucht diese Songs nachzuspielen.

Dabei ist interessant, dass Mornin' eine fertige Instrumentalkomposition war, die 1983 auf David Fosters CD "The Best Of Me" erschien, bevor man beschloss, diesen Song Al Jarreau anzubieten. Al Jarreau schrieb den Liedtext also auf den fertigen Song. Ansonsten übernahm man eigentlich alles für die neue Vokalversion, auch das kurze Synthesizersolo, das in dieser Periode oft statt der Vokalsoli Jarreaus in die Songs eingebaut wurde.

Musikalisch basiert Mornin' auf einem Gitarrenriff in Terzen, das von Jay Graydon im Overdubverfahren in insgesamt vier Schritten eingespielt wurde. Er benutzte dazu die muted guitar technique und spielte sowohl die Ober- als auch die Unterstimme doppelt ein. (3) Ergänzt wird diese Gitarrenfigur durch das exzellente Fender Rhodes von David Foster, der die Lücken füllt und natürlich das Schlagzeug, an dem der unvergleichliche Jeff Porcaro wieder einen seiner relaxten 16-Shuffle-Grooves spielt und mit Abe Laboriel am Bass ein perfektes rhythmisches Team bildet.

Einige musikalische Elemente heben Mornin' über den üblichen Standard eines Popsongs hinaus. Das ist zum einen die Harmonik, die statt den üblichen Dreiklängen durchweg Vierklänge verwendet. Dabei stehen der im A-Teil ("Mornin' Mr Radio...") und der B-Teil ("'Scuse me if I sing...") in D-Dur, wohingegen der C-Teil, der wie eine Bridge nur einmal vorkommt ("My heart will soar..."), durch verschiedene Tonarten moduliert. Die Anzahl der Akkordwechsel steigert sich. Während im A-Teil in 8 Takten nur drei Akkorde vorkommen (Dmaj7, Am7 und wieder Dmaj7), sind es im B-Teil schon vier (Bbmaj7, Dmaj7, Bb/C, G/A). Im C-Teil wechseln die Akkorde taktweise und gehen in harmonisch andere Regionen. Reizvoll an den Akkordwechseln des A- und B-Teils ist die Tatsache, dass der Dmaj7-Akkord der einizge ist, der Tonmaterial der Grundtonart D-Dur benutzt, die Wechselakkorde Am7, Bbmaj7 und Bb/C aber aus der gleichnamigen Molltonleiter d-Moll entnommen sind.

Der C-Teil ist im Grunde der musikalisch interessanteste Teil, der sich in weiten Melodiebögen immer weiter nach oben schraubt, sich harmonisch dabei immer weiter vom Ausgangspunkt entfernt und am Ende wie bei einem klassischen Trugschluss wieder auf dem Dmaj7-Akkord endet ("...and touch the face of God"). Flankiert wird dei Melodie dabei von einer Gegenmelodie (oder klassisch ausgedrückt von einem Kontrapunkt) im Synthesizer und später in den Streichern.

Um am Ende noch einmal zu Al Jarreaus Textierfähigkeiten zurückzukommen: Die Idee, den melodischen und dynamischen Höhepunkt des C-Teils, also den oben erwähnten Trugschluss wieder zurück in die Ausgangstonart D mit "and touch the face of God" zu textieren, darf als äußerst gelungener Kunstgriff gelten. Man müsste Jay Graydon mal fragen, was er von dieser Textstelle eigentlich hält.

(1) Engels, Josef. Er war wie ein Trampolin, auf dem die Töne herumhüpften. Welt, 13.2.2017. Abgerufen am 28.10.2019.
(2) Wiser, Carl. Songwriter Interviews: Jay Graydon. 3.10.2008. Abgerufen am 28.10.2019.
(3) ebda.

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  © 2019 by Jochen Scheytt

Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Komponist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.