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The Minstrel Show

Textbeispiele

Die Textbeispiele sind Richard Moodys Sammlung "Minstrel Show"(5) entnommen, in der er einige originale Texte, so wie sie damals auf die Bühne kamen, zusammengestellt hat. Sie wurden nicht in einer Show zusammen aufgeführt, sondern sind ausgewählte Beispiele für die typischen Formen, die üblich waren.

Kurze Sketche

Die kurzen Sketche sind alle dem ersten Teil der Minstrel Shows entnommen. Sie bedienen sich stets des gleichen Schemas: ein Dialog zwischen einer intelligenten Person, die sich sprachlich sehr gut ausdrücken kann und einen weitreichenden Wortschatz benützt, und einer etwas einfältigen Person, die einen sehr beschränkten Wortschatz hat und im Dialekt redet. Dies führt zu ständigen Missverständnissen zwischen den beiden. Diese zwei Rollen werden normalerweise vom Interlocutor und einem der beiden Endmen besetzt. Die Namen sind manchmal verschieden, aber die Rollenverteilung ist die gleiche.

Der Sketch "Blackberrying" funktioniert genau auf diese Weise. Hier wird die Rolle des Interlocutors durch Tambo besetzt, was nicht ganz logisch erscheint, ist Tambo doch als begriffstutziger Charakter definiert. Er benutzt eine gewählte Sprache, die Bones nicht versteht. Dieser wandelt die Worte, die ihm unbekannt sind, in ähnlich klingende Worte seines eigenen Wortschatzes um.

Tambo: No, Bones, you mean three days previous to her decease.
Bones: No, she had no niece.

Tambo: I presume he was a pretty good physician?
Bones: No, he wasn't fishin'; he was home.

Weit verbreitet ist auch das Mittel, Missverständnisse durch Worte mit einfacher und gehobener Bedeutung hervorzurufen; hier mit dem Wort standing. Es bedeutet Ruf, Ansehen, kann aber auch als Verlaufsform vom Verb to stand angesehen werden.

Tambo: I mean he was a doctor of some standing.
Bones: No, he wasn't standing, he was sitting on a three-legged stool.

Wortspiele sind ein weiteres Mittel, das die Zuschauer zum Lachen bringen soll. Die Pointe des Sketches "Blackberrying" beruht auf einem solchen Wortspiel. Im Englischen werden sowohl "berry" als auch "to bury" gleich ausgesprochen. Somit kann "to go blackberrying" (Brombeeren pflücken gehen) auch als "blackburying" (Schwarze beerdigen) verstanden werden.

In vielen dieser Dialoge ist der Interlocutor nur dazu da, Tambo und Bones die verbalen Vorlagen für ihre Wortspiele zu geben. Der Kontrast zwischen diesen beiden und dem Interlocutor wurde noch verstärkt durch das Verhalten auf der Bühne. Der Interlocutor war die Personifikation von Würde und Stil, wohingegen die Endmen mit übertriebenen Bewegungen und kindischen Spielchen die wahren Minstrel Clowns darstellten.

Stump speeches

Die stump speeches oder Wahlkampfreden gehörten mit zu den Höhepunkten einer Minstrel Show. Es gab sogar Minstrels, die sich darauf spezialisiert hatten und für ihre Reden bekannt waren. Diese Reden boten Gelegenheit zu endlosen Wortspielen, Witzen, Gags und Malapropismen, behandelten aber häufig auch aktuelle Themen oder enthielten soziale Kritik.

Sehr häufig war auch der amerikanische Bürgerkrieg das Thema dieser Speeches. Die Redner stellten sich auf die Seite des Nordens, was nicht weiter verwunderlich ist, fanden die Minstrel Shows doch alle im Norden der USA statt. Die verbalen Attacken gegen und Witze über die Südstaaten sind aus heutiger Sicht nicht leicht zu nachzuvollziehen, braucht man doch Kenntnis der im damaligen Konflikt involvierten Namen und Orte, Vorgänge und Ereignisse, um die Komik verstehen zu können.

Afterpieces

Es gab viele verschiedene Möglichkeiten, wie ein Afterpiece gestaltet werden konnte. Zum Beginn der Minstrelsy spielten sie meist auf einer Plantage. In diesem Falle war das Afterpiece eine Mischung aus Songs und Tanzszenen, die in eine Handlung niedrigen Niveaus eingebettet waren. Da diese Form des Afterpiece dem ersten Teil der Minstrel Show sehr ähnlich war, begannen die Minstrel recht bald, sich nach anderen Formen umzusehen. Unter anderem fingen sie an, Parodien von damals populären Theaterstücken aufzuführen.

"Camille" ist eine solche Parodie eines Theaterstücks, das damals sehr bekannt sein musste, damit die Zuschauer den Kontrast zwischen Original und Parodie und somit die parodistischen Elemente verstehen konnten. Trotzdem kündigen die beiden Schauspieler das Stück an, das sie gleich aufführen werden.

Sam: I was to do Theatre, to see de "Hospital Tragedy".
Julius: Why, what play do you mean?
Sam: I mean "Camille". Did you ever see it?
Julius: Oh, yes. I saw Ned Forrest play it at the Broadway.

Burlesken dieser Art gaben den Minstrels die gern genutzte Gelegenheit, den "wench character", einen Minstrel, der die Rolle einer Frau spielt, einzusetzen. Der "wench character" ist eine weitere Standardfigur, die meist in den Afterpieces vorkommt, genauso wie Zip Coon, den Negro dandy, ein vornehmer und außergewöhnlich gutgekleideter, städtischer Schwarzer. Die Regieanweisung dür Camilles Auftritt lässt darauf schließen, wie der "wench character" ausgesehen haben mag:

Enter Sam, dressed extravagantly as Camille. She has a large "waterfall", composed of an ox bladder blown up, and painted black, after it becomes dry. She also has a wreath of vegetables on her head [...].

Die Szene die folgt macht sich über Liebesszenen im populären Melodram der damaligen Zeit lustig, indem sie typische Elemente und Liebessymbole grotesk überzeichnet und verzerrt. Blumen werden zu Gemüse und Liebesschwüre erweisen sich als extrinsisch motiviert:

Army: ...and you'll find me ever by your side - when I'm broke.

oder nur grotesk ausgeweitet:

Camille: Army, I love you! devotedly! [Embrace] devoutly! [Embrace] madly! [Embrace] excrutiatingly! [Embrace] spasmodically love you! [Embrace and kiss]

Die normalerweise gefühlsbetonte und friedliche Sterbeszene stellt sich als äußerst gewalttätiger Akt heraus.

Camille: Army, I'm dying!
[Camille pulls him by the head and uses him exceedingly rough.]

Army: Die easy, Camille, die easy! [She throws him over her head...]

Dies sind Momente, in denen das komische Prinzip der Unangemessenheit plus Überraschungseffekt (incongruity plus surprise) zum Höhepunkt gebracht wird. Ergänzt wird dies durch Schlagfertigkeit

Camille: Army, dear Army! How long has this fiery passion burnt inside your breast?
Army: About ten minutes.

und die üblichen Wortspiele.

Camille: Army, I feel every indication of a "swine" (anstatt "swoon").

Viele komische Effekte und Einlagen wurden während der Vorstellungen von den Akteuren spontan eingefügt. "Seldom were any two performances of an afterpiece totally alike."(6) Dies war allerdings vom Einfallsreichtum der Schauspieler wie von der Reaktion des Publikums abhängig.

Wir haben heute nur diese Editionen vor uns und können nur versuchen uns auszumalen, wie diese Aufführungen im Kontext und der Atmosphäre der damaligen Zeit gewirkt haben. Wenn man sie am heimischen Schreibtisch liest, ist es manchmal schwierig, sich vorzustellen, warum diese Burlesken lustig gewesen sein sollen. Dies ist auch der Fall bei "The Thumping Process". Doch vielleicht muss man hier die unterschiedliche Haltung der Menschen im letzten Jahrhundert gegenüber und ihre Abhängigkeit von teils seltsamen medizinischen Methoden und dubiosen Doktoren berücksichtigen, um diesen Humor zu verstehen.

In "Sublime and Ridiculous" findet man eine andere typische Situation, wie sie in den Afterpieces vorkommt. Julius, die Rolle des einfältigen Schwarzen verkörpernd, wird mit einem klassischen Drama und dessen fiktiver Welt konfrontiert. Er soll eine Rolle in diesem klassischen Drama übernehmen, kann die fiktive und reale Welt aber nicht auseinanderhalten. Julius soll eigentlich nur sagen "I slew your horse", beruft sich aber immer darauf, dass er gar kein Pferd besitzt.

[Manager exits right and rushes on tragically]
Manager: Lucullus, my horse!
Julius: Hey?
Manager: Hey? Did I tell you to say hey? I told you to say, "I slew your horse."
Julius: Yes, but I ain't got no horse.

Die Vermischung von Fiktion und Realität wird im weiteren Verlauf weiter ausgedehnt. Dazu kommt die übliche, auf der Vermischung verschiedener Sprachebenen beruhende Komik, die das stereoptype Image des Schwarzen als unwissende und liebenswert doofe Kreatur erneut bestätigt.


(5) "Minstrel Show" , in: Richard Moody (ed.), Dramas from the American Theatre 1762-1909. New York: Houghton Mifflin, 1966, S. 475-500.
(6) Engle, Gary D., This Grotesque Essence. Plays from the American Minstrel Stage. Baton Rouge and London: Louisiana State University Press, 1978, S. 33.

 


©2000 by Jochen Scheytt
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