Popsongs und ihre Hintergründe

Robbie Williams

Robbie Williams: Advertising Space

Jahr: 2005

Die Schimpftirade eines New Yorker Elektrohändlers über die Stars auf MTV


Die Webseite Elvis & Nixon Songs all mixed up verzeichnet im Moment 232 Songs, die sich thematisch mit Elvis Presley beschäftigen. Dass auch fast 30 Jahre nach seinem Tod noch neue dazu kommen, beweist Robbie Williams neueste Single "Advertising Space" von seinem Album "Intensive Care".

Williams selbst bezeichnete den Song als sein Candle In The Wind und spielt damit auf Elton Johns legendäre Ballade über das Leben und den Abstieg von Marilyn Monroe an. Bezug nehmend auf den Film "True Romance" sagt Williams: "It's my True Romance song, the one where, like Christian Slater in the film, I like to believe that I have direct access to Elvis Presley every now and again". (1) Folgende Erläuterungen sollen den Song besser verständlich machen.

Der Songtitel

Der Songtitel "Advertising Space" bezieht sich auf eine leere, noch zu füllende Reklamefläche, symbolisch gesehen eine reelle, bzw. innere oder emotionale Leere. Die findet sich, wenn die Profite dahingeschmolzen sind ("we let our profits go to waste"), oder im Gesicht von Elvis, wenn er den Tod Marlon Brandos betrachtet ("you had that look upon your face, advertising space").

Marlon Brando und Elvis

"I saw you standing by the gates when Marlon Brando passed away..." Warum wird hier Marlon Brando ins Spiel gebracht? Marlon Brando hatte in seinem ersten Film "Endstation Sehnsucht" Anfang der 50er einen ähnlich fulminanten Einstieg in die Unterhaltungsindustrie wie Elvis ein paar Jahre später. Beide wurden innerhalb kürzester Zeit zu Ikonen der Jugend in der damals recht prüden amerikanischen Gesellschaft. Vor allem die Rebellion, die sie verkörperten, machte sie zum Gegenentwurf der Elterngeneration und ließ die Jugend ihnen zu Füßen liegen.

Ein anderer Grund für die Erwähnung von Brando ist wohl, dass er zusammen mit James Dean von Elvis sehr verehrt wurde. Elvis wollte so cool wie Brando und Dean sein und im Filmgeschäft genau so erfolgreich, was er aber nie schaffte. Seine Filme blieben immer auf einem seichten, klischeehaften Niveau, und er wurde nie als richtiger Schauspieler akzeptiert.

"No one learned from your mistakes, we let our profits go to waste..." Obwohl sowohl Elvis als auch Marlon Brando Unsummen verdienten, steckten sie doch in der finanziellen Klemme. Bei Brando gibt es hierzu widersprüchliche Aussagen. Es gibt Berichte, wonach er ein Millionenvermögen vererbt hätte, genauso wie Berichte, dass ihn die Verteidigung seines Sohnes Christian, der den Freund seiner Schwester umgebracht hatte, um sein Vermögen gebracht hätte, und er deshalb auf Pensionszahlungen der Schauspielergewerkschaft angewiesen war. Brando starb achtzigjährig 2004. Bei Elvis ist der Fall klarer. Sein skrupelloser Manager Conolel Parker beutete den in finanzieller Hinsicht naiven Elvis aus ("Everyone around you was corrupted") und sein aufwändiger Lebensstil forderte seinen Tribut, so dass Elvis bei seinem Tod 1977 nicht viel mehr als seine Villa Graceland hinterließ.

Die Würde des Menschen

"There's no dignity in death, to sell the world your last breath..." Um sein Leben finanzieren zu können, gab Elvis kurz vor seinem Tod, von Krankheiten und seiner Medikamentenabhängigkeit schon schwer gezeichnet, ein Schatten seiner selbst, aufgeschwemmt und schwitzend, noch über 100 Konzerte pro Jahr und wurde von Parker von Auftritt zu Auftritt gepusht und verkauft. Diese Strapazen dürften dann wohl auch mit zu seinem frühen und unwürdigen Tod im Badezimmer geführt haben.

Elvis lebt!?

"I saw you standing by the gates..." Wie bei vielen viel zu jung gestorbenen Rockstars (man denke an Jim Morrison von den Doors) gibt es hartnäckige Theorien, dass sie gar nicht tot seien. Dies ist natürlich Quatsch, eine Meinung, die die Verschwörungstheoretiker allerdings in ihrem Glauben eher bestärkt. Auch Elvis weilt in dieser Hinsicht noch oft unter den Lebenden, wenngleich auch "nur" als Geist ("I saw the ghost of Elvis on Union Avenue..." aus Marc Cohns Song "Walking in Memphis" oder die Figur des Mentor, oder Geist von Elvis, aus dem Film "True Romance"). Letzterer wird von Robbie Williams auch als Inspirationsquelle für diese Textzeile genannt.

Musikalische Kompromisse

"They poisoned you with compromise..." Elvis war Rock'n'Roller, ein Image und eine Musikrichtung die sich beide am Ende der 50er abgenutzt hatten. Der Rock'n'Roll war gesellschaftsfähig geworden und das Interesse an Elvis hatte dadurch nachgelassen. Es entstand eine Lücke, die sein Management dadurch zu füllen versuchte, dass man ihn immer mehr Schlager bis hin zur Schnulze singen ließ um die Verkaufszahlen hoch zu halten. Höhepunkt dieser Entwicklung waren solche Peinlichkeiten wie die Version des Volkslieds "Muss i denn zum Städtele naus". Elvis litt darunter so sehr, dass er sich ab Ende der 50er völlig aus dem Plattengeschäft zurückzog, sich auf seine Filme konzentrierte und nach einer langen Pause erst 1969 wieder eine Platte veröffentlichte.

Depressionen

"...up to your neck in darkness...", "at what point did you realise that everyone loved your life but you..." Wie viele andere Superstars auch verkraftete Elvis den Spagat zwischen der ihm dargebrachten grenzenlosen Verehrung als Künstler und der privaten emotionalen Einsamkeit und dadurch folgenden inneren Leere nicht. Auch die Beziehung und Ehe mit Priscilla Beaulieu konnte gegen diese Kräfte nichts ausrichten. Die Depressionen versuchte er mit Medikamenten in immer stärkeren Dosen zu bekämpfen. Nicht nur vergeblich, sondern auch mit den gravierenden Folgen einer schweren Medikamentenabhängigkeit und des Hineingeratens in einen Teufelskreis, der sich am Ende als tödlich erweisen sollte.

Elvis und Nixon

"A special agent for the man through Watergate and Vietnam..." Unter diesen Umständen mutet es aus heutiger Sicht geradezu als grotesk an, dass Elvis 1970 einen Brief an den damaligen amerikanischen Präsidenten Nixon ("the man" steht hier als Slangausdruck für die amerikanische Regierung) schrieb und ihn bat als Federal Agent, also eine Art Spezialbeauftragter der Regierung für Drogenfragen und Drogemissbrauch wirken zu dürfen. Dies geschah sicherlich unter dem Eindruck der ersten Drogentoten unter den Rockstars, Jimi Hendrix und Janis Joplin, die beide 1970 innerhalb kurzer Zeit starben (Jim Morrison folgte 1971). Dies sah man durchaus als eine Folge der gerade zu Ende gegangene Ära der Blumenkinder, die sich ja durch einen unverkrampften und unvernünftigen Umgang mit Drogen ausgezeichnet hatten.

Dass Nixon prompt reagierte hatte wohl hauptsächlich politische Gründe. Die Fotos mit Elvis und das Engagement für das Wohlergehen der Jugend sollten wohl nicht ganz so ausgezeichnete Popularitätswerte steigern helfen. Elvis hatte den Status des "special agent" bis zu seinem Tod inne, auch während des Watergate-Skandals des Präsidenten Nixon, und auch während der heißen Phase des Vietnamkriegs, hat in dieser Funktion aber nie etwas bewirkt.

"...no one really gave a damn, d'you think the CIA did?" Nicht nur die Öffentlichkeit interessierte diese Funktion von Elvis, und was er damit bewirken wollte, nicht. Die CIA auch nicht. Der amerikanische Geheimdienst ging im Gegenteil viel weiter und interessierte sich sogar sehr für die bewusstseinserweiternden Drogen wie LSD, mit denen schon ab den 50ern oft auch skrupellos und menschenverachtend experimentiert wurde. Hintergrund dafür war im Kalten Krieg der Wunsch, Kontrolle über die Gegner zu bekommen, und Gehirne bewusst zu manipulieren.

Links

The Nixon-Presley Meeting. Eine Seite über das Treffen zwischen Nixon und Elvis 1970 mit Fotos und einigen Dokumenten zum Download wie Elvis' Brief an Nixon sowohl in handschriftlicher Form als auch als Transkription.


(1) Quelle: RobbieWilliams.com

© 2006 by Jochen Scheytt

Album: Intensive Care
Veröffentlichung: Dezember 2005
Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.
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