Popsongs und ihre Hintergründe

Robbie Williams catzi

Robbie Williams: Angels

Jahr: 1997

Dies ist die Geschichte von Ray Heffernan, Robbie Williams und den Ergebnissen einer durchzechten Nacht


Dublin, Dezember 1996. Ray Heffernan war zurück aus Paris. Seine Freundin hatte ihn verlassen. Zu groß war die Belastung gewesen, die die Totgeburt ihres gemeinsamen Babys ausgelöst hatte. Auch hatten ihre Eltern die Beziehung nicht toleriert. Was blieb war eine große Leere, die Heffernan in verschiedenen Pubs mit großen Mengen Alkohol zu ertränken versuchte.

In Irland sagt man, wenn ein Baby tot auf die Welt kommt: „He was born an angel.“ Heffernan durfte sein Baby nicht lieben, nun liebte er eben stattdessen einen Engel, „an angel instead“.

An einem Abend in jenem besagten Dezember 1996 saß Heffernan also in einem Pub in Dublin, als zufällig Robbie Williams hereinlief. Die beiden Musiker fanden sich und tranken zusammen, und beschlossen aus einer spontanen Laune heraus, zusammen Songs zu schreiben. Dazu zogen sie sich am späten Abend in Heffernans Wohnung im Dachgeschoss zurück, bewaffnet mit einer Flasche Whiskey, einer akustischen Gitarre und einem kleinen Diktiergerät. Aus den vielen Songideen, die sie hatten, kristallisierte sich ein Song heraus, der Heffernan besonders auf der Seele lag. Die Aufnahme, die die beiden davon am frühen Morgen sturzbetrunken machten, ist trotz miserabler Tonqualität der Beweis; die bekannte Melodie und der Text: „I sit and wait, will an angel contemplate my faith...“ Ray Heffernan erinnert sich:

„We had a bit of a verse, a bit of the chorus, the bones of the song.“ (1)

Fast jeder dürfte diesen Song kennen, es ist Angels, Robbie Williams’ größter Hit. Doch die Geschichte wird nun erst interessant, denn als Urheber des Songs sind nicht etwa Ray Heffernan und Robbie Williams eingetragen, sondern Robbie Williams und Guy Chambers. Somit bekommen sie die Millionen an Tantiemen, die dieser Song seitdem erwirtschaftet hat. Schätzungen gehen von bisher ca. 7 Millionen Euro aus! (2) Doch wieso hat Ray Heffernan keinen Anteil an diesen Einnahmen? Seine lapidare Begründung:

„I was very naive [...] I was 23.“ (3)

Schon bald als Robbie Williams nach dieser durchzechten Nacht in Heffernans Wohnung wieder nüchtern war, muss er das Potenzial dieses Songs erkannt haben. Williams und Guy Chambers, englischer Songwriter Musiker und Produzent, der die ersten fünf Soloalben von Williams produzierte, arbeiteten an dem Songrudiment weiter und gaben ihm die endgültige Form. Als Heffernan erfuhr, dass Angels auf Williams Album Life Thru A Lens erschienen war, kontaktierte er ihn und bekam ein Angebot: 7.500 englische Pfund. Als Einmalzahlung. Für die Zeit damals von der Höhe sicherlich ein Angebot, mit dem man leben konnte, war doch noch nicht klar, ob der Song einschlagen würde oder nicht. Heffernan unterschrieb.

Aber wieso nahm man Heffernan nicht als Urheber mit auf, um ihm genau für den Fall, dass der Song ein Hit würde, einen fairen Anteil an den Tantiemen zuzugestehen? Es hätte Williams und Chambers finanziell nicht wehgetan, und würde es heute definitiv auch nicht. Aber auch hier ist wohl wieder die unstillbare Gier am Werk, die jegliches Gerechtigkeitsempfinden wirkungsvoll zu unterdrücken scheint.

Und nicht nur das, in verschiedenen Interviews äußerte sich Williams über die Entstehung des Songs, ohne die Miturheberschaft Heffernans auch nur zu erwähnen. Statt dessen erklärte er, mit Chambers in einem Straßencafé gesessen zu haben, wo sie ein Brunnen zum Song inspiriert hätte. Innerhalb von nur 25 Minuten sei dieser entstanden. Inhaltlich sei er über seine Tante und seinen Onkel. (4) Seinem Biographen Chris Heath diktierte Williams, er glaube an das Übernatürliche: „Angels isn't about anybody, it's about the thoughts that loved ones that have passed on come back and take care of you.“ (5) Auch hier keine Erwähnung von Heffernan und dem wirklichen Hintergrund des Songs. Stattdessen eine kryptische Erwähnung auf der CD-Single: "Even Fallen Angels Laugh Last - Thanks to Raymond Heffernan". Menschliche Größe sieht anders aus, Mr. Williams!


(1) Ray Heffernan talks about „Angels“. https://www.youtube.com/watch?v=yPJZz86Wdgk
(2) ebda.
(3) ebda.
(4) Zitiert nach: https://ipfs.io/ipfs/QmXoypizjW3WknFiJnKLwHCnL72vedxjQkDDP1mXWo6uco/wiki/Angels_(Robbie_Williams_song).html
(5) Zitiert nach: http://www.songfacts.com/detail.php?id=3765

© 2018 by Jochen Scheytt

Album: Life thru a Lens
Veröffentlichung: September 1997
Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.
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