Popsongs und ihre Hintergründe

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The Beatles: Back in the U.S.S.R.

Jahr: 1968

Wie es dazu kam, dass die Beatles mitten im Kalten Krieg die Sowjetunion und die russischen Mädchen lobten.


Im Mai 2003 trat der Ex-Beatle Paul McCartney auf dem Roten Platz in Moskau auf. Er spielte neben vielen anderen Beatles-Klassikern auch den 1968 veröffentlichten Titel "Back in the U.S.S.R.". Der russische Staatspräsident Putin, der sich bei dieser Gelegenheit gegenüber McCartney als Beatles-Fan outete, besuchte das Konzert als einer von 20.000 Menschen.

Wie sich die Zeiten ändern. 35 Jahre zuvor, als die Beatles den Zenit ihrer Karriere gerade überschritten hatten und sich erste Streitereien und musikalisch unterschiedliche Ansichten innerhalb der Band nicht mehr übertünchen ließen, herrschte in der Welt noch immer der Kalte Krieg. In der Sowjetunion, die sich wie der gesamte Ostblock vehement gegen westliche Werte stellte, und eine vollkommene Abschottung seiner Bürger praktizierte, war die Musik der Beatles verboten. Sie durften im Rundfunk nicht gespielt werden, Läden durften keine Beatles-Platten verkaufen, und die Medien durften ihre Namen nicht erwähnen. Dass dies die Musik um so begehrter machte, versteht sich von selbst. Und dass trotz strengster Kontrollen immer wieder LPs die Grenze passieren konnten, ist auch klar. Der Schwarzmarkt mit Beatles-LPs blühte und ließ die Beatlemania auch in den Ostblock schwappen.

In diesem Jahr brachten die Beatles ihr Weißes Album, das "White Album", heraus, dessen erstes Stück das oben erwähnte "Back in the U.S.S.R." war. Im Liedtext priesen die Beatles die UdssR und vor allem die Vorzüge der dort lebenden Frauen ("The Ukraine girls really knock me out, they leave the west behind, and Moscow girls make me sing and shout"). In der westlichen Welt herrschte Befremden. Sympathisierten die Beatles mit den Kommunisten? Drückten sie damit eine politische Gesinnung aus? Die Beatles waren aber keine politische Band. Wie war dieser Song nun zu verstehen? Die Spur führt nach Indien.

Die Beatles waren ja bekanntermaßen 1968 zu einem längeren Aufenthalt in Indien beim Guru Maharishi Mahesh Yogi eingetroffen, um durch die damals in der Künstlerszene sehr angesagte Meditation ihren künstlerischen Horizont zu erweitern und ihre Kreativität zu fördern. Sie waren dort allerdings nicht allein. Auch andere Berühmtheiten aus dem Showbusiness, wie zum Beispiel Donovan, oder Mike Love von der amerikanischen Boyband The Beach Boys wollten sich in der Abgeschiedenheit des indischen Ashram selbst finden. Neben Gesprächen und Meditationen wurde dort auch viel musiziert. Bei einer dieser Sessions der Beatles mit Mike Love entstand die Idee zu "Back in the U.S.S.R.", und zwar als nicht ganz ernst gemeinte neue Version zweier verschiedener Songs, "California Girls" von den Beach Boys und "Back in the USA" von Chuck Berry.

1965 hatten die Beach Boys ihre Hymne auf die amerikanischen Frauen veröffentlicht, verbunden mit dem Wunsch sie könnten alle in Kalifornien, der Heimat der Beach Boys, leben ("I wish they all could be California girls"). Schon im Jahr 1959 war der andere patriotische Song erschienen, auf den sich "Back in the U.S.S.R." bezieht. Chuck Berry's "Back in the USA" war ein mittelmäßer Rock'n'Roll-Song, der inhaltlich die Freude zum Ausdruck bringt, wieder zu Hause in den USA angekommen zu sein.

Die Idee war nun, einen Song zu schreiben, der sozusagen in parodistischer Art und Weise nicht die Vorzüge der USA und der Mädels dort, sondern die der UdssR in den Vordergrund rückte. "California girls" und "Back in the USA" sind in der neuen Version aber nicht nur inhaltlich wieder zu finden, sondern auch musikalisch.

Chuck Berry war einer der einflussreichsten Rock'n'Roller, und den Beatles natürlich auch bestens bekannt, da sie mit Coverversionen amerikanischer Rock'n'Roll-Titel ihre Karriere begonnen hatten. Deshalb ist es auch kein Zufall, dass "Back in the U.S.S.R." mit den verzerrten Gitarren, dem treibenden Rockschlagzeug und energiegeladenen Gesang ein Stück Rock'n'Roll in etwas neuerem Gewand ist.

Man kann aber auch die Referenz an die Beach Boys gut hören. Der Backgroundchor zu "the Moscow girls really knock me out..." ist deutlich im Beach-Boys-Sound gehalten; eben eine kleine nette Verbeugung vor den Kollegen und Hinweis auf die Entstehung. Wenn wir schon bei Referenzen sind: auch die Textzeile "...and Georgia's always on my mind" ist nur leicht gegenüber dem originalen Jazz-Standard Georgia on my mind, der von Hoagy Carmichael komponiert und von Ray Charles unsterblich gemacht worden war, verändert. "Georgia" meint in diesem Fall aber nicht den amerikanischen Bundesstaat Georgia, sondern das im Englischen gleichnamige Georgien.

© 2006 by Jochen Scheytt

Album: The White Album
Aufnahme: 22. und 23. August 1968

Auf der Aufnahme von "Back in the U.S.S.R." trommelt nicht Ringo Starr, der wegen eines Streits das Studio verlassen hatte, sondern Paul McCartney.
Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.
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