Chic: Le Freak

Vom Türsteher-Gorilla nicht in den Club gelassen zu werden, war schon immer ein frustrierendes Erlebnis.

Viele Komponisten, vor allem die aus der Zeit der Romantik, waren von eher fragiler gesundheitlicher Disposition. Man denke da an Franz Schubert, der schon mit 31 Jahren in eine bessere Welt entschwand oder an Frédéric Chopin, dessen schwächlicher Körper die Strapazen des Lebens nur 39 Jahre lang aushielt. Eine wiederholt geäußerte These besagt, dass sie ihr oft emotional stark aufgeladenes Oeuvre nie ohne die Krankheit und die damit verbundenen psychischen Belastungen so verwirklichen hätte können.

Zugegeben, der Vergleich hinkt stark, und Bernard Edwards und Nile Rodgers waren Gott sei dank nicht krank, als sie Le Freak schrieben. Dennoch ist Chics größter Hit mit einem Moment größter Frustration und Enttäuschung verbunden, der eben genau diese kreative Energie freisetzte, aus der einer der größten Disco-Songs der 1970er Jahre entstehen konnte.

Der Gitarrist Nile Rodgers und der Bassist Bernard Edwards standen an Silvester 1977 vor dem legendären New Yorker Club Studio 54 und freuten sich darauf, hinein zu können. Die beiden afro-amerikanischen Musiker hatten sich im New York der 1970er Jahre als Musiker und Produzenten schon einen Namen gemacht. Vor allem Rodgers hatte schon mit vielen Größen des Showbiz gespielt. Seit sie 1977 die Band Chic gegründet hatten, zusammen mit dem Drummer Tony Thompson und den beiden Sängerinnen Norma Jean Wright und Alfa Anderson, waren sie in der Disco-Szene New Yorks eine feste Größe und mit zwei Top-Ten-Hits aus ihrem Debut-Album auch ziemlich erfolgreich. Es waren also keine Nobodys, die da ins Studio 54 wollten, und sie wollten auch nicht einfach so dort den Übergang ins neue Jahr feieren. Sie hatten eine Einladung von niemand Geringerem als Grace Jones vorzuweisen, die mit den beiden über die Produktion ihres nächsten Albums sprechen wollte.


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Sie hatten sich extra in Schale geworfen und die besten und teuersten Anzüge aus dem Schrank geholt. Jetzt freuten sie sich auf einen tollen Silvesterabend im exklusiven, vollgepackten Club. Doch als sie vor der Tür standen, kam die große Ernüchterung: Grace Jones hatte wohl vergessen, sie auf der Gästeliste zu vermerken, und der Türsteher, der natürlich nicht wusste, wen er vor sich hatte und auch gar keine Lust hatte es herauszufinden, hatte leider keine besseren Nachrichten als ein herzliches "Fuck off!". Man liegt sicher nicht ganz falsch in der Annahme, dass die Hautfarbe der beiden bei der Wortwahl des Türstehers eine Rolle gespielt haben mag.

Da man in solchen Momenten aber keine Grundsatzdiskussionen beginnen sollte, machten sich die beiden zerknirscht auf den Nachhauseweg, stapften mit ihren chicen Schuhen durch den abendlichen Schnee und besorgten sich dabei noch einige Buddeln Sekt. Einer geschundenen Seele hilft am meisten Musik, und so begannen die beiden, bei Nile Rodgers zu Hause angekommen, zu jammen um ihren Frust abzubauen. Bei dieser Jamsession spielte der Ausspruch des Türstehers eine zentrale Rolle und so saßen die beiden da, der Bass- und Gitarrenriff entstand wie von selbst und darüber immer wieder das über eine Oktave stufenlos nach oben gezogene "Ahhhhhh, f...!", den Rest kennen Sie schon. Man kann Le Freak also guten Gewissens als Protestsong bezeichnen. Nile Rodgers erinnert sich, dass sie das Ergebnis richtig gut fanden ("It had a vibe.") (1).

Es sollte eine Hymne werden für alle, die vom Taxifahrer am Straßenrand stehengelassen werden, oder für Kids, die dies zu ihren Eltern sagen wollen, und dann eine perfekte Ausrede haben: "Hey, I wasn't saying it, man! I was just playing the record." (2). Doch die Einsicht, dass das vielleicht doch nicht so gut käme, wuchs im Laufe der Nacht und so wurde aus "fuck off" zuerst "freak off" und dann schließlich das finale "freak out", was eine Aufforderung zum Ausflippen darstellt.

In den Liedtext bauten die beiden dann noch eine Referenz an den Club 54 ein ("Just come on down to the 54..."), genauso wie an das legendäre Savoy ("Like the days of 'Stompin' at the Savoy'..."). Der Savoy Ballroom in Harlem war eines der angesagtesten Tanzlokale der Swing-Ära, in dem auf zwei Bandstands die besten Big Bands zum Tanz aufspielten und regelmäßig in ausgedehnten Big Band Battles gegeneinander antraten um den Sieger zu ermitteln. Das Savoy, "the home of happy feet", bestand von 1926 bis 1958 und wurde im Jahr darauf abgerissen. Musikalisch wurde dem Savoy durch den Jazzstandard Stompin' at the Savoy ein Denkmal gesetzt, der in den Aufnahmen von Chick Webb und Benny Goodman Mitte der 1930er Jahre hoch in den Charts war und im Laufe der Zeit von fast allen namhaften Interpreten der Swing-Ära aufgenommen wurde.

Tja, und da sind dann noch die anderen Textzeilen, die dazu auffordern, die neueste Tanzmode ("dance craze") mit dem Namen "Le Freak" mitzumachen ("Allow us, we'll show you the way"). Das Problem war nur, dass weder Rodgers noch Edwards Tänzer waren und keinerlei Idee besaßen, welcher geniale neue Tanzstil sich hinter dem Namen "Le Freak" verbergen sollte. Die beiden stellten sich beim Schreiben in jener Nacht einfach vor, was just in diesem Moment im Club 54 vorgehen würde, nun wo sie nicht dabei sein durften. (3)

Für den Autor, der 1978 noch nicht im Disco-fähigen Alter war, stellt sich nun natürlich die Frage, ob dann im Nachklapp, als klar wurde, dass Le Freak einschlagen würde, ein Tanz entwickelt wurde. Das hätte ja die Arbeit eines Choreographen sein können, für diesen noch nicht existierenden Tanz einige Tanzschritte zusammenzustellen. Interessanterweise liefert das Internet nicht wirklich Ergebnisse, was den Schluss zulässt, dass das damals nicht geschah. Vielleicht dachte man sich, dass Discotanz sowieso ein individueller, nicht choreographierter Tanzstil sei, und dass niemand den Liedtext auf die Goldwaage legen würde. Oder dass alle den Namen "Le Freak" einfach ganz wörtlich nehmen und schlicht und ergreifend alle auf ihre eigene Art ausflippen. Auch das Video zum Song von damals bietet in dieser Hinsicht keine wirkliche Erkenntnis. Während Rodgers und Edwards unbedingte Spielfreude versprühen, liefern die beiden Sängerinnen Norma Jean Wright und Alfa Anderson eine erstaunlich ernste und bewegungstechnisch eher miminmalistische Performance ab.

Interessant an der Aufnahme von Le Freak und durchaus ungewöhnlich ist dann noch der instrumentale Mittelteil, der mit einer Ausdehnung von 60 Sekunden etwas mehr als ein Viertel des ganzen Songs einnimmt. Edwards steuert einen neuen Bassriff bei, der durch die höhere Lage mehr in den Vordergrund tritt. Einige Vocal-Adlibs nach je acht Takten gliedern diesen Teil, der darüber hinaus hauptsächlich aus einer immer höher steigenden Streicherlinie besteht. Diese schraubt sich akkordisch in zweitaktigem Wechsel vom e1 bis zum a2 nach oben, wobei ein ständiger Wechsel zwischen den beiden Akkorden Am7 und D zugrunde liegt. Das Ungewöhnliche daran ist, dass eine solche Streicherlinie, die arrangement-technisch fast immer als Background eingesetzt wird, hier zum Hauptereignis avanciert. Somit wird hier die melodische Ereignislosigkeit quasi zum Programm, und im Grunde bilden sich hier die Entwicklungen ab, die die DJs in New York zu dieser Zeit begannen zu praktizieren und aus denen sich Musikstile wie Techno, House oder Drum'n'Bass entwickelten, die oft nur aus ausgedehnten, endlos wiederholten instrumentalen Passagen mit starker Konzentration auf die Rhythmusschicht bestehen.

Bernard Edwards wurde nur 44 Jahre alt. Er starb 1996 nach einem Konzertauftritt in Japan an einer Lungenentzündung.

(1) Buskin, Richard. CLASSIC TRACKS: Chic 'Le Freak'. Abgerufen am 2.9.2021.
(2) ebda.
(3) ebda.

Kontakt

  © 2021 by Jochen Scheytt

Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Komponist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.