Popsongs und ihre Hintergründe

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The Beatles: Lucy In The Sky With Diamonds

Jahr: 1967

Wer glaubt den Beatles? Eine versteckte Anspielung auf LSD oder unschuldige Kinderzeichnung?


Die Kontroverse um "Lucy In The Sky With Diamonds" ist fast so alt wie der Song selbst. Es geht - Sie wissen es sicher schon - um den surrealen Text des Songs und die Initialen der drei Hauptwörter im Songtitel: Lucy in the Sky with Diamonds. Die ergeben bekanntlich LSD, eine Abkürzung für Lysergsäurediäthylamid. Dabei handelt es sich um ein in den späten 60er Jahren populäres Halluzinogen, eine Modedroge, die als bewusstseinserweiternd gepriesen wurde und darum von vielen Kreativschaffenden konsumiert wurde. Unter anderem auch von den Beatles.

Damit war die Verbindung schnell geschaffen. "Cellophane flowers", "newspaper taxis", " a girl with kaleidoscope eyes" und "marmalade skies", da konnte es sich doch nur um Drogenfantasien handeln. Die Beatles dementierten, doch vergeblich. Dabei hatten sie eine sehr gute Erklärung für den Songtitel: eine Kinderzeichnung von John Lennons Sohn Julian, die dieser von einer Schulfreundin angefertigt hatte. Ringo Starr erinnert sich:

"[...] Der ganze Wahnsinn, der um diesen Song herum vor sich ging, war vollkommen übergeschnappt. Ich war sogar mit John zusammen, als Julian mit dieser Kinderzeichnung hereinkam, einer verrückten kleinen Zeichnung, und John, sein Vater, fragte: "Oh, was ist das?", und Julian sagte: "Das ist Lucy im Himmel mit Diamanten". Und dann machte John sich an die Arbeit" (1)

Doch woher kamen dann die seltsam an psychedelische Erfahrungen anklingenden Bilder des Songtextes? Auch hierfür hatten die Beatles eine Erklärung parat. John Lennon:

"Die Bilder stammten aus Alice im Wunderland. Da war Alice im Boot. Sie kauft ein Ei und das verwandelt sich in ein Humpty-Dumpty. [...] Außerdem war da noch das Bild der Frau, die eines Tages kommen und mich retten würde - ein Mädchen mit Kaleidoskop-Augen, das vom Himmel kommen würde." (2)

Eine andere Quelle der Inspiration ist laut John Lennon auch die Goon Show, eine Anfang bis Mitte der 50er Jahre sehr populäre Radio-Comedy-Sendung der BBC. Deren kreativer Kopf Spike Mulligan besaß jene schräge Form von Humor, die ihre Fortsetzung bei den Monty Pythons fand. Mulligan sagte, dass sie in der Goon Show einmal über 'plasticine ties' geredet hätten, "und das taucht bei 'Lucy' als 'plasticine porters with looking glass ties' wieder auf". (3)

Doch, wie schon gesagt, alle Dementis waren fruchtlos, und die Beatles ob dieser Tatsache natürlich einigermaßen genervt. John Lennon war sogar bereit, "bei Gott, bei Mao oder bei wem ihr wollt" zu schwören. (4) Doch egal was man glaubt, wenn man sich die Inspirationen zu den anderen Songs vom Album "Sgt. Pepper's Lonely Club Hearts Band" anschaut, dann erscheint die Sache mit der Zeichnung realistisch.

"Sgt. Pepper's" wird ja als das erste Konzeptalbum der Popgeschichte bezeichnet, wobei sich die Konzeption doch eigentlich darauf beschränkt, dass die Beatles sich in die Rolle und damit verbundenen Kostüme dieser fiktiven Band, der "Lonely Hearts Club Band" begaben. Auch das aufwändig inszenierte Cover gehört zu diesem Gesamtkunstwerk. Was die musikalische Gestaltung und die Themen und Liedtexte betrifft, ist allerdings kaum eine durchgehende Linie erkennbar - wobei dies sehr wahrscheinlich auch gar nicht in der Intention der Beatles lag.

So wirken die Themen der Lieder auf "Sgt. Pepper's" doch ziemlich wahllos zusammengemischt und ehrlich gesagt sogar recht banal. Eine kleine Auswahl: "Being For The Benefit Of Mr. Kite" zitiert textliche Ausschnitte eines alten Zirkusplakats, "Getting Better" ist der Lieblingsspruch des Ersatzschlagzeugers Jimmy Nicol ("It's getting better"). "Lovely Rita" ist ein Song über eine Politesse und "Good Morning, Good Morning" wurde von einem Werbespot über Kellogg's Cornflakes inspiriert (inklusive Hahnenschrei)! "A Day In The Life" basiert im ersten Teil auf zwei Zeitungsmeldungen und referiert im zweiten Teil doch recht lapidare Tagesabläufe ("Woke up, got out of bed, dragged a comb across my head..."). In diese aus dem Alltagsleben entnommenen Inspirationen passt die Kinderzeichnung perfekt hinein.

Die musikalische Gestaltung von "Lucy In The Sky With Diamonds" orientiert sich dann doch weniger an Kindlichem, sondern eher am psychedelischen Aspekt. Hier ist vor allem der verfremdete Gesang John Lennons zu nennen, der mittels technischer Effekte (Aufnahme in langsamerer Bandgeschwindigkeit mit anschließender zehnprozentiger Beschleunigung) einen ziemlich surrealen Klang entwickelt. Dazu kommen die schwerfälligen Dreiklangsbrechungen der Einleitung, die von Paul McCartney auf einer Lowry-Orgel gespielt wurden, und die gleichzeiitg die Begleitung der Strophe bilden.

Umso heftiger wirkt da der Übergang in den Refrain mittels vier Schlägen des Schlagzeugs. Hier springt der Song vom 3/4-Takt des Beginns in einen 4/4-Takt und in eine neues Grundmetrum. Dazu setzt das Schlagzeug ein, und man ist wieder ein Stück weit im gewohnten Sound eines Popsongs. Somit wirkt dieser Refrain wie ein Kommentar zum surrealen Liedtext der jeweils vorangegangenen Strophe.


(1) Zitiert nach:The Beatles Anthology. Ullstein, 2000, S. 242.
(2) ebda.
(3) Zitiert nach: Turner, Steve. A Hard Day's Write. The Stories behind every Beatles Song. Carlton Books, 1994, S. 123.
(4) Zitiert nach:The Beatles Anthology. Ullstein, 2000, S. 242.

© 2015 by Jochen Scheytt

Album: Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band
Veröffentlichung: Juni 1967
Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.
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