Popsongs und ihre Hintergründe

Amy Winehouse

Amy Winehouse: Rehab

Jahr: 2006

Ein zweifelhafter, wenn nicht gar unnötiger Song einer Sängerin mit ernsten Problemen


Entweder man liebt sie oder man hasst sie. Amy Winehouse polarisiert. Die, die sie ablehnen, tun das kategorisch aus Ablehnung gegen ihren Lebenswandel; die, die sie lieben, tun es gerade wegen ihres Lebenswandels, wie zum Trotz. Es gibt auch jene, die sagen, sie bewundern ihre musikalische Leistung, sehen sie aber sonst kritisch. Jeder hat das Recht, dazu seine eigene Meinung zu haben. Egal wie man dazu stehen mag, mir stößt der autobiographische Song "Rehab" immer wieder sauer auf. Da nützt es auch gar nichts, dass "Rehab" soundsoviel Auszeichnungen bekommen hat, darunter 2008 drei Grammys: "Record of the Year", "Song of the Year", und "Best Female Pop Vocal Performance".

Läuft der Song nebenher im Radio, versteht man ja immer nur die Refrainzeile "They tried to make me go to rehab but I said 'no, no, no'",und hofft insgeheim, dass "Rehab" noch eine andere, in den restlichen Zeilen versteckte, positive Message beinhaltet. Das Studieren des Liedtextes fördert aber erstaunlicherweise nichts dergleichen zu Tage. Im Gegenteil, die renitente Aussage des Refrains zieht sich durch den ganzen Song.

Ich bin da übrigens ganz anderer Meinung. Sie sollte dringend in die "Rehab", die "rehabilitation", die Entzugsklinik. Dass sie mit ihren Drogen- und Alkoholproblemen und mit ihren Depressionen nicht allein fertig wird, bekommt man ja in den Medien fast jeden Tag frei Haus geliefert, ob man nun will oder nicht. Und es ist traurig genug mitanzusehen.

Nach Angaben des Bundesministeriums für Gesundheit (1) konsumieren in Deutschland mehr als 9,5 Millionen Menschen Alkohol in gesundheitlich riskanter Form, 1,3 Millionen gelten als alkoholabhängig. Um die 40.000 Menschen sterben jährlich durch Alkoholkonsum, und die Folgen des Alkoholkonsums kosten die Volkswirtschaft mehr als 20 Milliarden Euro. Noch ein paar Zahlen. Das durchschnittliche Einstiegsalter ins Rauchen liegt bei 13 (!) Jahren. Im Jahr sterben ca. 140.000 Menschen an den Folgen des Tabakkonsums. Um die 2 Millionen junge Menschen in Deutschland konsumieren regelmäßig Cannabis, davon gelten 600.000 als abhängig. Bei Medikamentenabhängigen geht man von einer Zahl von 1,4 bis 1,9 Millionen aus.

Das sind nur die nackten Zahlen. Aber hinter jedem Abhängigen verbirgt sich ein Schicksal. Und die Angehörigen leiden oft am meisten, da sie der Abhängigkeit ihres Familienmitglieds hilflos ausgeliefert sind. Um so erstaunlicher ist es, wie sich die Öffentlichkeit an den richtiggehend exhibitionistisch zur Schau gestellten Drogeneskapaden der Amy Winehouse weidet. Die Paparazzi hecheln nach neuen Bildern, die Medien sind voll davon, und die Platten verkaufen sich bestens. Wo bleiben die kritischen Töne? Wo bleiben die Distanzierungen angesichts dieser öffentlich dargebotenen Selbstzerstörung?

Persönlichkeiten, die in der Öffentlichkeit stehen, haben eine Vorbildfunktion. Wie soll man den Jugendlichen klarmachen, dass es uncool ist, Drogen zu nehmen, wenn man es Frau Winehouse so leicht macht, ihre Sucht zu zelebrieren? Und dann singt sie auch noch "I won't go to rehab" und wird dafür grammyüberschüttet.

Die Argumente gegen ihren Entzug, die sie im Songtext vorbringt sind durchweg typisch für Suchtkranke. "Daddy thinks I'm fine": Ja, man verbirgt sich gern hinter den Einschätzungen seiner Umwelt, vor allem wenn sie in die eigene Wunschvorstellung passen; der Papa hälts ja auch nicht für so tragisch. "I don't ever wanna drink again, I just ooh I just need a friend": Der Trugschluss, dass es ja eigentlich gar keine Sucht ist, sondern sofort abstellbar, wenn sich die Lebensumstände ändern. "I ain't got seventy days": So schlimm ist die Sucht ja nun auch wieder nicht, dass man 10 Wochen dafür opfern müsste. "The man said 'why do you think you here', I said 'I got no idea": Warum hacken denn immer alle auf einem herum? "There's nothing you can teach me that I can't learn from Mr Hathaway": (Donny Hathaway, Soulmusiker der 60er und 70er Jahre) Was soll man in der Klinik, hier kann man sowieso nichts mitnehmen. "I'm not gonna spend ten weeks have everyone think I'm on the mend": Man gibt nicht zu, dass man ein Problem hat, mit dem man nicht alleine fertig werden könnte. "It's not just my pride". Nein, Frau Winehouse, es ist nicht nur der Stolz, sondern auch Ignoranz, fehlende Einsicht und Sturheit.

Man wünscht sich, dass die Einsicht noch kommen möge. Wer weiß, vielleicht hängt bei Winehouse die musikalische Kreativität ja aber auch an diesem persönlichen Wahnsinn. Vielleicht ist ja beides gekoppelt und alleine nicht "lebensfähig"? Ich denke da oft an Janis Joplin. Sie war in ihrem Leben genau so extrem wie in ihrer Musik. Sie starb 1970 im Alter von nur 27 Jahren an den Folgen massiven Drogenmissbrauchs. Ich wünsche mir einen Songtext von Amy Winehouse: "I really wanna go to rehab, I wanna go, go, go!"

Nachtrag

Amy Winehouse starb am 23. Juli 2011. Sie wurde 27 Jahre alt, genauso wie Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin und Jim Morrison, die zwischen 1969 und 1971 an den mittelbaren oder unmittelbaren Folgen ihres Drogenmissbrauchs starben, und ebenso wie Kurt Cobain, der 1994 Selbstmord beging.


(1) http://www.bmg.bund.de/cln_117/nn_1168682/DE/Drogen-und-Sucht/drogen-und-sucht__node.html?__nnn=true

© 2008 by Jochen Scheytt

Album: Back To Black
Veröffentlichung: Oktober/November 2006
Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.
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