Popsongs und ihre Hintergründe

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Bachman-Turner Overdrive: You ain't seen nothing yet

Jahr: 1974

Wie Gary Bachman seinem Bruder Randy unfreiwillig zu einem Welthit verhalf


Wer hätte Randy Bachman, dem Gründungsmitglied, Sänger, Gitarristen und Songwriter der Rockband Bachman-Turner Overdrive solch eine Gemeinheit zugetraut... Dabei war es eigentlich witzig und gar nicht böse gemeint. Er wollte seinen Bruder etwas aufziehen, und es kommt in den besten Familien vor, dass man sich über die Schwächen der jüngeren Geschwister amüsiert und belustigt. Und man muss zu seiner Verteidigung sagen, dass er diesen Song niemals veröffentlicht hätte, wäre da nicht Charlie Fach gewesen. Ja, dann wäre es ganz anders gelaufen.

So kam Charlie Fach, der Chef der Plattenfirma Mercury, an diesem Tag im Jahr 1973 ins Studio, um sich die den finalen Mix der neuesten Schallplatte von Bachman-Turner Overdrive anzuhören. Die Rockgruppe hatte acht Songs für ihr neues Studioalbum Not Fragile eingespielt, das Anfang 1974 veröffentlicht werden sollte. Nach Durchhören der acht Songs war Fach alles andere als zufrieden. Es fehlte ihm der eine Song mit dem gewissen Etwas. Der eine Song mit Hitpotential. Und Charlie Fach war nicht umsonst an der Spitze der Plattenfirma. Wenn ihn etwas auszeichnete, dann das untrügliche Gespür für dieses Unerklärliche, Einzigartige das den Unterschied ausmacht und einen Song aus dem Meer der Mittelmäßigkeit heraushebt.

Und dann kam die Sprache auf den neunten Song, den es offiziell eigentlich gar nicht gab, beziehungsweise geben sollte. Denn dieser Song war eigentlich nur für den internen Gebrauch gedacht gewesen.

Ursprünglich war dieser Song Nummer 9 ein Instrumentalstück, das die Band als „work song“ benutzte - ein Stück, mit dem am Beginn einer Aufnahmesession die Verstärker und Mikrophone eingestellt wurden und mit dem man sich einspielte. Die Band hatte den Song schon oft zu diesem Zweck verwendet, doch bei den Aufnahmesessions zu Not Fragile war Randy Bachman eine spontane Idee gekommen. Und so machte er aus dem Instrumentalstück mit einem kurz zuvor entstandenen, mehr oder weniger improvisierten Liedtext samt Melodie eine Gesangsnummer. Die enthielt eine Besonderheit, die als Parodie gedacht war. Denn Randys Bruder Gary, der damals der Manager der Band war, stotterte, und ihm sollte der Song mit dem gestotterten Refrain („B- B- B- B- Baby, you aint seen no- no- nothing yet“) eigentlich ganz exklusiv per Audiokassette zugehen.

„I stuttered over it to tease my brother, who stuttered. I was going to mix one copy of that and send it to him on a cassette, so I sang over it once. The guitars are not even in tune in that song.“ (1)

Und so war es der Tontechniker, der den Vorschlag machte, dem Boss den Song einfach mal vorzuspielen:

„I played him the album and the engineer said, "Why don't you play him the work song?" I said, "No, it's lousy, it's terrible." And Charlie Fach, who was the head of the label, said, "You got another song? Let's hear it." We played him "You Ain't Seen Nothin' Yet," and he said, "That's it. It's charming.“ (2)

Doch Randy Bachman war damit nicht einverstanden, den Song zu veröffentlichen. Ungestimmte Gitarren und ein improvisierter, gestotterter Refrain – für den klassisch an der Violine ausgebildeten und anspruchsvollen Vollblutmusiker Bachman ein No-Go. Außerdem war der Song ja ein reiner Insider. Er bestand darauf, wenigstens den Vokalpart noch einmal einzusingen, doch der ernsthafte Versuch einer Neuinterpretation schlug fehl. Der ursprüngliche Charme war weg. Bachman selbst gibt zu, dass es nicht funktionierte.

„I tried to sing it, but I sounded like Frank Sinatra. It didn't fit."(3)

So gab er dann schließlich dem massiven Drängen nach, den Song in der unfertigen, improvisierten Fassung auf die LP zu nehmen und auch die Singleauskopplung genehmigte er nach wochenlangem Zögern und Nachdenken. Denn schließlich musste auch er einsehen, dass er sich dem Erfolg des Songs nicht länger in den Weg stellen konnte.

Laut der „Stuttering Foundation“, einer amerikanischen Non-Profit Organisation, die sich um die Belange der Stotterer kümmert und die auf ihrer Webseite noch einige Songs aufführt, in denen gestottert wird, ist dies der einzige bekannte Song, in dem eine lebende Person nachgeahmt wird. Zum Glück, möchte man sagen. So ist es ein einigermaßen versöhnlicher Abschluss dieser Geschichte, dass Bruder Gary sein Stottern anscheinend überwand. Allerdings nicht wegen oder trotz des Songs, sondern ganz medizinisch mit Hilfe einer Sprachtherapie. So meldet es jedenfalls „The Stuttering Foundation“. (4)


(1) Interview mit Randy Bachman vom 23.12.2014. Quelle: http://www.songfacts.com/blog/interviews/randy_bachman/
(2) ebda.
(3) https://www.superseventies.com/sw_youaintseennothinyet.html
(4) https://www.stutteringhelp.org/btos-song-unique

© 2018 by Jochen Scheytt

Album: Not Fragile
Veröffentlichung: September 1974
Der Albumtitel ist eine Reaktion auf Das Yes-Album Fragile aus dem Jahr 1971.
Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.
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