Popsongs und ihre Hintergründe

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Alannah Myles: Black Velvet

Jahr: 1989

Der Mythos Elvis lebt auch in diesem Song. Eine musikalische Pilgerfahrt nach Memphis.


Elvis. Ja, es geht um Elvis. Elvis, der uns nicht loslässt und der, wie wir alle ahnen, noch mitten unter uns ist. Der die Menschen zu solchen Songs inspiriert wie das schwül-heiße "Black velvet" mit dem lasziven Gesang von Allanah Myles und dem darunterliegenden geilen, erdig-treibenden Blues-Rock-Groove (sorry, aber das musste mal gesagt werden).

Die Frage, was denn "black velvet", also "schwarzer Samt" im Zusammenhang mit Elvis bedeuten soll, lässt Raum für Interpretationen. Es gibt folgende Ansatzpunkte:

  • Es gibt unglaublich viele kitschige Portraits von Elvis, die auf schwarzem Samt gemalt sind und als Fanartikel hoch gehandelt werden.
  • Es könnte damit auch nur auf seine Haarpracht angespielt werden.
  • Mit "black velvet" könnte seine Stimme gemeint sein, die samtig klingt, aber das Timbre eines schwarzen Sängers besitzt.

Den entscheidenden Hinweis, dass die dritte Theorie wohl die richtige ist, gibt Alannah Myles selbst mit folgender Aussage, die sie in einem Interview gemacht hat:

"He [Christopher Ward, der den Song schrieb] created a metaphor with the idea that "Black Velvet" might be the crooning voice of a black male singer who never got a chance to be successful, but did through the eyes of a white man named Elvis.">

Soviel ist sicher. Christopher Ward schrieb den Song nach Eindrücken, die er erhielt, als er mit einem Bus voller Fans anlässlich des zehnjährigen Todesjahrs von Elvis nach Memphis fuhr, um darüber einen Beitrag für eine Fernsehstation zu produzieren.

Die Legende berichtet außerdem, dass Allanah den Song an einem der heißesten Tage in Torontos Geschichte aufnahm und sie die Hitze so inspirierte, weil sie an die Hitze in Memphis dachte, dass sie sich kurzerhand ihre Bluse auszog. Die Legende besagt auch, dass sie einen Badeanzug darunter hatte (seufz).


Hier folgt der Liedtext von "Black Velvet", versehen mit einigen Anmerkungen:

Mississippi in the middle of a dry spell.
Jimmy Rodgers on the Victrola up high.

Der 1897 geborene Jimmy Rodgers war ein einflussreicher Countrysänger, der Ende der 20er Jahre wegweisende Aufnahmen machte und dabei Vorbild für die nachfolgenden Generationen von Countrymusikern wurde. Er war auch als "The Singing Brakeman" ("Der singende Bremser") bekannt, eine Bezeichnung, die von seiner Tätigkeit bei der Eisenbahn stammte. Rodgers machte seine frühen Aufnahmen auf dem Victrola, einem Vorläufer des Plattenspielers, der von der Firma Victor hergestellt wurde. Am besten bekannt ist das Victrola von der heute noch bei EMI gebräuchlichen Abbildung, bei der ein Hund vor einem Victrola sitzt.

Mama's dancin' with a baby on her shoulder.
The sun is settin' like molasses in the sky.
The boy could sing, knew how to move, everything.
Always wanting more, he'd leave you longing for.

Die Referenz auf Elvis' Bewegungen, die unten auch noch als Sünde beschrieben werden, beziehen sich auf die Art und Weise wie er sein Becken bewegte und dabei eindeutig sexuelle Handlungen implizierte. Nach dem englischen Wort für Becken "pelvis" wurde er auch "Elvis the pelvis" genannt. Diese Bewegungen waren ein Grund für den Aufschrei der weißen amerikanischen Bevölkerung und die Ablehnung des Rock'n'Roll bei der Elterngeneration.

Black velvet and that little boy's smile.
Black velvet with that slow southern style.

Rock'n'Roll wurde damals in den Südstaaten der USA langsamer, emotionaler und, dem Einfluss des Blues folgend, erdiger und schwerer gespielt als in den Nordstaaten. Als Beispiel für Rock'n'Roll aus den Nordstaaten kann Buddy Holly mit seinem eher nüchterneren Stil und seiner Collegebrille dienen.

A new religion that'll bring ya to your knees.
Black velvet if you please.

Dass Elvis' Musik hier als neue Religion bezeichnet wird, lässt erahnen, wie sehr sie im prüden und wohlgeordneten Amerika der 50er Jahre die Gesellschaft und die Generationen spaltete. Außerdem stand Elvis in gewisser Weise in der Tradition der schwarzen Prediger, die in genau so emotionaler Weise von ihren Kanzeln aus ihre Botschaft verkündeten wie Elvis von der Bühne.

Up in Memphis the music's like a heatwave.
White lightning, bound to drive you wild.
Mama's baby's in the heart of every school girl.
"Love me tender" leaves 'em cryin' in the aisle.

"Mama's baby" ist Elvis, der sehr an seiner Mutter hing und dessen erster großer Hit den Titel "That's alright, mama" trug. Bei den Konzerten, die Elvis gab, gab es zum ersten Mal die heute bei den Boygroups nicht unbekannten hysterischen Reaktionen bei den Mädchen im Publikum.

The way he moved, it was a sin, so sweet and true.
Always wanting more, he'd leave you longing for.

Hier noch einmal der Verweis auf Elvis' Bewegungen, die von den Erwachsenen als Sünde empfunden wurde, bei den Jugendlichen aber ein ungeheures Verlangen auslösten.

Every word of every song that he sang was for you.
In a flash he was gone, it happened so soon, what could you do?

Obwohl Elvis schon in den Jahren vor seinem Tod nicht mehr gesund war, kam sein Tod dann doch plötzlich und unerwartet und löste in der ganzen Welt Trauer und Entsetzen aus.

© 2003 by Jochen Scheytt

Album: Alannah Myles
Veröffentlichung: Dezember 1989
Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.
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