Popsongs und ihre Hintergründe

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Alannah Myles: Black Velvet

Jahr: 1989

Der Mythos Elvis lebt auch in diesem Song. Eine musikalische Pilgerfahrt nach Memphis.


Elvis. Ja, es geht um Elvis. Elvis, der uns nicht loslässt und der, wie wir alle ahnen, noch mitten unter uns ist. Der die Menschen zu solchen Songs inspiriert wie das schwül-heiße Black velvet mit dem lasziven Gesang von Allanah Myles und dem darunter liegenden geilen, erdig-treibenden Blues-Rock-Groove (sorry, aber das musste mal gesagt werden).

Als Black Velvet 1989 veröffentlicht wurde, waren erst 12 Jahre seit Elvis' Tod vergangen. Zwei Jahre zuvor, zu seinem 10. Todestag, war Christopher Ward, der Autor des Songs und damals Lebensgefährte von Allanah Myles, zusammen mit einer Busladung voller Elvis-Fans nach Memphis gepilgert, um eine filmische Dokumentation über Elvis für eine Fernsehstation zu produzieren. Die Eindrücke, die Ward bei dieser Fahrt und der Nachtwache an Elvis' Grab sammelte, waren so intensiv, dass sie ihn zu Black velvet inspirierten. Bei seiner Rückkehr hatte er den Song in großen Teilen schon beendet.

Ward erwähnt Elvis im Song kein einziges Mal namentlich. Es ist nur von "the baby", "the boy", "mama's baby" oder "he" die Rede. Auch der Titel des Songs weist auf den ersten Blick keinen Bezug zu Elvis auf. Die Frage, was genau, also "black velvet" (schwarzer Samt) im Zusammenhang mit Elvis bedeuten soll, lässt Spielraum für Interpretationen. So könnte der Songtitel auf die vielen kitschigen Portraits anspielen, auf denen Elvis auf schwarzem Samt verewigt ist und die als Fanartikel hoch gehandelt werden. Der Titel könnte auch eine Anspielung auf Elvis' schwarze, mit Pomade oder Rosenöl hoch toupierte Haarpracht sein. Eine weitere Möglichkeit wäre der Verweis auf seine Stimme, die samtig klingt, aber das Timbre eines schwarzen Sängers besitzt.

Der relative kurze Liedtext führt wie im Zeitraffer durch Elvis' Leben, verknüpft mit atmosphärischen Bildern aus den Südstaaten der 1950er Jahre.

"Mississippi" - In Tupelo, Mississippi, wurde Elvis 1935 geboren. Tupelo, eine Kleinstadt mit damals ungefähr 7000 Einwohnern, liegt im Nordosten des Bundesstaates Mississippi, ungefähr 80 Kilometer südlich der Grenze zu Tennessee.

"Jimmy Rodgers on the Victrola" - Der 1897 geborene Jimmy Rodgers war ein einflussreicher Countrysänger, der Ende der 1920er Jahre wegweisende Aufnahmen machte und dabei Vorbild für die nachfolgenden Generationen von Countrymusikern wurde. Er war auch als "The Singing Brakeman" ("Der singende Bremser") bekannt, eine Bezeichnung, die von seiner Tätigkeit bei der Eisenbahn stammte. Rodgers machte seine frühen Aufnahmen auf dem Victrola, einem Vorläufer des Plattenspielers, der von der Firma Victor hergestellt wurde. Am besten bekannt ist das Victrola von der heute noch bei EMI gebräuchlichen Abbildung, bei der ein Hund vor einem Victrola sitzt.

"Mama's dancin'" - Elvis' Mutter Gladys wuchs in einfachsten Verhältnissen auf. Erzählungen zufolge war sie in ihren jungen Jahren eine leidenschaftliche Tänzerin, die mit ihren Darbietungen gern den Familien- und Bekanntenkreis unterhielt. "Gladys hatte das gewisse Etwas, wenn sie tanzte – etwas Ungestümes, offensichtlich auch Erotisches: “hot as a pistol“, sei sie gewesen, erzählten die Farmersleute." (1) Auch liebte sie die Musik von Jimmie Rodgers, zu der sie hier mit Elvis auf ihren Schultern tanzt.

"The boy could sing, knew how to move" - Es ist sehr wahrscheinlich, dass Elvis das tänzerische und auch musikalische Talent von seiner Mutter geerbt hat. Väterlicherseits ist jedenfalls keine solche Begabung überliefert. Seine stimmlichen Voraussetzungen waren immens, so konnte er genauso überzeugend Rock'n'Roll, Gospel oder auch Balladen singen und besaß einen großen Stimmumfang und enorme stimmliche Power. Sam Philips, der Elvis entdeckte und die ersten Platten mit ihm aufnahm, behauptet gar, dass Elvis die beste Stimme besaß, die er je gehört hatte. (2)

"Slow southern style" - Der Rock'n'Roll wurde damals in den Südstaaten der USA langsamer, emotionaler und, dem direkten Einfluss des Blues folgend, erdiger und schwerer gespielt als im Norden. Elvis ist in dieser Hinsicht ein Gegenentwurf zu Rock'n'Rollern aus dem Norden wie Buddy Holly oder Bill Haley, die nicht das schwarze Timbre in der Stimme besaßen und bei denen die Einflüsse aus der Countrymusik deutlich zu hören waren.

"A new religion that'll bring ya to your knees" - Dass Elvis' Musik hier als neue Religion bezeichnet wird, die einen niederknien lässt, zeigt, wie sehr sie im prüden und wohlgeordneten Amerika der 50er Jahre die Gesellschaft und die Generationen spaltete. Es waren oft die Hüter von Moral und Sittsamkeit, den Rock'n'Roll verteufelten. In den Kirchen wurde dagegen gewettert. Für die Jugendlichen auf der anderen Seite war die Musik wie eine Erlösung von den engen Moralvorstellungen der Gesellschaft und Elvis war derjenige, der sie in ihren Augen befreite.

"Up in Memphis" - Im Jahr 1948 zogen die Presleys nach Memphis, Tennessee, etwa 180 Kilometer nordwestlich von Tupelo. Elvis war fast 14 Jahre alt und besuchte in Memphis eine High School. Memphis sollte bis an sein Lebensende sein Wohnsitz bleiben. Das Anwesen Graceland in Memphis, das Elvis 1957 erworben hatte und auf dem er mit seiner Familie und seiner Entourage bis zu seinem Tod lebte, ist bis heute die Pilgerstätte für Elvis-Fans aus aller Welt.

"The music's like a heatwave" - Beale Street ist der kulturelle Mittelpunkt von Memphis und kann als Schmelztiegel für die schwarze Musik der Südstaaten und als Zentrum des Blues und Rhythm'n'Blues bezeichnet werden. Beale Street war eine lebendige und manchmal auch anrüchige Mischung aus Nachtclubs, Restaurants, Bars und Tanzsälen. Die intensiven Eindrücke, die hier auf Elvis einwirkten, prägten ihn musikalisch und waren ausschlaggebend für die Ausprägung seines persönlichen Stils.

"White lightning" - Hierbei handelt es sich um einen Slangausdruck für meist illegal gebrannten hochprozentigen Schnaps.

"Mama's baby" - Das ist Elvis, der sehr an seiner Mutter hing und deswegen oft etwas abschätzig "Muttersöhnchen" genannt wird. Zu niemand anderem hatte er im Laufe seines Lebens eine ähnlich starke Bindung. Als seine Mutter starb, war Elvis erst 23 Jahre alt.

"is in the heart of every school girl" - Zu Beginn seiner Karriere waren es vor allem junge Mädchen, die für Elvis schwärmten. Bei seinen Konzerten gab es erstmals die hysterischen Reaktionen, die sich später in noch stärkerem Maße bei den Beatles und bei vielen Boybands wiederfinden sollten.

""Love me tender" leaves 'em cryin' in the aisle" - Love me tender ist nicht nur einer der größten Hits von Elvis, sondern auch der Titel seines ersten Spielfilms, der 1956 in die Kinos kam. Dass ihr Idol Elvis am Ende den Filmtod sterben musste, verkrafteten viele der jugendlichen weiblichen Fans in den Kinos nicht. Da nutzte es auch wenig, dass die Filmproduzenten Elvis in weiser Voraussicht ganz am Ende des Films zu sphärischer Orchestration noch eine zusätzliche Strophe von Love me tender aus dem Filmhimmel singen ließen.

"The way he moved, it was a sin, so sweet and true" - Es waren vor allem die kreisenden Hüftbewegungen, die die Gemüter erregten und Elvis nach dem englischen Wort für Becken den Spitznamen "Elvis the pelvis" eintrugen. Weil diese sexuell aufgeladenen Bewegungen im weißen Amerika der 1950er Jahre als sündhaft empfunden und bekämpft wurden (man denke nur an die berühmten Waist-up-Auftritte im Fernsehen, in denen Elvis nur von der Hüfte aufwärts gezeigt wurde), wirkten sie auf die jungen Frauen umso anziehender.

"In a flash he was gone, it happened so soon" - Obwohl Elvis schon in den Jahren vor seinem Tod mit starken gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte, kam sein Tod mit nur 42 Jahren dann doch plötzlich und unerwartet und löste in der ganzen Welt Trauer und Fassungslosigkeit aus.


(1) https://www.memphisflash.de/2013/08/gladys-love-presley-in-memoriam/
(2) Legenden: Elvis Presley.

© 2003/2018 by Jochen Scheytt

Album: Alannah Myles
Veröffentlichung: Dezember 1989
Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.
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