Popsongs und ihre Hintergründe

Dylan

Bob Dylan: Blowin' In The Wind

Jahr: 1963

Eine Betrachtung über die musikalischen Wurzeln und formale Konzeption des wohl berühmtesten Protestsongs der 60er Jahre


Bob Dylans "Blowin' In The Wind" ist DER archetypische Protestsong. Zur Friedensbewegung Anfang der 60er passend ist die Thematik: eine Aneinanderreihung von rhetorischen Fragen über die Sinnhaftigkeit, beziehungsweise wohl eher Sinnlosigkeit des Kriegs. Von Dylan selbst immer wieder in unnachahmlicher Art vorgetragen, am eindringlichsten in der originalen Version, die außer seiner Stimme nur seine Gitarren- und Mundharmonikabegleitung beinhaltet.

Von der Folk-Bewegung herkommend, kommt der Song mit recht einfachen musikalischen Mitteln aus. Zur Begleitung reichen drei Akkorde: Tonika, Subdominante und Dominante, im Original in D-Dur durchaus gitarrentypisch, kommt man doch beim Nachspielen mit den einfachen Wandergitarren-Griffen aus. Auch die Großform bedient sich einfacher Mittel: eine kurze Intro, die nur aus zwei Takten Gitarrengroove in D-Dur besteht, ist alles, was Dylan benötigt. Dazu gibt es noch zwei achttaktige, die Strophen voneinander trennende Interludes, bei denen die Mundharmonika zum Einsatz kommt. Rein harmonisch handelt es sich bei dem Interlude nur um eine Wiederholung der davor gespielten acht Takte, und auch die Melodie der Mundharmonika orientiert sich an der Melodik der acht Takte davor. Diese Simplizität ist durchaus beabsichtigt. Unterstützt sie doch die Aussage des Songs, die dadurch im Mittelpunkt stehen kann und von der man nicht abgelenkt wird.

Auf dieser einfachen Grundlage kommt Dylans Gesang gut zur Geltung. Er schafft es durch seine etwas schnoddrige, raue Gesangsweise den Finger in die Wunde zu legen, ohne den moralischen Zeigefinger zu stark zu strapazieren. Obwohl seine Stimme fast tonlos ist, hat sie eine bemerkenswerte Intensität. Diese etwas merkwürdige Mischung aus dahingesungener Unbeteiligung bei gleichzeitiger Eindringlichkeit macht die Darbietung so bemerkenswert und ließ Dylan innerhalb kurzer Zeit zu einer Ikone der Protestbewegung werden.

Die Singer-Songwriter der 60er Jahre schrieben ihre Songs in der Regel selbst. Bei "Blowin' In The Wind" muss man das differenziert betrachten. Als Komponist und Texter von "Blowin' In The Wind" gilt offiziell Bob Dylan, er hat sich aber bei der Melodie sehr stark an dem Spiritual "No more auction block" orientiert und weite Teile übernommen.

"No more auction block" bezieht sich auf die Sklavenauktionen, bei denen die aus Afrika verschleppten Negersklaven an die weißen Gutsbesitzer verkauft wurden. Bei diesen Auktionen wurde keinerlei Rücksicht auf familiäre Bindungen genommen und die Sklaven oftmals sogar bewusst getrennt, um ihren Willen zu brechen. Der "auction block" diente dabei als Podest, auf dem die Sklaven versteigert wurden. Die Phrase "no more auction block for me" drückt somit die Hoffnung und den Wunsch aus, das durch den auction block symbolisierte Joch der Sklaverei abwerfen zu können.

"No more auction block" besteht aus nur acht Takten, von denen die ersten vier auf einem Halbschluss enden, bevor am Ende der acht Takte mit der Tonika als Ganzschluss der Schluss der Strophe erreicht wird. Damit folgt das Spiritual im Grunde einer klassischen europäischen musikalischen Periode, bestehend aus einem je viertaktigen Vorder- und Nachsatz, die jeweils aus zwei zweitaktigen Phrasen bestehen. Dabei sind die erste Phrase von Vorder- und Nachsatz identisch.

Interessant ist nun die Umgestaltung, die Bob Dylan vornimmt. Er übernimmt die erste Phrase von "no more auction block" komplett ("how many roads must a man walk down"), umspielt und verbindet die Töne dabei. Anschließend hängt er die Phrase dann direkt noch einmal an, allerdings nicht komplett, sondern nur bis zum ersten Ton des zweiten Taktes ("before you can call him a man"). Dadurch werden die originalen vier auf acht Takte gedehnt. Danach beginnt das selbe nocheinmal von vorn, also die ersten zwei Takte des Spirituals original ("yes'n' how many seas must a white dove sail") um dann mit einer leichten Variation der zweiten Phrase des Spirituals zu enden ("before she sleeps in the sand"). An dieser Stelle nach 16 Takten findet sich bei "Blowin' In The Wind" der Halbschluss auf der Dominante, der durch seine inhärente Spannung zur Auflösung in die Tonika drängt. (Den Halbschluss könnte man rhetorisch mit einem Komma vergleichen: die Stimme geht nach oben, der Satz ist noch nicht beendet. Das wird er erst durch den Punkt, in der Musik entsprechend der Ganzschluss auf der Tonika.)

Die Takte 17-24 ("...") entsprechen den Takten 1 bis 8. Sie werden von den letzten acht Takten (T. 25-32) gefolgt ("the answer my friend is blowing in the wind"), die als eine Art Refrain aufgefasst werden können. Sie lassen sich als eine Variation der letzten beiden Takte des Spirituals verstehen, durch interne Wiederholungen einzelner Motive von zwei Takten im Spiritual auf acht Takte bei "Blowin' In The Wind" ausgedehnt. Somit ergibt sich eine 32-taktige Form, in zwei große Teile mit je 16 Takten geteilt, die man als Vorder- und Nachsatz bezeichnen kann. Diese sind jeweils noch einmal in zwei gleich lange, achttaktige Teile aufgeteilt. Damit entspricht auch "Blowin' In The Wind" formal der musikalischen Periode, denn die ersten acht Takte von Vorder- und Nachsatz sind identisch.

Doch steckt formal noch mehr in "Blowin' In The Wind". Sozusagen als weitere Schicht zu dieser rein klassischen Periodisierung lassen sich auch Elemente der Bluesform entdecken. Diese besteht ja bekanntlich meist aus 12 Takten, unterteilt in drei Viertakter. Von diesen drei Viertaktern wird der erste wiederholt, um mit dem dritten Viertakter quasi eine Lösung, Folgerung, oder Erkenntnis zu bringen. Diese inhaltliche Form, die sich auch in der melodischen Gestaltung wiederfindet, wird mit AAB bezeichnet. Als Beispiel soll der "Backwater Blues" dienen:

A When it rains five days and the sky turns dark as night,
A When it rains five days and the sky turns dark as night,
B There is trouble taking place in the lowlands tonight.

Die Wiederholung der Phrase A hat etwas Insistierendes, soll Spannung aufbauen, Nachdruck erzeugen, bevor dieser mit der Phrase B aufgelöst wird. Betrachtet man "Blowin' In The Wind", fällt auf, dass hier nicht nur zwei, sondern sogar drei insistierende Wiederholungen als Fragen vorgestellt werden, bevor die Schlussphrase "the answer, my friend..." die Spannung auflöst und die Antwort gibt (die hier allerdings lautet, dass es keine Antwort geben kann). Es handelt sich bei "Blowin' In The Wind" nun natürlich nicht direkt um einen Blues, denn diese Wiederholung ist auch ein wichtiges Stilmittel der Rhetorik. Es handelt sich im Grunde um eine Anapher, also eine Wiederholung eines oder mehrerer Wörter am Satz- oder Abschnittsanfang.

Die Anapher wird häufig bei Reden angewandt. Man denke da nur an die berühmte Rede Dr. Martin Luther Kings vor dem Lincoln Memorial in Washington D.C., bei der er virtuos von der Anapher Gebrauch macht: insgesamt acht Mal beginnt er einen Gedanken mit den Worten "I have a dream that..." und gegen Ende seiner Rede sechsmal mit "Let freedom ring..." und beschwört damit den Wandel geradezu herauf. Bei Dylan kommt die Phrase "How many..." im Song insgesamt neunmal vor, nach jedem dritten Auftreten unterbrochen durch die Antwortphrase.

Bob Dylan und die Bürgerrechtsbewegung, das passt nun auch wieder wunderbar zusammen, setzte sich Bob Dylan ja vehement für die Rechte der afro-amerikanischen Bevölkerung ein. Wie unterschiedlich beide waren: beschwörend, predigend Dr. Martin Luther King, beinahe beiläufig, abgeklärt Bob Dylan; und doch kämpften sie für die gleichen Ziele und haben zeitlos Gültiges geschaffen, über das sich heute noch nachzudenken lohnt.

© 2015 by Jochen Scheytt

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