Popsongs und ihre Hintergründe

Elton John

Elton John: Candle In The Wind

Jahr: 1973

Die wunderschöne Ballade über die viel zu früh ausgeblasene "Kerze im Wind": Marilyn Monroe


"Mir scheint du hast dein Leben gelebt wie ein Kerze im Wind, du wusstest nie an wen du dich halten solltest, wenn der Regen einsetzte."

Mit dieser Metapher charakterisiert Elton Johns Texter und Freund Bernie Taupin in "Candle In The Wind" das Leben der amerikanischen Schauspielerin Marilyn Monroe.

Marilyn Monroe, die mit bürgerlichem Namen Norma Jean Baker hieß. machte eine unwahrscheinliche Karriere. 1926 geboren und aus einfachen Verhältnissen stammend, arbeitete sie sich zum begehrten Filmstar hoch und wurde zum Sexsymbol der 50er Jahre. Trotz, oder gerade wegen dieses unglaublichen Aufstiegs konnte Marilyn Monroe nie die innere Ausgeglichenheit finden. Sie wurde in der Mühle des Showbusiness geradezu zerrieben. Ihre Depressionen versuchte sie mit Alkohol und Medikamenten zu bekämpfen, was sie auf Dauer abhängig machte. Sie starb 1962 im Alter von nur 36 Jahren. Die Umstände ihres frühen Todes sind bis heute nicht restlos geklärt und es halten sich hartnäckig Gerüchte, dass sie nicht ganz freiwillig zu Tode kam.

Zu Beginn des Songs wird Marilyn Monroe mit "Goodbye Norma Jean", also mit ihren bürgerlichen Vornamen angesprochen. Somit ist für den Zuhörer, der nur den Künstlernamen kennt, nicht unbedingt klar, von wem der Song handelt. Das dürfte ganz bewusst geschehen sein. Zum einen wird Marilyn Monroe dadurch nicht als der Star angesprochen, der an dieser Rolle ja zerbrach, sondern als der Mensch, der sich dahinter verbarg. Zum anderen war Bernie Taupin, der den Text schrieb, gar kein großer Fan von Marilyn Monroe, wie er in einem Interview mit dem Fachblatt Rolling Stone mitteilte. (1) Er möchte den Songtext darum auch mehr als Allegorie auf die Auswüchse des Showbusiness allgemein verstanden wissen, bei der auch andere, früh gestorbene Stars angesprochen hätten werden können.

"The song could have easily have been about Montgomery Clift or James Dean or even Jim Morrison. [...] It was really about the excesses of celebrity, the early demise of celebrities, and 'live fast, die young, and leave a beautiful corpse.' And that was really the crux of the song." (2)

Bernie Taupin sagt, der Grund, dass er sich für Marilyn Monroe entschieden habe, sei ihre Verletzlichkeit gewesen und die Tatsache, dass sie eine Frau war. Elton John dagegen war ein großer Fan von Marilyn. Für ihn waren sie und andere Stars der 50er Jahre wie Elizabeth Taylor Menschen wie von einem anderen Planeten, glamurös und mit der Fähigkeit ausgestattet, die Welt zu verändern. (3) Sicherlich ist es Elton John auch deshalb gelungen, den Text in eine nie alternde musikalische Form zu bringen. Taupin drückt es so aus: "I think it’s one of the best marriages of lyric and melody that Elton and I have ever put together." (4)

"Die Einsamkeit war hart, die härteste Rolle, die du je gespielt hast. Hollywood kreierte einen Superstar, und der Schmerz war der Preis, den du bezahlen musstest."

Doch wieso kommen so viele Künstler mit ihrer Berühmtheit nicht klar? Auf diese Frage gibt es sicherlich sehr viele Antworten. Zentral ist wahrscheinlich die Diskrepanz zwischen öffentlicher Verehrung und privater Einsamkeit. Sie fühlen sich nur als Star, als die Person, die sie auf der Bühne darstellen, geliebt, aber nicht als der Mensch, der sie wirklich sind. Das kann bei weniger gefestigten, sensiblen Menschen - und das sind Künstler nun einmal sehr oft - zerstörerische Folgen haben. Der von Taupin erwähnte Jim Morrison, Janis Joplin oder Jimi Hendrix sind Beispiele von Rockstars, die diesen Spagat nicht durchgehalten haben und durch massiven Drogenmissbrauch ihrem Leben ein Ende setzten.

Ein großes Problem ist auch, dass man als Berühmtheit unter ständiger Beobachtung und Kontrolle durch die Medien steht. Ein Privatleben ist somit nur eingeschränkt möglich. Dies hat zur Folge, dass man das Gefühl verliert, sein Leben selbst steuern zu können. Dies ist eh durch die öffentliche Meinung, durch das Image, das man besitzt und durch die Medienpräsenz bestimmt. Man muss den Ansprüchen der Fans und der Öffentlichkeit ständig genügen und hält diesem Druck nicht stand.

"Sogar als du gestorben bist, hat die Presse dich noch gejagt."

Die Sensationsgier macht auch vor dem Tod nicht halt und nimmt dann teilweise groteske Züge an. Bei Elvis Presley und Jim Morrison halten sich ja bis heute hartnäckig die Gerüchte, sie seien gar nicht tot. Bei Marilyn Monroe sind es - wie oben schon erwähnt - die Umstände ihres Todes, die bis heute Anlass zu Spekulationen bilden.

Auch Elton John hat lange unter öffentlichem Druck gelitten und war lange Jahre alkoholabhängig. Der Hauptgrund war bei Elton John sicherlich seine Homosexualität, die er lange verbergen musste. Dies gipfelte Mitte der Achtziger Jahre in seiner Ehe mit der Deutschen Renate Blauel. Es war eine Ehe, die von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Erst in den 90ern fand Elton John den Mut, sich zu seiner Homosexualität zu bekennen.

20 Jahre nach der Veröffentlichung schrieb Elton John "Candle In The Wind" aus aktuellem Anlass um, und zwar für eine Person, die wie Marilyn Monroe im öffentlichen Rampenlicht gestanden war, allerdings in noch extremerer Weise: Lady Diana. Mit den Anfangsworten "Goodbye England's Rose" statt "Goodbye Norma Jean" widmete er diese Version der bei einem Verkehrsunfall in Paris ums Leben gekommenen Frau von Prinz Charles und spielte es live bei deren Trauerfeier in der Londoner Westminster Abbey. In dieser Singleversion spielte "Candle In The Wind" 30 Millionen Euro ein, die dem Diana Gedächtnisfond zugute kamen.


(1) Elton John and Bernie Taupin Look Back At 'Goodbye Yellow Brick Road' - Rolling Stone
(2) ebda.
(3) ebda.
(4) ebda.

© 2003/2015 by Jochen Scheytt

Album: Good Bye Yellow Brick Road
Veröffentlichung: Oktober 1973
Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.
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