Popsongs und ihre Hintergründe

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Village People: Go West

Jahr: 1979

Wir folgen dem Ratschlag der Village People und gehen nach Westen. Wo immer das auch sein mag.


Jedes Mal fehlt wieder einer: Indianer, Polizist, Bauarbeiter, Soldat, Leder-Fetischist und... Warum kann man sich so etwas nie merken? Wissen Sie es spontan? Es ist... der Cowboy, hätte man eigentlich draufkommen können, amerikanischer geht's ja nicht. Für alle, die gerade nicht wissen wovon die Rede ist, es geht um die Mitglieder der Band Village People und ihre schon zum Kult gewordenen Outfits.

Die verdanken wir ihrem französischen Produzenten Jacques Morali. Der lief nämlich eines Tages durch das Village - gemeint ist der New Yorker Stadtteil Greenwich Village, und jetzt wissen Sie auch woher die Village People ihren Namen haben - wo er Felipe Rose in seinem Indianerkostüm durch die Straßen tanzen sah und ihn sofort engagierte. Die restlichen Kostümierungen entsprangen seiner Fantasie.

Um dem neben "Y.M.C.A." und "In the Navy" erfolgreichsten Titel der Gruppe, "Go West", näher zu kommen, müssen wir uns etwas mit der Geschichte des Greenwich Village beschäftigen.

Greenwich Village

Greenwich Village liegt im Südwesten von Manhattan, im Norden durch Chelsea und im Süden durch Soho begrenzt. Durch seine spezielle Bebauung, die nicht wie in Manhattan üblich dem Schachbrettmuster folgt, zog "The Village" schon früh Künstler aller Art an. Es herrschte dort in der Enklave der Bohemiens eine tolerante Atmosphäre vor, in der sich die zu Hause fühlten, die sich nicht als Teil der etablierten Gesellschaft, sondern als deren Kritiker sahen. In den 50er Jahren zog das Village damit die Beatniks an, genauso wie die gesellschaftkritischen Folksänger in den 60ern.

Damals etablierte sich auch langsam eine recht große schwule Gemeinde in Greenwich Village, die gesellschaftlich immer noch geächtet war. Ein Polizeieinsatz gegen eine hauptsächlich von Homosexuellen besuchte Kneipe in der Christopher Street entwickelte sich 1969 kurzerhand zu Ausschreitungen, die als Christopher Street Day in die Geschichte eingingen, und damit den symbolischen Startpunkt für den Kampf der Schwulen- und Lesbengemeinde für gesellschaftliche Anerkennung darstellten.

Um diese homosexuelle Gemeinde geht es in "Go West". Jacques Morali castete die "Village People" bewusst in der Szene, um homosexuelle Fantasien zu kanalisieren und mit der Band speziell Schwule anzusprechen. Dazu wurden von Textern auch spezielle, homosexuelle Themen berührende Liedtexte für Village People geschrieben.

Gentrification

Im Amerikanischen gibt es den Begriff "gentrification". Dieser bezeichnet die bautechnische und soziale Aufwertung eines Stadtteils. Dies läuft immer ähnlich ab: ein heruntergekommenes Gebiet wird von einer Gruppe von Menschen, meist gesellschaftlich am Rande stehend und mit kaum Kapital gesegnet, neu erschlossen. Durch eine gewisse Form der Kultur oder Subkultur, die dort entsteht, und ein entsprechendes Lebensgefühl zieht die Gegend im Laufe der Zeit immer mehr Leute an. Darunter sind auch immer mehr wohlhabende Menschen, die an diesem Lebensgefühl teilhaben wollen. Sie bringen Kapital in die Gegend, woran sich eine städtebauliche Aufwertung in Form von Renovierungen, Neubauten, etc. anschließt. Die unmittelbare Folge davon ist, dass die Preise steigen, und sich die ursprünglich da wohnende Gruppe die Gegend nicht mehr leisten kann und weiterziehen muss. Der Prozess beginnt an anderer Stelle von vorn.

Dies geschah auch in Greenwich Village in den 70ern und darauf bezieht sich der Liedtext von "Go West". Er stellt die allgemeine Aufbruchstimmung der Homosexuellenszene dar, weg aus dem Village, das sich inzwischen niemand mehr leisten konnte, in eine bessere Zukunft. Wohin die Reise gehen soll, wird im Liedtext nicht explizit erwähnt, kann aber mit hoher Wahrscheinlichkeit erschlossen werden. "Sun in winter time", "beach", "lots of open air" lassen auf Kalifornien schließen, das schon für die Hippies eine Art gelobtes Land gewesen war.

Pet Shop Boys

Anfang der 90er legten die Pet Shop Boys die Hymne wieder auf. Zu dieser Zeit war aber außerhalb der homosexuellen Szene die ursprüngliche Bedeutung des Songs schon wieder vergessen. Noch viel mehr: durch den Fall des Kommunismus und der dadurch wiedergewonnenen Freiheit für die ehemaligen Ostblockstaaten hatte der Slogan "Go West" eine ganz neue Bedeutung erhalten, die auch im Video der Pet Shop Boys aufgenommen wurde. Und die funktionierte. Der Liedtext ließ sich - vielleicht mit Ausnahme der "beach" und "sun in winter time" - ohne Probleme auf die neue Situation übertragen. Somit waren die Träume und Wünsche der Schwulen in den 70ern auch nicht anders als die der Menschen der 90er im Osten. Worüber sich noch etwas nachzudenken lohnt.

Pachelbel

Als Nachtrag: musikalisch basiert "Go West" wie so viele Popsongs (z.B. Coolios "C U When U Get There", siehe auch die Seite Klassikcovers aus diesem Internetangebot) auf dem Kanon in D von Johann Pachelbel. Ob das alles wohl die Fußballfans wissen, die zur Melodie jeden Fußballsamstag "Ole, jetzt kommt der BVB" grölen? Bestimmt nicht. Ist aber auch ziemlich egal.

© 2003 by Jochen Scheytt

Originalaufnahme: Village People
Erscheinungsjahr: 1979

Cover: Pet Shop Boys
Erscheinungsjahr: 1993
Das Rondo ist der 3. Satz aus Clementis Sonatine op. 36, Nr. 5 in G-Dur aus dem Jahr 1797.
Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.
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