Popsongs und ihre Hintergründe

Wayne Fontana

Wayne Fontana & the Mindbenders: A Groovy Kind Of Love

Jahr: 1965

A groovy kind of Clementi. Wie aus einem klassischen Rondo ein Popsong werden kann.


Als Phil Collins im Jahr 1988 die Popballade "A groovy kind of love" herausbrachte, wurde sie einer seiner größten kommerziellen Erfolge. Sie ist Teil des Soundtracks zu dem Film "Buster", bei dem das Multitalent Collins auch selbst die Titelrolle, einen Posträuber, spielte. Auch wenn den Titel noch viele im Ohr haben dürften, ist doch weniger bekannt, dass er eine Geschichte hat, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht.

Doch zuerst geht die Zeitreise in die 60er Jahre. Phil Collins' Version ist ein Cover der britischen Band Wayne Fontana and the Mindbenders. Diese aus Manchester stammende Gruppe wurde mit der damaligen Begeisterung für den nordenglischen Beat für eine kurze Zeit in die Hitparaden gespült. Sie konnte sich allerdings nicht lange halten und dürfte heute nur noch Insidern bekannt sein. Doch auch diese nur knapp zwei Minuten lange Version ist nicht das Original.

Um zum Original zu gelangen, müssen wir zurück bis in die Zeit der Wiener Klassik. Es handelt sich um ein Rondo von Muzio Clementi (1752-1832), einem in Wien lebenden italienischen Komponisten, der heute hauptsächlich noch Klavierschülern aufgrund seiner Etüden geläufig sein dürfte. Im Wien seiner Zeit war er allerdings ein bekannter und angesehener Komponist, der über einhundert Klaviersonaten schrieb und im Jahre 1781 laut zeitgenössischen Quellen ein Klavierwettspielen mit Mozart ehrenvoll bestanden haben soll.

Die Popversion des klassischen Klavierstücks erstellte Carole Bayer Sager, eine US-amerikanische Komponistin und Sängerin, die für viele Stars der Branche wie Christopher Cross, Michael Jackson, Carli Simon oder Dionne Warwick Hits schrieb. Für die Popversion des Rondos verwendete sie allerdings nur die esten acht Takte des Clementischen Originals. Dabei griff sie in dessen musikalische Struktur ein, vor allem in formaler, harmonischer und melodischer Hinsicht.

Bayer Sager reharmonisiert ab dem 5. Takt mit Moll- und Mollseptakkorden um Clementis doch recht simple Harmonik, die sich nur auf die drei Kadenzakkorde Tonika, Subdominante und Dominante beschränkt, interessanter zu gestalten. Die Melodie verändert sie ab dem 7. Takt. Dort endet das Original von Clementi auf der Grundtonart G-Dur, einem sogenannten Ganzschluss. Bayer Sager variiert diese Stelle, indem sie im 8. Takt auf dem Melodieton a endet (statt g im Rondo), den sie mit D-Dur, der Dominante von G-Dur, harmonisiert. Dieser Halbschluss auf der Dominante hat einen offenen, spannungsvollen Charakter, weshalb die Melodie weitergeführt werden muss. Bayer Sager hängt darum eine Wiederholung der ersten beiden Takte des Rondos an. Diese beiden Takte ergeben, mit dem sich in jeder Strophe refrainartig wiederholenden Text "Wouldn't you agree, Baby you and me we got a groovy kind of love" versehen, eine Art Hookline, die einen Ersatz für den bei diesem Song fehlenden Refrain bietet. Anschließend wird der letzte Takt ("We got a groovy kind of love") noch einmal angehängt, um die refrainartige Wirkung zu verstärken.

Das originale Tempo (Allegro) wurde für die Fontana-Version um einiges verlangsamt. Phil Collins interpretiert den Song als Ballade, was eine noch weitergehende Temporeduzierung zur Folge hat. In Phil Collins' Version wurde die Harmonik durch liegenbleibende Basstöne und dadurch entstehende Mischklänge (z.B. D-Dur über Basston G in Takt 2, oder a-Moll über Basston G in Takt 4) dezent modernisiert.


Clementis Rondo kann als pdf-Dokument hier downgeloadet werden.

© 2003/2015 by Jochen Scheytt

Originalaufnahme: Wayne Fontana & the Mindbenders
Erscheinungsjahr: 1965

Cover: Phil Collins
Album: Buster (Filmsoundtrack)
Erscheinungsjahr: 1988
Das Rondo ist der 3. Satz aus Clementis Sonatine op. 36, Nr. 5 in G-Dur aus dem Jahr 1797.
Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.
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