Popsongs und ihre Hintergründe

Elvis

Elvis Presley: Hound Dog

Jahr: 1956

Wissen Sie, was ein "Hound Dog" ist? Nun, ein Basset Hound mit Zylinder, Hemdkragen und Fliege jedenfalls nicht...


Am 25. Juli 1956 befand sich der 213 Meter lange italienische Luxusliner Andrea Doria, der Genua am 17. Juli verlassen hatte, kurz vor dem Zielhafen New York. Um 23.10 Uhr geschah die Katastrophe. Die Andrea Doria kollidierte im dichten Nebel mit dem kleineren Passagierschiff Stockholm, das am Mittag von New York aus gestartet war. Die Stockholm riss mit ihrem Bug ein großes Loch in die Seite der Andrea Doria, die von dem eindringenden Wasser schnell Schlagseite bekam. In der nun folgenden Rettungsaktion konnten fast alle Passagiere von der Andrea Doria evakuiert werden. Es überlebten 1660 Menschen das Unglück. 46 Passagiere starben, die meisten beim Aufprall der Stockholm. Elf Stunden nach der Kollision sank die Andrea Doria.

Die Schiffbrüchigen wurden von in der Nähe befindlichen Schiffen aufgenommen und nach New York gebracht. Unter den vielen Menschen, die dort auf ihre Angehörigen und Freunde warteten, befand sich auch der Textdichter Jerry Leiber. Er nahm seinen Freund und Geschäftspartner Mike Stoller und dessen Frau in Empfang. Leiber und der Komponist Stoller standen 1956 noch am Anfang ihrer Karriere, sollten aber bald zum einflussreichsten Songwriter- und Produzenten-Duo der 50er und 60er Jahre aufsteigen. Mike Stoller erinnert sich an den Moment, als die beiden sich am Kai wiedersahen:

"Jerry informed me that we had landed a smash hit. I said: 'No kiddin'!' He said: 'Yes, "Hound Dog"' - 'With Big Mama Thornton?' - 'No, some white chap named Elvis Presley' and I said: 'Elvis who??'" (1)

Stoller war mit seiner Frau auf dem Rückweg von einer dreimonatigen Europareise und hatte so nicht mitbekommen, dass Elvis "Hound Dog" am 2. Juli 1956 im Studio aufgenommen hatte, und dass der Song in dieser Version unaufhaltsam an die Spitze der Hitparaden unterwegs war.

Ursprünglich hatten Leiber und Stoller "Hound Dog" schon 1953 geschrieben. Zwei weiße jüdische, damals erst 20-jährige Jungspunde, die sich ausschließlich für Black Music interessierten und trotz ihrer Sozialisierung originäre Rhythm'n'Blues-Songs schreiben konnten. Der Bandleader Johnny Otis hatte die beiden angesprochen, ob sie nicht einen Song für seine neue Sängerin schreiben könnten. Leiber und Stoller hörten und sahen sich die neue Sängerin Willie Mae "Big Mama" Thornton an:

"We saw Big Mama and she knocked me cold. She looked like the biggest, baddest, saltiest chick you would ever see. And she was mean, a "lady bear," as they used to call 'em. She must have been 350 pounds, and she had all these scars all over her face." (2)

In nur ungefähr 12 Minuten (3) hatten die beiden den passenden Song für "Big Mama" geschrieben. Einen Song über einen "Hound Dog", in diesem Fall kein Jagdhund, sondern ein unnützer Schürzenjäger, dem Thornton den Laufpass erteilt, weil er ihr etwas vorgemacht hat, sie ausnützt und dennoch immer wieder angekrochen kommt. Ein Song mit sexuellen Doppeldeutigkeiten, die damals im Blues und Rhythm'n'Blues durchaus gang und gäbe waren. Ein Song, der, vom "Lady Bear" gesungen, gehörig Eindruck hinterließ. Und ein Song, der sich erfolgreich verkaufte. Aber auch ein Song, der nur in der schwarzen Gemeinde rezipiert wurde und demnach auch nur in den R'n'B-Charts Platz 1 erreichte.

Für das weiße prüde Amerika war der Songtext nicht geeignet. So dauerte es nicht lange, bis eine entschärfte Variante auf der Bildfläche erschien, die von einem italo-amerikanischen Musiker namens Freddie Bell umgeschrieben wurde. Elvis hörte diese Version von Freddie Bell and the Bellboys und nahm den Song in sein Repertoire auf. Die ursprünglichen Autoren Leiber und Stoller bekamen davon nichts mit.

Über die Sinnhaftigkeit dieser neuen, von sexuellen Doppelbödigkeiten bereinigten, und von einer Sängerin auf einen Sänger umgemünzten Version lässt sich trefflich streiten, vor allem die Textzeile "you ain't never caught a rabbit, you ain't no friend of mine" löste nicht nur bei Jerry Leiber Kopfzerbrechen und Kopfschütteln aus:

"To this day I have no idea what that rabbit business is about. The song is not about a dog; it's about a man, a freeloading gigolo. Elvis' version makes no sense to me, and, even more irritatingly, it is not the song that Mike and I wrote." (4)

"Bis zum heutigen Tagen habe ich keine Ahnung, was das mit dem Kaninchen soll. Es geht in diesem Song nicht um einen Hund, sondern um einen Mann, einen schmarotzenden Gigolo. Elvis' Version macht für mich keinen Sinn, und was mich noch viel mehr ärgert, es ist nicht mehr der Song, den Mike und ich geschrieben haben."

Es ist in gewisser Weise ironisch, dass Elvis' von sexuellen Anspielungen befreite Version dann eben wieder gerade wegen sexueller Anspielungen in die Schlagzeilen geriet. Geschuldet war dies einem Auftritt Elvis' am 5. Juni 1956 in der Milton Berle Show, die von der NBC ausgestrahlt wurde. Elvis spielte zuerst eine anderthalbminütige schnelle Version von "Hound Dog", um dann, als eigentlich schon Schluss war, doch noch zwei Blueschorusse in langsamem Tempo anzuhängen. Schon während der schnellen Strophen sprühte Elvis geradezu vor Spiel- und Musizierfreude und legte eine unglaubliche Intensität und Energie in seinen Gesang und seine Bewegungen. Doch im langsamen Schlussteil trieb er die Gestik mit rhythmischen Bewegungen des Unterkörpers noch auf die Spitze, was ihm dann auch den Spitznamen "Elvis, the pelvis", "Elvis, das Becken" einbrachte. Dass vieles davon spontan entstand, und nicht abgesprochen war, kann man den überrascht lachenden Gesichtern seiner Begleitmusiker entnehmen.

Die Reaktionen jedenfalls waren immens und zwiespältig. Die konservativen Kräfte, allen voran die konservative Presse, jaulten, und die New York Daily News schrieb: "Elvis, der sein Becken rotiert [...] lieferte eine anzügliche und vulgäre Vorstellung ab, gefärbt von einem Animalismus, der in die Spelunken und Bordelle gehört." (5), und der Showmaster Ed Sullivan befand Elvis für "nicht familienkonform" (6). Gleichzeitig schnellten die Einschaltquoten nach oben und Elvis' kometenhafter Aufstieg wurde durch die wütenden Proteste nur noch beschleunigt. So kamen auch Ed Sullivan sowie einige seiner Showmaster-Kollegen nicht umhin, Elvis für ihre Fernsehshows zu buchen.

Aber man ließ Elvis nicht ungeschoren davon kommen. Beim nächsten Auftritt mit "Hound Dog", diesmal am 1. Juli 1956 in der Steve Allen Show, wurde Elvis genötigt, einen auf einem Sockel sitzenden, mit Zylinder, Hemdkragen und Fliege verunstalteten und belämmert dreinschauenden Basset Hound anzusingen. Nach dieser Demütigung beließ man es bei der folgenden Ed Sullivan Show dabei, ihn bis auf wenige Shots nur noch von der Hüfte aufwärts zu zeigen. Allerdings wäre das nicht nötig gewesen, denn wenn man sich diese Performances anschaut, dann sieht man einen Elvis, der ein reines Pflichtprogramm abspult und geradezu lustlos wirkt. Man kann sich vorstellen, wie sehr er im Vorfeld gebrieft worden sein muss, sich nicht daneben zu benehmen. Wenn man diese Auftritte mit der überbordenden Muskalität vergleicht, die seine ersten Auftritte ausgezeichnet haben, könnte man fast weinen. You're nothing but a hound dog cryin' all the time.


(1) Zitiert nach: Legenden: Elvis. SWR Fernsehen, 2000.
(2) Zitiert nach: Leiber and Stoller: Rolling Stone's 1990 Interview with the Songwriting Legends.
(3) ebda.
(4) Zitiert nach: Songwriter Jerry Leiber Dies at 78. Rolling Stone.
(5) Zitiert nach http://en.wikipedia.org/wiki/Elvis_Presley
(6) ebda.

© 2015 by Jochen Scheytt

Single: Don't Be Cruel/Hound Dog
Aufnahme: 2. Juli 1956
Veröffentlichung: 13. Juli 1956
Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.
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