Popsongs und ihre Hintergründe

Phil

Phil Collins: In The Air Tonight

Jahr: 1981

Rumour has it... Wenn die Gerüchteküche erst einmal kocht, ist kein Kraut dagegen gewachsen.


Ich will zunächst einmal feststellen, dass das Gerücht nicht stimmt. Das ist soweit sicher. Phil Collins hat es selbst oft genug betont. Falls es sich doch noch nicht bis zu jedem herumgesprochen haben sollte: es geht um diese Geschichte mit dem Ertrinkenden.

Dem Song soll, so die Legende, von der es inzwischen zig verschiedene Versionen gibt, eine wahre Begebenheit zu Grunde liegen. Phil Collins soll eine Szene beobachtet haben, in der ein Mensch ertrinkt und ein anderer, der helfen könnte, dies nicht tut, wohingegen Phil Collins zu weit weg ist um selbst einzugreifen. Anschließend lädt er diesen Mann auf eines seiner Konzerte und singt ihm "In The Air Tonight" sozusagen ins Gesicht, um ihn mit seiner Schuld zu konfrontieren.

Wie schon erwähnt: es ist nichts dran. Das Gerücht entstand schon recht bald nach der Veröffentlichung des Songs und ist wohl von foldender Textzeile inspiriert.

Well, if you told me you were drowning, I would not lend a hand

Dabei ist es eigentlich klar, dass es dabei nicht um einen wirklichen Fall des Ertrinkens geht. Dies ist eine Metapher, die hier von Collins benutzt wird, um auszudrücken, dass er mit der angesprochenen Person abgeschlossen hat. Gemeint ist hier, wie Collins selbst erläutert hat, seine Frau Andrea, von der er sich zur Zeit der Entstehung des Songs getrennt hat. Er schildert die Bitterkeit, die Frustration, die er dabei empfindet.

Interessant an dieser Sache ist allerdings die Hartnäckigkeit, mit der das Gerücht seit so vielen Jahren kursiert, und die Tatsache, dass die vielen Dementis nichts nützen. Warum ist das so? Vielleicht wollen die Menschen eine so anrührende Geschichte hinter dem Song haben, um persönlich berührt zu werden. Vielleicht fällt dann der Bezug, die Identifikation mit dem Song leichter. Es ist anscheinend ein Bedürfnis der Menschen, hinter die Dinge zu schauen, vor allem die, die man vordergründig nicht versteht, wie zum Beispiel einen Liedtext, der sich nur in Anspielungen auslässt und nie konkret wird. (Dies ist ja auch ein Grund, dem diese Webseite ihre Berechtigung verdankt.)

Es scheint gerade so als wollten die Hörer die wahre, unspektakuläre Geschichte hinter dem Song gar nicht wahr haben, als würden die Richtigstellungen geradezu an ihnen abprallen. Man ist etwas Geheimnisvollem auf der Spur und will gar nicht hören, dass sich alles ganz einfach erklären lässt. Das ist vielleicht ein bisschen wie bei dem Weihnachtsgeschenk, das man als Kind vor der Bescherung überall sucht, und wenn man es dann gefunden hat, hat es seine Faszination verloren. Der Song fasziniert durch das Unerhörte, das hinter ihm zu stecken scheint.

"In the air tonight" ist aber noch aus einem anderen und eigentlich viel wichtigeren Grund ein bemerkenswertes Stück Popmusik. Genau 3:40 Minuten lang plätschert der Song, nur von einem dezenten, leisen Computer-Drumbeat und ein paar Keyboard-Flächen zusammengehalten, so vor sich hin. Er baut aber dabei unmerklich eine immer größere Spannung auf, die sich dann in einem der bekanntesten Drumfills der Popgeschichte entlädt. Es ist auch nach 24 Jahren immer noch faszinierend, die Musik genau auf diesen Moment zulaufen zu hören, der eine für die Popmusik seltene logische Konsequenz besitzt.

Links

Die Urban Legends Reference Page räumt mit dem Gerücht auf, und zwar auf Englisch.

Verfolgen Sie die Auseinandersetzung um die verschiedenen Standpunkte auf www.songmeanings.net.

© 2005 by Jochen Scheytt

Album: Face Value
Veröffentlichung: Februar 1981
Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.
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