Popsongs und ihre Hintergründe

Birkin

Serge Gainsbourg & Jane Birkin: Je t'aime (moi non plus)

Jahr: 1969

Über den Skandalsong der späten 60er und die Wirksamkeit von Verboten


Joseph Ratzinger hätte wohl genau so gehandelt, wäre er damals schon Papst gewesen. So lehrte er 1969 noch an der Universität Tübingen und musste sich mit seinen aufmüpfigen Studenten abmühen, die in ihrer Aufbruchsstimmung rigoros gegen die ihrer Ansicht nach verkrusteten Strukturen angingen. Die predigten gleichzeitig auch die freie Liebe, was die konservativen Kräfte in der katholischen Kirche, zu denen sich auch Ratzinger dann gesellte, nur noch sturer machte. Im Januar 1969 war das Fass dann übergelaufen. Der damalige Papst Paul VI. fühlte sich genötigt einzuschreiten, was er mittels eines Artikels in der amtlichen vatikanischen Zeitung L'Osservatore Romano dann auch tat.

Was war geschehen? Ein französisches Enfant Terrible (Serge Gainsbourg) hatte ein zusammen mit einer britischen Schauspielerin (Jane Birkin) aufgenommenes Stück Popmusik veröffentlicht. Allerdings kein gewöhnliches, sondern in den Ohren vieler Zeitgenossen unglaubliches, skandalöses Stück. Auch wenn der Text französisch war, brauchte man nicht viel Fantasie, um bei dem Gestöhne, das da aus den Lautsprechern drang, festzustellen worum es ging.

Die Regierung in Italien gab dem Drängen des Vatikan bald nach und setzte das Stück auf den Index. Weder im Radio noch im Fernsehen durfte es gespielt werden. Auch die von jeher konservative BBC in London zog bald nach. Spanien, Schweden und Brasilien folgten. Dem Papst mag das eine Genugtuung gewesen sein, aber es hatte, wie so oft, einen völlig gegenteiligen Effekt.

Die Erkenntnis, dass solche Verbote die Neugier erst recht entfachen, ist eigentlich keine Neue, und sollte sich doch auch damals schon herumgesprochen haben. Es ist also kein Wunder, dass den Händlern die Platte regelgerecht aus den Händen gerissen wurde. Die erste Million war schnell erreicht, und im August 1969 war "Je t'aime" trotz nicht vorhandenem Radioeinsatz auf Platz 1 der Singlecharts in England.

Serge Gainsbourg, der "Je t'aime" auch geschrieben hatte, hatte dies allerdings schon zwei Jahre zuvor, also 1967, getan. Allerdings nicht für Jane Birkin als Partnerin, denn die kannte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Die Angebetete damals war niemand Geringeres als die Filmlegende Brigitte Bardot, die mit Gainsbourg eine leidenschaftliche Affäre hatte, obwohl sie seit 1966 mit dem Millionär und Playboy Gunther Sachs verheiratet war. Es existierte sogar schon eine fertige Aufnahme mit den beiden, die allerdings auf Drängen Bardots (ein wohl verständlicher Wunsch ;-)) nicht veröffentlicht wurde.

In der Zwischenzeit hatte Gainsbourg die britische Schauspielerin Jane Birkin kennen- und liebengelernt, und mit ihr nahm er den Titel neu auf, der dann im Januar 1969 auf eine staunende Öffentlichkeit traf.

Eigentlich ist es ja nicht wichtig, trotzdem gibt es einen Liedtext, und der hat es in der Tat in sich! Ich weise vorsichtshalber darauf hin, dass Sie über 18 Jahre sein müssen, um weiterlesen zu dürfen. "Je t'aime - moi non plus" - "Ich liebe dich - ich dich auch nicht" (hä?), "Comme un vague irrésolue je vais et je viens entre tes reins" - "Wie eine unentschlossene Welle komme und gehe ich zwischen deinen Lenden, "et je me retiens" - "und ich halte mich zurück", "tu es la vague, moi l'île nue" - "du bist die Welle, ich die nackte Insel", "je te rejoins" - "ich vereine mich wieder mit dir", "oh mon amour" - "oh meine Liebe", "Non! Maitenant, viens!" - "Nein! Jetzt, komm!" Das ist übrigens der Schluss des Liedtextes :-). Und dies ist der Schluss dieses Artikels.

© 2006 by Jochen Scheytt

Veröffentlichung als Single
Juni 1969
Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.
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