Popsongs und ihre Hintergründe

...

Peter Schilling: Major Tom

Jahr: 1982

David Bowies einsamer Astronaut "Major Tom" erlebt in den 80ern seine Wiederauferstehung


Bossa Nova, Nouvelle Vague oder New Wave - all diese Musikstile bedeuten ins Deutsche übersetzt "Neue Welle". Auch Deutschland hatte seine neue Welle, die "Neue Deutsche Welle" Anfang der 80er Jahre. Der Musikstil, der sich dahinter verbarg, war sehr stark vom britischen Punk und New Wave (daher auch der Name) beeinflusst, der wiederum als Gegenreaktion auf den Art Rock und Bombast Rock von Gruppen wie Pink Floyd, Emerson, Lake & Palmer oder Yes entstanden war. Die Neue Deutsche Welle, die Mitte und Ende der 70er als Untergrundbewegung losging, orientierte sich anfangs musikalisch an den britischen Vorbildern, wurde Anfang der 80er in der kommerziellen Vermarktung allerdings zum Tummelplatz von Musikern und Bands verschiedenster Stilrichtungen.

Das verbindende Element aller Songs der Neuen Deutschen Welle war, dass deutsch gesungen wurde. Ende der 70er war dies eine Besonderheit und absolutes Neuland, denn bis dahin waren die einzigen Pop- oder Rocktitel mit deutschen Texten bis auf wenige Ausnahmen Schlager oder Coverversionen englischer oder amerikanischer Hits gewesen. Aus Begeisterung über den Erfolg der deutschen Sprache sah man gern darüber hinweg, dass da nicht alles Gold war, was glänzte und sich neben so manchen Perlen manchmal ausgemachter Nonsens, absolute Nullaussage, Oberkitsch und verkappte Schlagertexte die Klinke in die Hand gaben.

Auch die musikalische Bandbreite war groß und reichte von Bands wie Ideal ("Deine blauen Augen"), die dem ursprünglichen punkigen Sound nahe stehen, bis zu den Rock'n'Rollern der Spider Murphy Gang ("Skandal im Sperrbezirk"), von den Minimalisten von Trio ("Da, Da, Da") bis zu verkappten Schlagerinterpreten wie UKW ("Sommersprossen"), von den Spaßvögeln von DÖF ("Codo") bis zu Krawallrockern wie Extrabreit ("Hurra, hurra, die Schule brennt").

Somit trugen die Musiker der NDW alle ihren individuellen Teil zur Neuen Deutschen Welle bei, ohne einer gemeinsamen Linie zu folgen und nutzten letzten Endes die Chance, in dem Umfeld deutscher Songs nach oben gespült zu werden. In dieser Hinsicht ist Peter Schillings "Major Tom" ein typischer Song der Neuen Deutschen Welle. Denn Peter Schilling und der Produzent und Gitarrist Armin Sabol produzierten die Platte 1982 völlig im Alleingang, quasi aus dem Nichts kommend, zuerst in einem kleinen Stuttgarter Einzimmer-Apartement.

Die Idee zum Liedtext entstand, wie Peter Schilling vor einigen Jahren in einem Radiointerview (1) bestätigte, während einer Autofahrt in einem alten Opel Kadett auf der A81 nahe des Weinsberger Kreuzes. Noch auf der Fahrt schrieb Schilling den Liedtext auf dem Beifahrersitz auf. Wobei Schilling in besagtem Radiointerview nicht darauf einging, dass die Figur des Astronauten Major Tom, genauso wie die Rahmenhandlung, natürlich nicht seine Erfindung waren. Er sprach nur von einem "kreativen Prozess", den man nicht immer nachvollziehen könne. Der Liedtext ist aber - bewusst oder unbewusst - eigentlich nicht viel mehr als eine Adaption von David Bowies Song "Space Oddity", den dieser 1969 herausbrachte. Damals war das Thema Raumfahrt auch sehr aktuell, vor allem durch die Mondlandung, die 1969 die Welt bewegte. Aber auch Bowie hatte seine Inspirationsquelle. "Space Oddity" ist ein Wortspiel und bezieht sich ganz klar auf den im Jahr zuvor erschienenen Film Stanley Kubricks "Space Odyssey".

Dieser wegweisende Film, der in Deutschland unter dem Titel "2001: Odysee im Weltraum" läuft, ist auch heute noch ein Erlebnis. Vor allem die Raumschiffsequenzen und die psychedelischen Effekte, die mit klassischer Musik von Richard Strauss, Johann Strauß und György Ligeti unterlegt sind, machen den Film zum sinnlichen Erlebnis. Inhaltlich hat sich Bowie vom Schluss des Films inspirieren lassen, bei dem eine Crew auf eine lange, ungewisse Reise zu Jupiter geschickt wird, und dabei dem Bordcomputer ausgeliefert ist. Dieser entwickelt ein Eigenleben und reduziert die Crew auf einen Überlebenden namens David Bowman. Dieser einsame Astronaut, den die computergestützten Systeme im Stich gelassen haben, und der in die unendlichen Weiten treibt, das ist die Thematik von "Space Oddity" und "Major Tom".

Doch es gibt bei nahezu gleicher Handlung auch Unterschiede zwischen den Geschichten, die die beiden Major-Tom-Songs erzählen. Bowies Major Tom ist ein Kind seiner Zeit, als die Raumfahrt noch in den Kinderschuhen steckte. Er ist ein Pionier, ein Abenteurer, ein Held ("And the papers want to know whose shirts you wear"), der auf seiner gefährlichen Mission aber auch die Muße besitzt, die blaue Erde und die Sterne zu bewundern ("And the stars look very different today"). Er riskiert sein Leben, indem er sich völlig in die Hand der Technik begibt. Seine Faszination geht so weit, dass er, sicherlich vom Film "Space Odyssey" inspiriert, das Heft des Handelns aus der Hand gibt und sein Schicksal dem Computer überlässt ("And I think my spaceship knows which way to go").

Schillings Major-Tom-Story ist dagegen widersprüchlich. Sie ist eine etwas merkwürdige Mischung aus dem Astronautenmythos der Anfangstage der Weltraummissionen und der fortgeschrittenen technischen Beherrschung und wissenschaftlichen Nutzung des Weltraums. In die Zeit der Space Shuttles will der einsame Astronaut auf einsamer Mission nicht mehr so recht passen, vor allem weil im Liedtext auch von einer Crew ("Die Crew hat da noch ein paar Fragen") und von wissenschaftlichen Experimenten an Bord die Rede ist ("wissenschaftliche Experimente, doch was nützen die am Ende, denkt sich Major Tom"). Schillings Major Tom wird als cooler und lockererer Typ präsentiert ("Jeder ist im Stress, doch Major Tom macht einen Scherz"), über dessen Gedanken und Gefühle wir nicht viel erfahren, der aber nicht wie bei Bowie für die unglaubliche Schönheit des Alls empfänglich ist. Darum ist auch der Schluss, wo bei Peter Schillings "Major Tom" mitschwingt, ob er den Ausfall der Systeme und der Kommunikation mit der Erde nicht selbst verursacht haben könnte, weil er einem nicht näher bezeichneten Licht folgt, nicht unbedingt plausibel.

Unten Trauern noch die Egoisten,
Major Tom denkt sich wenn die wüssten.
Mich führt hier ein Licht durch das All,
das kennt ihr noch nicht, ich komme bald,
mir wird kalt.

Auch die von Bowie übernommene letzte Nachricht an seine Frau kommt bei Schilling im Gegensatz zum Bowie'schen Original ("Tell me wife I love her very much she knows") doch ziemlich oberflächlich und flapsig daher ("Grüßt mir meine Frau") und steht damit in gewisser Weise sinnbildlich für viele Texte der Neuen Deutschen Welle.

Den inhaltlichen Gegensatz zwischen den Strophen und dem Refrain hat das Duo Schilling/Sabol dagegen sehr gut gelöst. Die Strophen sind geprägt von staccato-Achteln in der E-Gitarre und einer später einsetzenden immer wiederholten Bassfigur, über die Peter Schilling seine in tiefer Lage in nervösem Deklamierstil vorgetragene Gesangsstimme legt. Damit werden sowohl die Geschäftigkeit und Nervosität der ersten Strophe, als auch die Zweifel der zweiten ausgedrückt. Gleichzeitig stellt diese musikalische Gestaltung einen schönen Kontrast zum "Völlig losgelöst" des Refrains her. Hier sind eine Steigerung der Lautstärke, eine vollere Instrumentierung, eine hohe Gesangslage und eine aus längeren Notenwerten (hauptsächlich halbe Noten) bestehende Melodie für Charakterwechsel verantwortlich. Die Gesangsstimme schwebt hier quasi über den Begleitinstrumenten wie das Raumschiff über der Erde.

Diesen "richtigen Ton", diesen Nerv hat Peter Schilling anschließend nie wieder gefunden. "Major Tom" war einfach der perfekte Hitsong: musikalisch irgendwo zwischen gitarrenorientiertem Rock und Synthesizerklängen angesiedelt, prima produziert, mit einem eingängigen Refrain, und - ganz wichtig - zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Nicht mehr und auch nicht weniger.


(1) SWR1 Leute mit Peter Schilling vom 15.02.2006.

© 2009 by Jochen Scheytt

Album: Fehler im System
Veröffentlichung: 1983

Im Jahr 1983 veröffentlichte Peter Schilling auch eine englischsprachige Version unter dem Titel "Major Tom (Coming Home)" und kam in den USA immerhin auf Platz 14 der Charts.

Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.
Alle Texte auf dieser Internetpräsenz sind urheberrechtlich geschützt und dürfen nicht ohne Einwilligung verwendet werden. - All rights reserved. Unauthorized usage or publication of any written contents on these pages is forbidden.