Popsongs und ihre Hintergründe

Cohn

Marc Cohn: Walking In Memphis

Jahr: 1991

Marc Cohn nimmt uns mit auf eine Reise durch Memphis, Tennessee, und seine musikalische Geschichte.


Memphis, Tennessee, am nördlichen Rand des Mississippi-Deltas direkt am Mississippi gelegene Stadt mit 650.000 Einwohnern. 1819 gegründet, und benannt nach der alten ägyptischen Stadt, ist Memphis bald als Zentrum schwarzer Musik bekannt geworden.

Marc Cohn schrieb mit "Walking in Memphis" 1991 einen Song über Memphis, in dem er seine Begegnung mit der Stadt im Lichte ihrer musikalischen Geschichte schildert. Cohn besuchte Memphis zum ersten Mal im Jahr 1985 mit dem Ziel, sich neue Inspiration als Songwriter zu holen. "I always knew it was a place I had to visit because so much of my favorite music came from there." (1) Seine Erwartungen wurden mehr als erfüllt. Cohn bezeichnete die Erfahrungen, die er damals machte, als "spiritual awakening", also ein spirituelles, geistiges oder geistliches Erwachen. Cohn bezieht sich damit zum einen auf den speziellen "Geist", die Ausstrahlung der Stadt Memphis. Zum anderen sind es aber zwei Begegnungen mit der Gospelmusik der Schwarzen, die Cohn prägten. Das ist der Besuch der Gospelkirche von Al Green und die Begegnung mit der Gospelsängerin Muriel Davis Wilkins. Auf beide Begegnungen geht Marc Cohn im Songtext ein.

Der Songtext steckt voller Referenzen auf die musikalische Geschichte der Stadt Memphis, die im folgenden näher erläutert werden.

Put on my blue suede shoes
And I boarded the plane

Die "blue suede shoes" sind eine Referenz an den gleichnamigen Rock'n'Roll-Song von Carl Perkins, der durch Elvis Presley zum Hit wurde. Beide Musiker begannen in Memphis ihre Karriere.

Touched down in the land of the Delta Blues
In the middle of the pouring rain

Das Land des Delta Blues ist das Mississippi-Delta, das gemeinhin als die Geburtsstätte des Blues angesehen wird. Es ist eine flache, fruchtbare Flussebene und erstreckt sich über 200 Meilen nordwärts von Vicksburg bis Memphis. Das Mississippi-Delta war fast in seiner ganzen Fläche mit Baumwollplantagen bedeckt, auf denen die Schwarzen als Sklaven arbeiten mussten.

W.C. Handy -- won't you look down over me
Yeah I got a first class ticket
But I'm as blue as a boy can be

W.C. Handy ist einer der berühmtesten Söhne von Memphis und war als Musiker, Komponist und Musikverleger tätig. Er wurde zwar nicht in Memphis geboren, lebte aber lange Zeit dort. Er schrieb als erster Blueskompositionen, wie zum Beispiel 1909 den "Memphis Blues", der als erste Blueskomposition überhaupt gilt. Andere berühmte Stücke sind der "St. Louis Blues" oder der "Beale Street Blues".

Then I'm walking in Memphis
Walking with my feet ten feet off of Beale
Walking in Memphis
But do I really feel the way I feel

Beale Street ist der kulturelle Mittelpunkt von Memphis und gilt als die Wiege des Blues. Nicht nur W.C. Handy, der direkt an der Beale Street wohnte, machte sie zum Zentrum der schwarzen Musik; Beale Street war eine lebendige, und manchmal auch anrüchige Mischung aus Nachtclubs, Restaurants, Bars und Tanzsälen, in der das Leben und der Blues pulsierten. Die spezielle Atmosphäre der Beale Street im letzten Jahrhundert kann man gut im folgenden Zitat nachfühlen:

"Up from the docks of the Mississippi River, up from the saloons, the bawdy houses on Beale, up from the honky-tonks of the sawmill towns, up from the white cotton fields of Dixie, accompanied by banjo strumming and hand-clapping, rose the sorrow songs of the Negro toiler. Beale Street band masters emphasized the native and nationalistic elements of these songs and sent their echoes floating around the world." (2)

Warum Marc Cohn aber "ten feet off of Beale", also gut drei Meter über dieser berühmten Straße läuft, erklärt er in einem Interview mit Whoopi Goldberg damit, dass er so glücklich war dort zu sein, dass er förmlich über Beale Street schwebte: "I was just elevated, 'cause I was so happy" (3).

Saw the ghost of Elvis
On Union Avenue

Elvis Aaron Presley wurde 1935 in der kleinen Stadt Tupelo im Staat Mississippi geboren. Als Elvis 13 Jahre alt war, zogen seine Eltern mit ihm nach Memphis, wo er bis zum Ende seines Lebens wohnte. 706 Union Avenue ist die Adresse der Sun Studios von Sam Phillips, in denen Elvis seine ersten, seinen Erfolg begründenden Aufnahmen machte. In diesem Tonstudio startete nicht nur die Karriere von Elvis, sondern auch von anderen berühmten Musikern wie Johnny Cash, Roy Orbison, Carl Perkins oder Howlin' Wolf.

Followed him up to the gates of Graceland
Then I watched him walk right through

Graceland ist das stattliche, aus ungefähr 20 Zimmern bestehende Heim, das sich Elvis 1957 für ca. 100.000 $ kaufte und in dem er bis zu seinem Tode 1977 wohnte. Das typische Südstaatenhaus war 1939 von einem Gutsherren gebaut und nach seiner Tochter Grace benannt worden. Für Elvis war Graceland ein Rückzugsort, an dem er ungestört mit seiner Familie, seinen Angestellten und seinen Bodyguards leben konnte. Man könnte Graceland auch als eine Art Paralleluniversum bezeichnen. Heute ist Graceland die Pilgerstätte für Elvisfans aus aller Welt.

Now security they did not see him
They just hovered 'round his tomb
But there's a pretty little thing
Waiting for the King
Down in the Jungle Room

Einer der vielen Räume von Graceland ist der "Jungle Room" der allerdings erst Mitte der 60er Jahre von Elvis selbst eingerichtet wurde. Er präsentiert sich als im Hawaii-Stil eingerichtetes, mit Wasserfall und allerhand geschmacklosen Möbeln bestücktes Refugium, in dem Elvis in späteren Jahren versucht hat, Tonaufnahmen zu machen. Welches "pretty little thing" auf den "King" Elvis hier wartet, ist allerdings nicht ganz klar.

They've got catfish on the table
They've got gospel in the air

Catfish, also Wels, ist ein typisches Südstaatengericht. Gospel bezeichnet die geistliche Musik der Schwarzen, die auch auf den großen Plantagen im Süden entstanden ist. Diese alten geistlichen Gesänge nennt man allerdings Spirituals.

And Reverend Green be glad to see you
When you haven't got a prayer
But boy you've got a prayer in Memphis

Al Green, erfolgreicher Soulsänger der 60er und 70er Jahre, entsagte der Weltlichkeit Ende der 1970er Jahre und machte fortan als Reverend Green in seiner Kirche "The Memphis Full Gospel Tabernacle" mit feurigen Predigten und energetischer Gospelmusik von sich reden. Marc Cohn besuchte bei seinem Memphis-Aufenthalt einen Gottesdienst, allerdings - wie er selbst sagt - nicht aus religiösen Gründen. Dieser Gottesdienst hinterließ dennoch einen unauslöschlichen Eindruck. Cohn schreibt: "But it didn’t take long until I had chills running up and down my spine. The service was so deeply moving that I found myself with sweat running down my face and tears in my eyes, totally enveloped by everything I was seeing and hearing. [...] Al Green’s service was one of the great experiences of my life" (4)

Now Muriel plays piano
Every Friday at the Hollywood
And they brought me down to see her
And they asked me if I would --
Do a little number
And I sang with all my might

Einem Tipp eines Freundes folgend besuchte Marc Cohn auch das Hollywood Café in Robinsonville, 40 Autominuten von Memphis entfernt. Im Hollywood, einem typischen Südstaaten-Restaurant mit Südstaaten-Charme spielte jeden Freitag Muriel Davis Wilkins an einem alten Klavier und sang Gospels. Auch von ihr und ihrer ursprünglichen, tief empfundenen Musik war Marc Cohn tief beeindruckt. Er kam mit ihr ins Gespräch und begann mit ihr gemeinsam zu musizieren, was nicht ganz so einfach war, da sie kein gemeinsames Repertoire hatten. Am Schluss sangen sie dann das alte Spiritual "Amazing Grace" zusammen. Auch diese Begegnung prägte Cohn in besonderer Art und Weise. Muriel starb 1990 im Alter von 67 Jahren.

And she said --
"Tell me are you a Christian child?"
And I said "Ma'am I am tonight"

Um den Satz "Ma'am I am tonight" verstehen zu können, muss man wissen, dass Marc Cohn jüdischen Glaubens ist.


(1) Cohn, Marc. Song Stories: Walking in Memphis. Quelle: http://www.keyboardmag.com/artists/1236/song-stories-walking-in-memphis/29727
(2) zitiert nach: Lee, George Washington Beale Street. Where the Blues began. McGrath Publishing Company, 1969.
(3) Interview mit Whoopi Goldberg, Wake Up With Whoopi". Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=17lOxs40TdU
(4) Cohn, Marc. Song Stories: Walking in Memphis. Quelle: http://www.keyboardmag.com/artists/1236/song-stories-walking-in-memphis/29727

© 2006/2016 by Jochen Scheytt

Album: Marc Cohn
Veröffentlichung: 1991
Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.
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