Popsongs und ihre Hintergründe

Puff Daddy

Puff Daddy: I'll Be Missing You

Jahr: 1997

Der Krieg zwischen East Coast und West Coast Rappern, sein letztes Opfer und die goldene Nase, die sich so mancher damit verdient


Der gewaltsame Tod der beiden schillerndsten Figuren der Gangsta Rap-Szene der 90er Tupac Shakur und Notorious B.I.G. jährt sich bald zum zwanzigsten Male. Zur Erinnerung: Am 9. März 1997 wird in Los Angeles der Rapper Notorious B.I.G. in einem Auto erschossen. Er sitzt auf dem Beifahrersitz seines Wagens, als die tödlichen Schüsse an einer roten Ampel aus einem vorbeifahrenden Auto abgegeben werden. Bis heute ist nicht ganz klar, ob diese Tat ein Racheakt für die Ermordung von Tupac Shakur ist, der sechs Monate zuvor auf fast gleiche Weise umgekommen war. Beide Täter wurden bis heute nicht gefasst.

East Coast versus West Coast

Tupac Shakur und Notorious B.I.G., dessen bürgerlicher Name Christopher Wallace war, waren verfeindet und repräsentierten die rivalisierenden Gruppen der New Yorker East Coast Rapper und der West Coast Rapper aus Los Angeles. Notorious B.I.G., stand für den East Coast Gangsta Rap, der in Kalifornien groß gewordene Shakur für den West Coast Rap. Den beiden Morden vorausgegangen war im Jahr 1994 eine Falle, in die Tupac Shakur in New York gelockt worden war und wo er von mehreren Kugeln getroffen wurde. Er überlebte nur knapp. Shakur machte Notorious B.I.G. für den Mordanschlag verantwortlich, was die Feindschaft der beiden begründete.

Doch worum ging es eigentlich in diesem Krieg der Gangsta Rapper? Was war die Motivation für die brutale Ermordung der beiden Rapper? Das ist auch heute nicht klar. Es ging aber sicherlich nicht nur um eine persönliche Fehde zwischen zwei Musikern und ihren Lagern. Denn hinter den beiden Frontfiguren standen zwei Plattenfirmen, die Death Row Records mit ihrem Boss Suge Knight, wo Tupac Shakur seine Alben veröffentlichte, und Sean Combs (alias Puff Daddy) "Bad Boy Entertainment", bei den Notorious B.I.G. unter Vertrag stand. Es ging um Macht, Erfolg und natürlich um viel Geld.

Gangsta Rap

Denn seit Anfang der 90er Jahre war der Gangsta Rap immer mehrheitsfähiger geworden. Die Protagonisten dieser Spielart des Hip Hop waren authentisch, sprich sie hattten die entsprechend kriminelle Vergangenheit. Sie kokettierten nicht nur mit ihrer Gesetzlosigkeit, sondern lebten sie vor. Dies verlieh ihnen und ihren gewaltverherrlichenden, sexistischen Texten die nötige Glaubwürdigkeit. Sie drangen mit dieser Attitüde auch zu weißen, gutbürgerlichen Jugendlichen und jungen Menschen vor, denen die Gesetzlosigkeit als willkommener Gegenentwurf zur eigenen Rolle in der Gesellschaft diente. Dies öffnete einen riesigen Markt für die Rapper und die dahinter stehende Musikindustrie. Waren es diese Begehrlichkeiten, die zu dem Gewaltausbruch führten?

Die Single "I'll Be Missing You"

Nur knapp drei Monate nach der Ermordung von Notorious B.I.G. brachte dessen Produzent und enger Freund Sean Combs alias Puff Daddy die Single "I'll Be Missing You" heraus, die er zusammen mit Notorious B.I.G's Witwe Faith Evans aufgenommen hatte. In diesem Song bringen die beiden die Betroffenheit über den Tod von Notorious B.I.G. zum Ausdruck. Die Aufnahme wurde zwar ein riesiger kommerzieller Erfolg, wurde aber auch kritisch gesehen. So ist es vor allem der quasi-religiöse Charakter der Aufnahme mit dem sphärischen, in Oktaven gedoppelten Gesang von Evans und dem Zitat eines alten Gospelsongs, der den Kritikern aufstößt. Die damit verbundene posthume Glorifizierung eines Menschen, der Gewalt predigte und auch mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt geraten war, sei nicht angemessen. Außerdem sei es nicht richtig, wenn aus dieser Spirale der Gewalt schlussendlich auch noch ein Vermögen gewonnen wird.

Und bei bei rund 10 Millionen Verkäufen rund um den Globus (1) ist "I'll Be Missing You" tatsächlich für alle Beteiligten eine Goldgrube, auch wenn die Tantiemen (also die Gelder für jede öffentliche Aufführung, die nur an den Komponisten/Textdichter gehen) in andere Taschen als die von Sean Combs fließen. Denn der Song ist textlich wie musikalisch nicht Puff Daddys Werk, sondern setzt sich aus anderen Quellen zusammen.

Die musikalischen Quellen

"I'll Be Missing You" ist im Grunde eine Coverversion des Songs "Every Breath You Take" von der Gruppe Police, der aus Stings Feder stammt und 1983 veröffentlicht wurde. Zwei Elemente aus "Every Breath You Take" werden hier verwendet. Da ist zum einen das charakteristische Gitarren-Begleitriff des Police-Gitarristen Andy Summers, das hier gesamplet, also digital eingefügt wurde und über das Puff Daddy seinen Rap legt. Dazu wird der Refrain von "Every Breath You Take" komplett übernommen und von Faith Evans gesungen, dabei allerdings umtextiert:

Police:

Every breath you take, every move you make
Every bond you break, every step you take, I'll be watching you
Every single day, every word you say
Every game you play, every night you stay, I'll be watching you

Puff Daddy:

Every step I take, every move I make
Every single day, every time I pray -- I'll be missing you
Thinking of the day, when you went away
What a life to take, what a bond to break -- I'll be missing you

Des weiteren findet sich ungefähr in der Mitte von "I'll Be Missing You" ein Zitat der alten Gospelhymne "I'll Fly Away", die 1929 von Albert E. Brumley komponiert worden war. Auch der Text ist nicht von Combs selbst, sondern wurde von Todd Gaither geschrieben.

Die Urheberrechtsfrage

Nun ist die Übernahme von Songteilen ja nichts Verwerfliches. Gerade im Hip Hop ist das eine ganz grundständige Technik, die Raps über gesamplete Basslines oder Drumgrooves zu legen. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten hatte es sich in der Szene dann auch herumgesprochen, dass man für die Verwendung bei den Urhebern um Erlaubnis fragen und vor allem auch bezahlen muss. Dass nun ausgerechnet Combs, Profi durch und durch, vergessen haben soll, genau dies zu tun, erscheint völlig unglaublich. Es ist aber tatsächlich so und im Jahr 2000 prozessierten die Erben von Albert E. Brumley erfolgreich wegen der unrechtmäßigen Verwendung von "I'll Fly Away" und bekamen eine geheim gehaltene Entschädigungssumme zugesprochen. (2)

Auch Sting muss die neue Version seines Police-Klassikers wie ein Geschenk des Himmels vorgekommen sein. Er bekam 100% der anfallenden Tantiemen zugesprochen, gilt also als der alleinige Urheber von "I'll Be Missing You". Um welche Summen es sich bei solchen Tantiemen handelt, wird sehr selten öffentlich. Die Begünstigten äußern sich sowieso nie dazu. Insofern sind die Summen sicher mit Vorsicht zu genießen, die in einem Artikel auf Celebrity Net Worth (3) genannt werden. Denn eine genaue Quelle, woher die Angaben stammen sollen, findet man dort nicht. Demnach soll Sting knapp 2.000 € pro Tag an Tantiemen mit "Every Breath You Take" verdienen. Ob mit oder ohne "I'll Be Missing You" lässt sich dem Artikel nicht entnehmen, aber das ist bei diesen Summen dann wohl auch irrelevant. Sting selbst sagt dazu nur, dass ihm die Tantiemen die schulische Ausbildung zweier seiner Kinder finanziert hätten.

"I've got no complaints about Puff Daddy's version, the royalties paid to put two of my children through school." (4)

Auch wenn man weiß, wie teuer englische Privatschulen sein können, dürfte das eine ziemliche Untertreibung sein. Der Einzige, der bei dieser Geschichte leer ausgeht, ist Andy Summers, und der ist ironischerweise der einzige von Police, der auf "I'll Be Missing You" mit seinem gesampleten Gitarren-Riff tatsächlich zu hören ist. Man kann seinen Ärger sehr wohl verstehen, wenn er "I'll Be Missing You" hört:

“Stewart’s [Stewart Copeland, der Schlagzeuger von Police] not on it. Sting’s not on it. I’d be walking round Tower Records, and the fucking thing would be playing over and over. It was very bizarre while it lasted.” (5)


(1) Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/I’ll_Be_Missing_You
(2) http://www.bizjournals.com/nashville/stories/2000/09/25/daily12.html
(3) http://www.celebritynetworth.com/articles/entertainment-articles/fun-fact-sting-makes-2000-royalties-every-day-every-breath-take/
(4) Zitiert nach: http://www.thepolice.com/discography/album/every-breath-you-take-7-23586
(5) Zitiert nach: http://ultimateclassicrock.com/police-puff-daddy-rip-off

© 2015 by Jochen Scheytt

Album: No Way Out
Veröffentlichung: Mai 1997
Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.
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