Popsongs und ihre Hintergründe

Sting

Sting: Russians

Jahr: 1985

Eine Melodie Sergej Prokofievs als symbolisches Motiv in Stings Anti-Kriegs-Song


Die Uhr tickt. Unaufhaltsam. Unerbittlich. Was man normalerweise gar nicht mehr hört, weil das Ohr überflüssige Geräusche monotoner Art einfach mit der Zeit ausblendet, kann in schlaflosen Nächten aber um so mehr nerven. Doch das Ticken der Uhr kann auch aufgeladen sein mit symbolischer Bedeutung, wie dies bei der tickenden Uhr am Schluss von Stings Song "Russians" der Fall ist. Das Ticken der Uhr als Bedrohung, als Zeit, die fast abgelaufen ist. Das Ticken als eine Zeitbombe, die nicht mehr lange braucht, bis sie explodiert.

Die beiden Supermächte USA und UdSSR hatten in den Achtzigern ein unvorstellbares Bedrohungspotenzial aus gegeneinander ausgerichteten Atomraketen aufgebaut. Der Kalte Krieg zwischen den westlichen Staaten der NATO und dem Ostblock war in seine letzte Phase getreten. Die Welt hatte Angst vor dem Erstschlag, lebte in der Furcht davor, dass irgendjemand die Nerven verlieren und den berühmten Roten Knopf drücken würde, der die erste Atomrakete startete. Denn dass es jemand mit voller Absicht tun würde war eher unwahrscheinlich. Der Angegriffene hätte genug Zeit gehabt, die eigenen Atomraketen zu starten und der Angreifer wäre so unweigerlich in sein eigenes Verderben gerannt.

Trotzdem, die Furcht blieb, und so veröffentlichte Sting im Jahr 1985 auf seinem Album "The Dream Of The Blue Turtles" den Titel "Russians", der sich mit dieser Gefahr auseinander setzte. Sting bringt in diesem Song die Hoffnung auf die Vernunft aller Beteiligten zum Ausdruck, und die Hoffnung darauf, dass auch die Russen ihre Kinder lieben, und deshalb ihr ständiges Säbelrasseln gegenüber dem Westen nicht in die Tat umsetzen.

Die Atombombe wurde in den USA während des II. Weltkriegs unter der Leitung von J. Robert Oppenheimer, einem amerikanischen Physiker, in Los Alamos in der Wüste von New Mexico entwickelt und gebaut. Daher kommt die Bezeichnung "Oppenheimer's deadly toy", (Oppenheimers tödliches Spielzeug) im Liedtext von "Russians". Die ganze Textzeile besitzt im Übrigen eine interessante Doppeldeutigkeit, wenn man weiß, dass die erste, auf Hieroshima abgeworfene Atombombe den Namen "Little Boy" trug. Hier die ganze Textzeile: "How can I save my little boy from Oppenheimer's deadly toy?".

Musikalisch gibt Sting diesem Stück, das aus dem üblichen Popsound herausfällt, einen schwermütigen Charakter mit auf den Weg. Mehr noch, um einen Bezug zu Russland zu erreichen, benutzt er eine Originalmelodie des russischen Komponisten Sergej Prokofiev (1891-1953), die dieser für den sowjetischen Film "Leutnant Kijé" aus dem Jahr 1934 geschrieben hatte. Später stellte Prokofiev aus dem musikalischen Material des Films eine symphonische Suite zusammen, die 1937 als op. 60 in Paris ihre Uraufführung erlebte. Sie besteht aus fünf Sätzen. Das Thema des zweiten, Romance überschriebenen Satzes verwendete Sting für die instrumentalen Zwischenteile von "Russians".


Sergej Prokofiev (1891-1953)

Zwei weitere Songs zur Thematik des Kalten Kriegs: "Leningrad" von Billy Joel zeigt anhand von zwei Einzelschicksalen (eins aus den USA (Billy Joel selbst) und eins aus Leningrad, dem heutigen Sankt Petersburg), die miteinander verknüpft werden, wie nah sich die beiden bei aller politischer Feindschaft menschlich sind. Der Song "Computer sind doof" von der deutschen Gruppe Spliff stellt auf satirische Art und Weise dar, wie das Bedrohungsszenario des Kalten Krieges auch zum dritten Weltkrieg hätte führen können.

© 2003/2015 by Jochen Scheytt

Album: The Dream Of The Blue Turtles
Veröffentlichung: Juni 1985
Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.
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