Popsongs und ihre Hintergründe

Billy Joel

Billy Joel: This Night

Jahr: 1983

Das Adagio-Thema aus Beethovens "Pathétique" im Doo-Wop-Sound auf Billy Joels Album "An Innocent Man"


Ludwig van Beethoven schrieb seine 8. Klaviersonate, die er als Opus 13 veröffentlichte, in den Jahren 1798 und 1799. Zu diesem Zeitpunkt war Beethoven knapp 30 Jahre alt und die ersten Anzeichen seiner beginnenden Taubheit machten sich schon bemerkbar. Die gedruckte Originalausgabe von 1799 trug den Beinamen "Grand Sonate Pathétique", ein Name, unter dem die Sonate heute noch bekannt ist. Die "Pathétique" steht in der Tonart c-Moll und umfasst drei Sätze. Die beiden Ecksätze stehen wie damals üblich in der gleichen Tonart, hier c-Moll, wohingegen der zweite Satz, ein langsamer, Adagio cantabile überschriebener Satz, in As-Dur steht.

Der Doo-Wop genannte Stil entstand anfangs der 50er Jahre in den USA. Er ist vereinfacht gesagt eine Mischung aus einer instrumentalen Basis aus Rhythm'n'Blues oder Rock'n'Roll und mehrstimmigem Gesang. Die Einflüsse sind beim Gesang einerseits im Gospelgesang, andererseits aber auch im Barbershopgesang und den daraus hervorgegangenen Vokalgruppen zu suchen. Charakteristisch für den Doo-Wop-Gesang sind vokale Arrangements, bei denen die Bassstimme eine eigene Stimmführung besitzt und die Oberstimmen oft im Falsett gesungen werden. Typisch und den Namen des Genres prägend sind die aus dem Scat-Gesang kommenden lautmalerischen Silben.

Billy Joel wurde am 9. Mai 1949 als William Martin Joel im New Yorker Stadtteil Bronx geboren. Sein Vater Helmuth, der sich in den USA Howard nannte, war ein deutscher Jude und entstammte einer alteingesessenen jüdischen Kaufmannsfamilie, die vor dem Naziregime floh und die USA emigrieren konnte. Billys Mutter war eine britische Jüdin. Beide Eltern waren sehr musikalisch und Billys Vater Howard war ein sehr talentierter klassischer Pianist, der mit Vorliebe Beethoven, Chopin und Debussy spielte. Auch der kleine Billy bekam bald Klavierstunden und lernte das klassische Repertoire kennen und lieben.

Im August 1983 veröffentlichte Billy Joel sein Album "An Innocent Man". In diesem Album verarbeitet Joel die populären Musikstile seiner Kindheit und Jugend, unter anderem auch den Doo-Wop. Am deutlichsten tritt das im Song "The Longest Time" zutage, einem rein vokalen Arrangement. Aber auch "This Night" ist deutlich doo-wop-durchdrungen, gut zu hören zum Beispiel beim Solo-Auftakt der vokalen Bassstimme und den folgenden "shoo-wap-" und "shoop-shoo-wah"-Einwürfen des restlichen Gesangsensembles.

Das Besondere an "This Night" ist allerdings nicht das Vokalarrangement, sondern die Tatsache, dass der Refrain ein komplettes Beethoven-Zitat darstellt. Es handelt sich dabei um das Hauptthema des 2. Satzes der "Pathétique".

Dieses Thema ist sicherlich eine der schönsten Melodien, die Beethoven komponierte, und es ist ein für Beethoven auch ungewöhnliche Melodie. Sie ist in sich komplett geschlossen, kommt in der "Pathétique" also nur in dieser einen Originalgestalt vor. Sie wird also nicht variiert oder weiterentwickelt. Dafür ändert Beethoven die Lage: bei der ersten Wiederholung klingt sie eine Oktave höher. Außerdem variiert Beethoven den Begleitrhythmus: Wird das Thema im ersten Teil von Sechzehnteln begleitet, sind es bei der Wiederaufnahme des Themas am Ende des Satzes Sechzehnteltriolen. In anderen Worten: statt die Achtel in zwei Sechzehntel zu unterteilen, sind es nun drei.

Dieses Phänomen gibt es auch in der Pop- und Rockmusik. Hier ist die Einheit allerdings Viertel und die Unterteilung in entweder zwei oder drei Achtel. Man spricht dabei von binär (zwei) und ternär (drei). Ternäre Rhythmen sind typisch für die Musikstile, die afro-amerikanische Wurzeln haben, also auch Rhythm'n'Blues oder Rock'n'Roll. Somit war diese triolische Version des Themas geradezu prädestiniert, in den Doo-Wop-Stil übernommen zu werden. Und es funktioniert wunderbar.

Sehr schön gestaltet ist auch der Übergang der von Joel komponierten Strophen zum Beethoven-Refrain. Strophen und Refrain stehen in unterschiedlichen Tonarten: Die Strophen in A-Dur und der Refrain in F-Dur. Von der klassischen Musiktheorie aus gesehen ist das ein mediantisches Verhältnis. Das klingt kompliziert, bedeutet aber nichts anderes, als dass beide Tonarten eine große Terz auseinander liegen (F und A). Mediantisch bedeutet aber auch, dass die Dreiklänge einen gemeinsamen Ton haben: A-Dur (a, cis, e) und F-Dur (f, a, c). Der Grundton von A-Dur entspricht also dem Terzton von F-Dur.

Und genau dieses Phänomen macht sich Joel zu nutze. Der letzte Meloditon der Strophe ist ein a, also der Grundton des A-Dur-Dreiklangs. Bliebe der Refrain nun in A-Dur, müsste Joel mit dem cis weitersingen, da das Thema Beethovens mit dem Terzton beginnt (original in As-Dur mit dem Anfangston c). Joel lässt das a aber einfach liegen und beginnt den Refrain mit diesem a, er legt nur die neue Harmonie F-Dur darunter. Durch diese melodische Verbindung ist der Übergang in die neue Tonart vollkommen logisch und natürlich.

"This Night" ist also nicht nur eine Hommage an den Doo-Wop-Sound der 50er und 60er, sondern auch an die klassische Musik und an Ludwig van Beethoven; zwei Welten, die hier auf völlig harmonische Art und Weise zueinander finden.

© 2015 by Jochen Scheytt

Album: An Innocent Man
Veröffentlichung: August 1983
Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.
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