Popsongs und ihre Hintergründe

...

Suzanne Vega: Tom's Diner

Jahr: 1987

18. November 1981: Suzanne Vega frühstückt in Tom's Diner in New York und hält ihre Eindrücke schriftlich fest.


A-Capella-Chorgesang, der Chorgesang ohne Begleitung von Instrumenten, hat eine lange Tradition bis weit zurück in die Zeit der Renaissance. Über die amerikanischen Barbershop Quartets hat diese Form der Vokalmusik Eingang auch in die heutige populäre Musik gefunden. Im Jazz hat der A-Cappella-Chorgesang eine feste Basis, aber auch in der Popmusik haben vereinzelt A-Cappella-Formationen Erfolg gehabt. Die Flying Pickets, die mit "Only You" bekannt wurden, sind eine davon.

Viel seltener als der unbegleitete Chorgesang ist in der Popmusik aber der A-Cappella-Sologesang. Denn hier ist der Sänger oder die Sängerin völlig auf sich selbst gestellt und muss bei der Gestaltung des Songs auf wichtige Komponenten wie die harmonische und rhythmische Begleitung verzichten. Das sind auch schon die zwei Gründe, warum es nur so wenige A-Cappella-Songs gibt. Der Rhythmus, oder der Groove, gehört zu den grundlegenden Merkmalen eines Pop- oder Rocksongs und wird deswegen nur selten weggelassen. Auf der anderen Seite schaffen es nur wenige wie die charismatische Sängerin Janis Joplin, einen A-Cappella-Song so ausdrucksvoll zu gestalten, dass er auch für sich alleine trägt. Janis Joplins Song "Mercedes Benz" ist wohl das bekannteste Beispiel für einen gelungenen und ausdrucksstarken A-Cappella-Song.

Auch Suzanne Vega hat mit "Tom's Diner" einen unbegleiteten Song in ihrem Programm. Anders als das leidenschaftliche, vom Blues inspirierte "Mercedes Benz" handelt es sich bei "Tom's Diner" aber eher um ein etwas lapidares, wenngleich doch reizvolles Liedchen. Das Ganze klingt wie eine vor sich hingesungene Improvisation, sowohl textlich als auch musikalisch. Suzanne Vega singt fast beiläufig, wie wenn man sie nur zufällig beim Vorsichhinsingen aufgenommen hätte. Das verleiht "Tom's Diner" einen ganz eigenen Charme. Dazu passt die einfache, hauptsächlich im Quintraum kreisende Melodie und der Liedtext, der von alltäglich-banalen Beobachtungen beim Frühstück und Zeitunglesen in Tom's Diner, einem Restaurant in New York, berichtet.


Foto mit freundlicher Genehmigung von Wesley Treat

In einem auf Suzanne Vegas Website veröffentlichten Artikel hat sich Autor David Hammar die Mühe gemacht, die von Suzanne Vega im Liedtext geschilderte Zeitung, sehr wahrscheinlich die New York Times, datumstechnisch zu bestimmen. Sie singt von einem Schauspieler, der betrunken zu Tode gekommen war, und dessen Name ihr nichts sagt ("I open up the paper, there's a story of an actor who had died while he was drinking, it was no one I had heard of"). Bei dem Schauspieler handelte es sich um William Holden, der in seiner Wohnung in Santa Monica in Kalifornien an den Folgen einer Verletzung gestorben war, die er sich bei einem Sturz mit dem Kopf an die Tischkante zugezogen hatte. Man hatte ihn am 16. November 1981 gefunden. Von seinem Tod berichteten die Zeitungen dann zwei Tage später. Er war als Schauspieler berühmt, hatte aber 1981 den Zenit seiner Karriere schon überschritten.

Zum Zeitpunkt dieser Ereignisse war Suzanne Vega mit 22 Jahren noch sehr jung, was sicher auch erklärt, warum sie William Holden nicht kannte. Ihre erste Platte mit dem Titel "Suzanne Vega" brachte sie erst vier Jahre später, 1985 heraus. 1987 dann verwendete sie ihre alten Aufzeichnungen, die sie 1981 in Tom's Diner gemacht hatte, und veröffentlichte den Song "Tom's Diner" auf der LP "Soiltude Standing". So richtig bekannt wurde "Tom's Diner" allerdings erst, als DNA auf den Plan traten. Das war 1990, also drei Jahre nach dem Erscheinen des Songs.

Die Geschichte dieses Remixes wurde schon oft erzählt. Zwei auch heute noch anonyme englische DJs legten unter Suzanne Vegas Singstimme kurzerhand einen aktuellen Dancebeat und verteilten den Remix auf lokaler Basis. Durch den Einsatz in Diskotheken wurde der Remix bald bekannt und erregte somit auch die Aufmerksamkeit von Vegas Plattenfirma. Da von DNA nicht um eine Genehmigung angefragt worden war, wurde somit ein klarer Bruch des Urheberrechts begangen. Die Plattenfirma strengte nun aber erstaunlicherweise nicht etwa ein Verfahren gegen die DJs an, sondern sah die Möglichkeiten dieses Remixes und brachte das Werk selbst heraus. Mit großem Erfolg.

Zur Umsetzung des Originals in die Dancebeat-Cover-Version lassen sich folgende Dinge bemerken:

  • Im Original werden die Strophen direkt hintereinander gesungen, nur jeweils getrennt durch eine kurze Pause. Erst ganz am Schluss singt Suzanne Vega das hier aus dem Song hinausleitende "doo doo doo doo". Bei der Dance-Version dagegen wird dieses Outro bestimmend; es wird als Hookline (Melodie mit Wiedererkennungswert) sowohl am Anfang als Intro wie auch refrainartig zwischen den Strophen eingebaut.
  • Suzanne Vega singt die 5. Strophe ("Oh this rain it will continue...") vom Tempo her gesehen recht frei und baut bei "the bells of the cathedral" ein Ritardando, also eine Tempoverzögerung ein. Da Temposchwankungen in Dance-Nummern nicht vorgesehen sind, konnte dieser Teil nur sehr mühevoll eingepasst werden, was bei einem Vergleich der beiden Versionen auch sofort und deutlich zu hören ist.
  • Der Liedtext der Cover-Version endet bei der Zeile "I am thinking of your voice". Somit wurden hier die letzten Zeilen, die die kleine Kurzgeschichte zu einem Abschluss bringen ("...and of the midnight picnic once upon a time before the rain began... I finish up my coffee, it's time to catch the train") weggelassen.

Somit lässt sich feststellen, dass sich "Tom's Diner" mit der Cover-Version wieder an den üblichen Popmusik-Konventionen orientiert: eingängiger Refrain, konstant durchlaufender Beat und Fade-out-Schluss kurz nach der Dreieinhalbminutengrenze. Da tut dann doch das Original gut, das diese Konventionen bewusst durchbricht.

© 2006 by Jochen Scheytt

Album: Solitude Standing
Veröffentlichung: April 1987

"Tom's Diner" war das erste Lied im komprimierten mp3-Format. Karlheinz Brandenburg, einer der Entwickler am Fraunhofer-Institut, hörte "Tom's Diner" zufällig. Er empfand den Nuancenreichtum des Gesangs als große Herausforderung, sollte doch auch nach der Kompression noch jedes Detail hörbar sein. So wurde der Kompressionsalgorithmus der mp3-Files nach nahezu 1000 Hördurchgängen durch "Tom's Diner" erstellt.
Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.
Alle Texte auf dieser Internetpräsenz sind urheberrechtlich geschützt und dürfen nicht ohne Einwilligung verwendet werden. - All rights reserved. Unauthorized usage or publication of any written contents on these pages is forbidden.