Popsongs und ihre Hintergründe

Procol Harum

Procol Harum: A Whiter Shade Of Pale

Jahr: 1967

Einer der Klassiker des Classic Rock und seine Bezüge zum Werk Johann Sebastian Bachs


Es war einfach eine verdammt gute Idee! Ein Musikstück mit einem ausgehaltenen Ton zu beginnen, der eine gefühlte Ewigkeit dauert und dabei mit jeder Sekunde ein mehr an Spannung aufbaut. Dazu eine Basslinie in gleichmäßigen Achteln - heute würde man das Walking Bass nennen - die mit ihrem stufenweisen Abstieg einen wirkungsvollen Gegenpol zum Melodieton bildet und diesen mit jedem Ton in ein neues Licht setzt. Ein Beginn so charakteristisch, außergewöhnlich und genial einfach, dass Johann Sebastian Bachs Air aus der Orchestersuite Nr. 3 in D-Dur, BWV 1068 im Laufe der Zeit zu den beliebtesten klassischen Musikwerken avancierte - gleichzeitig aber auch so populär wurde, dass man es manchmal gar nicht mehr hören mag.

Als Procol Harum, also Gary Brooker, Gesang und Klavier, Matthew Fisher, Hammond-Orgel, David Knights, Bass, Ray Royer, Gitarre und der Sessionschlagzeuger Bill Eyden A Whiter Shade Of Pale 1967 aufnahmen, war es gerade Mode geworden, klassische Elemente in die Rockmusik zu übernehmen. Schon die Beatles hatten mit der Hilfe von George Martin erste, noch zaghafte Schritte unternommen und etwa ein klassisches Streichquartett bei ihren Aufnahmen von Yesterday und Eleanor Rigby eingesetzt. Klassische Trompetensoli (Penny Lane, For no one) finden sich bei ihnen genauso wie ganze Sinfonieorchester (A day in the life). Bei den Beatles waren dies allerdings nur Farbtupfer; nette Goodies, die ihre Experimentierfreude unterstrichen und den Songs eine interessante Note verliehen. Die Beatles erhoben die klassischen Elemente also nicht zum Prinzip, waren aber trotzdem ein Vorreiter und wiesen dem was kommen sollte den Weg: dem Classic Rock.

Auf Procol Harum und das bahnbrechende A Whiter Shade Of Pale folgten sehr schnell andere Gruppen wie Deep Purple, The Moody Blues oder The Nice, die alle mit ihrer Fusion aus Klassik und Rock erfolgreich waren. Den Höhepunkt des Classic Rock bildeten Anfang der 70er dann Aufnahmen wie Beethoven's Fifth von der Gruppe Ekseption, oder Bilder einer Ausstellung (Pictures at an exhibition) von Emerson, Lake & Palmer.

Doch zurück zu Procol Harum. Dass bei A Whiter Shade Of Pale auf die Idee der Bachschen Air zurückgegriffen wurde, ist wohl klar ersichtlich. Es finden sich beide charakteristischen Elemente in der Orgelmelodie: der lang gehaltene Ton in der Melodiestimme und die stufenweise absteigende Basslinie, die erst nach dem fünften Ton einen anderen Verlauf nimmt. Auch beginnt die Melodie beider Stücke mit der gleichen Tonhöhe, einer großen Terz über dem Grundton. Dennoch gibt es Unterschiede, was auch logisch ist, handelt es sich ja bei A Whiter Shade Of Pale nicht nur um eine Kopie, sondern um ein eigenständiges Stück Musik. Gary Brooker erklärt in einem Interview aus dem Jahr 1990 ganz anschaulich, wie solch ein Entstehungsprozess vonstatten geht, wie er, Brooker, sich beim Komponieren zwar an originalem Material von Bach orientiert, dies auch als Ausgangspunkt benutzt, es aber nach ein paar Takten schon verfremdet und verändert.

"Yeah, well I think Bach is still around, I think he's still in the back of my mind somewhere, because I still find even today, if I can't get an original start to a song, that I'll get out the 48 preludes and fugues [Bachs 24 Präludien und Fugen aus dem "Wohltemperierten Klavier" in zwei Bänden] and play one of them at a quarter the speed it should be and perhaps backwards, or something, and it will give me just a little start to something." (1)

Dass hierbei auch mangelnde Fertigkeiten im Notenlesen eine Rolle spielen, gibt er im selben Interview auch zu:

"I'm a terrible reader, but I can read, but by the time I've struggled through the first four or five bars I've probably gone off on to a song by then. It's been enough, I mean the music is so good, I've got the spirit, suddenly it's given me three chords to start on, and I'm away" (2)

Mit diesen Aussagen erklärt er treffend den Bezug zwischen Bachs Air und A Whiter Shade Of Pale, auch wenn in diesem Fall nicht ganz klar ist, ob er den Orgelpart komponiert hat (dazu später mehr). Nach identischem Beginn entfernt sich A Whiter Shade Of Pale recht schnell vom "Original". Die Melodie verlässt ihren Anfangston schon beim dritten Basston, um in einem von der Air inspirierten, aber dennoch eigenständigen Verlauf weitergeführt zu werden. Bei Bachs Air liegt der Anfangston noch zwei Akkorde länger. Der Verlauf der Bassstimme ist bis zum fünften Ton identisch. Nach diesem verläuft die Bassstimme bei A Whiter Shade Of Pale noch weiter stufenweise abwärts, während der Bass bei der Air nach dem fünften Ton umkehrt, und in zwei Halbtonschritten aufwärts geführt wird.

Es werden immer wieder andere Stücke Bachs angeführt, die als Ausgangspunkt, oder als Inspirationsquelle für A Whiter Shade Of Pale gedient haben sollen. Hierzu zählen vor allem die beiden Kantaten "Wachet auf, ruft uns die Stimme", BWV 140 und auch "Ich steh mit einem Fuß im Grabe", BWV 156. Diese angeblichen Bezüge können von mir nicht nachvollzogen werden, zumal genauere Angaben, welches Stück der Kantate jeweils genau gemeint sein soll, fehlen. Im eröffnenden Choral von "Wachet auf, ruft uns die Stimme" findet sich zwar eine stufenweise absteigende Bassstimme, doch fehlt die Melodie. Bassverläufe dieser Art kommen allerdings sehr häufig vor, nicht nur bei Bach, und sind für sich genommen noch ausschlaggebendes Argument. Bei "Ich steh mit einem Fuß im Grabe" finden sich in der gleichnamigen Arie mit Choral beide Elemente, doch Taktart (3/4-Takt), der Auftakt, die Synkopierung der Bassstimme und auch der weitere musikalische Verlauf lassen doch direkte Ähnlichkeiten mit A Whiter Shade Of Pale vermissen.

Und dann wäre da noch der Urheberrechtsstreit um A Whiter Shade Of Pale. Nein, nicht der alte Bach hat geklagt, obwohl er sicher gute Gründe und wahrscheinlich auch ganz gute Chancen auf eine Aufnahme in die Songwriting Credits gehabt hätte. Es war Matthew Fisher, der Organist der Band Procol Harum, der im Gegensatz zu Gary Brooker (Musik) und Keith Reid (Text) 1967 nicht als Urheber des Songs mit aufgenommen wurde. Warum es Fisher erst 2005, also gut 38 Jahre nach Entstehung der Songs einfiel, das er der Autor der berühmten Orgelmelodie sei und nicht Brooker, begründete er damit, mit seinen Vorstößen bei Brooker und Reid immer zurückgewiesen worden zu sein ("rebuffed and ignored"). (3) Außerdem habe es schon immer Spannungen zwischen ihm und Brooker gegeben (4) und er habe Angst gehabt, dass er aus der Band hinausgeworfen würde, falls er darauf bestanden hätte. (5) Fisher hatte Procol Harum zwei Jahre zuvor 2003 verlassen. 2009 schließlich gewann Fisher diesen Rechtsstreit und wurde als Urheber mit aufgenommen, was ihm 40% der anfallenden Tantiemen einbringt.

In Anbetracht des Urteils und der wahrscheinlich horrenden Prozesskosten wird Gary Brooker, der seinen Ärger über die ganze Angelegenheit nie wirklich unterdrücken konnte, wahrscheinlich etwas blaß um die Nase geworden sein, oder vielleicht auch noch etwas blasser - oder wie Keith Reid es ausdrückte: a whiter shade of pale...


(1) Zitiert nach einem Interview mit Gary Brooker, 1990 geführt von Carsten Overgaard and Niels-Erik Mortensen.
(2) ebda.
(3) Victory for Whiter Shade organist http://news.bbc.co.uk/2/hi/entertainment/8176352.stm
(4) Procol ex-organist plays in court http://news.bbc.co.uk/2/hi/entertainment/8176352.stm
(5) Victory for Whiter Shade organist, ebda.

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