Popsongs und ihre Hintergründe

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The Simple Minds: Belfast Child

Jahr: 1989

Wenn die Kinder nicht mehr singen - die Simple Minds über den Religionskonflikt in Nordirland


Die Vorstellung fällt schwer, wie es wohl in den 70ern und 80ern während der schlimmen Phase des Nordirlandkonflikts in Belfast gewesen sein mag. Fährt man heute durch Belfast, fällt die Vergangenheit der Stadt gar nicht auf. Das Leben pulsiert in der Innenstadt wie in den anderen Städten Irlands auch. Man muss schon in die Vororte fahren, in denen das Erbe noch deutlich sichtbar ist, vor allem an den allgegenwärtigen "Murals", den Wandzeichnungen, die die religiöse und politische Ausrichtung der jeweiligen Gegend demonstrieren.

Und in manchen dieser Vororte, dort wo die Wohnviertel der beiden Religionsgruppen, der Katholiken und der Protestanten, direkt aneinander grenzen, sind auch heute noch die unterschwelligen und manchmal auch noch kurz aufflackernden alten Ressentiments und der alte Hass zu bemerken. Trotz allem, wie gesagt, kein Vergleich zum Belfast von damals, der Zeit des Terrors und der Bomben und der offenen Gewalt, die heute im englischen Sprachraum "the Troubles", die Unruhen, genannt wird.

"Belfast Child" ist einer der vielen Songs, die vom Nordirlandkonflikt handeln. Anders als zum Beispiel Sunday, Bloody Sunday von U2 bezieht sich "Belfast Child" nicht auf ein besonderes Ereignis. Es ist mehr eine atmosphärische Beschreibung des Zustands der Stadt. Das "Belfast Child" ist hier als Metapher zu verstehen für die Kinder der Stadt, und damit verbunden die kindliche Unschuld, die unter dem Bürgerkrieg am meisten leidet. Dass diese Kinderstimmen ruhig sind und nicht mehr singen, nicht mehr lärmen, macht Belfast zu einem Ort der gespenstischen Stille; ein Ort der nicht mehr lebt, und an dem man nicht mehr leben möchte, und ein Ort aus dem man fliehen will. Der Schluss macht dann doch noch Hoffnung: "one day we'll return here, when the Belfast child sings again".

Die "Simple Minds" werden für diesen Song aber auch oft kritisiert. Er würde allzu pathetisch und emotional daherkommen, der Liedtext sei dabei nicht tiefgründig, sondern klischeehaft, und außerdem wüssten die "Simple Minds" als schottische Band nichts davon, was in Belfast wirklich vorgehe.

Dabei tut man der Band sicherlich Unrecht, denn es war ihnen damals ein echtes Anliegen, der Betroffenheit über diesen mitten in Europa tobenden Konflikt Ausdruck zu geben. Der Kopf und Sänger der Gruppe Jim Kerr sagt dazu in einem Interview: "We were inspired by the likes of Peter Gabriel and Robert Wyatt, who were doing great music with questions at its heart. If you have any kind of career at this level there'll be a time when you write about what you perceive as the issues of your time." (1) (Wir wurden durch Künstler wie Peter Gabriel und Robert Wyatt inspiriert, die tolle Musik machten und dabei Fragen aufwarfen. Irgendwann in deiner Karriere kommt eine Zeit, in der du über das schreibst was du als brennende Fragen deiner Zeit ansiehst.)

Außerdem lässt man dabei außer Acht, dass der Song "Belfast Child" eingebettet war in das Album "Street Fighting Years", das sich nicht nur im Song "Belfast Child" mit aktuellen Konflikten und Menschenrechtsverletzungen auseinander setzte. Der Titelsong "Street Fighting Years" ist dem vom Regime ermordeten chilenischen Sänger Victor Jara gewidmet, und sowohl "Mandela Day" wie das Cover von Peter Gabriels "Biko" beschäftigen sich mit dem Apardheitsregime Südafrikas.

Hinzu kommt, dass Jim Kerr, wie er im gleichen Interview wie oben sagt, familiäre Verbindungen nach Nordirland hat ("I'm from Glasgow, but my father's family are from Northern Ireland.") und somit sicherlich auch eine persönliche Betroffenheit spürt.

Schließlich haben sich die Simple Minds musikalisch auch noch um Authentizität bemüht, indem sie als Melodie ein bekanntes irisches Vokslied mit dem Titel "She moved through the fair" verwendet haben. Diese Melodie soll angeblich ihre Ursprünge im Mittelalter haben. Sie hat einen sehr ruhigen, getragenen und etwas melancholischen Charakter, was auch die entsprechende Stimmung im "Belfast Child" erklärt.

Irische Anklänge finden sich aber auch in der Verwendung der für die irische Volksmusik so typischen Flöte in den Zwischenspielen und dem vom irischen Schlaginstrument Bodhran gespielten Trommelrhythmus, der dem langen Instrumentalteil in der Mitte zu Grunde liegt. Dieser Rhythmus besitzt gleichzeitig noch einen drohenden, fast militärischen Charakter, wodurch sich der Kreis zur politischen Thematik wieder schließt.

Links

Bei Cantaria finden sich sowohl Liedtext wie auch ein Ausschnitt einer A-cappella-Aufnahme von "She moved through the fair" als mp3.


(1) zitiert nach: http://www.simpleminds.org.uk/silverboxreviews.html

© 2006 by Jochen Scheytt

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