Die deutschen Debussy-Seiten

von Jochen Scheytt

Blank Page - New Impressions of Debussy

Debussy und Jazz, kann das zusammengehen? Warum nicht, dachte sich der Tübinger Bassist Florian Dohrmann, als er im Radio das Prélude La fille aux cheveux de lin hörte und er von der Musik spontan begeistert war. Das aus diesem Erlebnis entstandene Werk, eine CD mit 13 Adaptionen von Debussys Werken liegt nun vor.

Das Wichtigste und Interessanteste zuerst: das Jazzquartett Blank Page kommt bei der Neuinterpretation Debussy komplett ohne Klavier aus. Noch mehr, die Musiker widerstehen dem Impuls, die mannigfaltigen Klangfarben und Schattierung der Musik Debussys durch eine reiche Instrumentation oder den Einsatz elektronischer Sounds umzusetzen. So spielen auf der CD nur Saxophon, E-Gitarre, Kontrabass und Schlagzeug. Das Resultat ist ein kammermusikalischer Sound, eine Reduktion auf das Wesentliche. Was einerseits eine Chance ist, birgt auch eine Gefahr. Das musikalische Material tritt so unmittelbarer in den Vordergrund, ein Verstecken hinter bombastischen Arrangements ist nicht möglich. Doch Blank Page zeigen, dass sie dies gar nicht nötig haben und souverän mit Debussys Musik umgehen können.

Blank Page haben sich für ihre Debussy-Neuinterpretation fast ausschließlich die Klassiker des Debussyschen Repertoires ausgesucht, so dürfen Claire de lune, La fille aux cheveux de lin, Golliwog's Cakewalk oder das Orchesterstück Prélude à l'après-midi d'un Faune nicht fehlen. Die Stücke sind dabei noch so nah am Original, dass ein Wiedererkennungseffekt ohne weiteres möglich ist. Einige Kompositionen Debussys inspirierten die vier Musiker auch zu neuen, eigenen Kompositionen, vier davon finden sich auf der CD.

Blank Page- New Impressions of Debussy

Doch zurück zur Anfangsfrage: kann es funktionieren, Debussy und Jazz? In diesem Falle muss man das auf jeden Fall bejahen. Es ist den vier Musikern von "Blank Page" sehr gut gelungen, die wesentlichen Ideen Debussys aus den entsprechenden Kompositionen zu isolieren und ins Gewand des Jazz zu importieren. Wie kreativ der Umgang mit dem Ausgangsmaterial ist, tritt dabei nicht immer sofort zutage, wenn zum Beispiel Jimbo's Lullaby plötzlich im 7/8-Takt erklingt oder wenn der Ragtime von Golliwog's Cakewalk zu einem treibenden, funkigen Groove umfunktionert wird und neben dem rhythmisch und melodisch stark variierten Ragtime-Thema auch noch der Little Negro zitiert wird - sicher zwei der stärksten Momente auf der CD.

Ansonsten überwiegen die nachdenklicheren, atmosphärischen Töne, ist die Musik oft kammermusikalisch durchwoben und intelligent arrangiert. Und das Klavier vermisst man tatsächlich überhaupt nicht. Wahrscheinlich war es ein Grundstein für das Gelingen dieser CD, dass man durch den konsequenten Verzicht auf das Klavier überhaupt nicht in die Versuchung kommen konnte, Debussy einfach zu reproduzieren. So wahren alle Stücke die Distanz zu Debussy, ohne sich zu weit davon zu entfernen.

Auf der anderen Seite hätte sich manchmal etwas mehr Mut gewünscht, die musikalischen Motive aus den Originalen Debussys in andere Sphären zu transportieren oder ihnen noch überraschendere Seiten abzugewinnen. Man spürt bei vielen Tracks förmlich den Respekt, den die Musiker vor den Kompositionen oder auch dem Komponisten selbst hatten. Dabei ist handwerklich alles perfekt, auch die Aufnahme erfüllt die klanglichen Erwartungen an eine moderne Produktion.

So ist die CD ein sehr guter Begleiter, nicht nur für einen ruhigen Abend oder eine Mußestunde mit dem Kopfhörer. Und die Musiker verdienen allen Respekt dafür, wie sie es schaffen, die Musik Debussys auf eine andere, äußerst kreative Weise lebendig zu halten. Was könnte dem Erbe Debussys besseres passieren, als dass man sich mit ihm auseinandersetzt und es in neuer Gestalt interpretiert?

Hörproben unter https://www.floriandohrmann.com/music/new-impressions-of-debussy/

  © 2019 by Jochen Scheytt

Debussy Titel

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Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.


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Jochen Scheytt

ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.