Die deutschen Debussy-Seiten

von Jochen Scheytt

Le petit nègre

"Le petit nègre", auch unter dem englischen Titel "The little negro" weit verbreitet, ist eine der Kompositionen Debussys, die von der amerikanischen Minstrelsy beeinflusst sind. Dabei handelt es sich um eine im 19. Jahrhundert in den USA weit verbreitete Showform, bei der sich Weiße als Schwarze verkleideten und diese mit einer bunten Mischung aus Songs, Tanz und Comedy zur Belustigung des weißen Publikums veräppelten. Elemente aus den Minstrel Shows fanden Eingang in andere Kunstformen. Besonders die synkopischen Ragtime-Rhythmen, die auch mit dem Cake-Walk, dem beliebten Tanz aus den Minstrel Shows, in Verbindung stehen, haben Eingang in viele Kompositionen französischer Komponisten um 1900 gefunden. Bei Debussy sind das außer dem "petit nègre" auch "Golliwog's Cakewalk" aus Children's Corner und Général Lavine - excentric aus den Préludes Band II. Stravinskys "Ragtime" bezieht sich darüber hinaus auch im Titel direkt auf diesen Einfluss.

Im Oeuvre Debussys ist der "Little Negro" als Gelegenheitswerk anzusehen. Es entstand erst sehr spät, 1909, und wurde für Théodore Lacks Klavierschule "Méthode de Piano" geschrieben, die im Verlag Leduc erschien. Darin hatte das Stück den Titel "The little Nigar" und den Untertitel "Cakewalk". (1)

"Le petit nègre" besitzt die Form ABA'. Das Stück beginnt einstimmig mit der für den Ragtime charakteristischen Synkopierung, hier in der ersten Takthälfte. Dieses Motiv wird nun zweimal sequenziert, also nach unten verschoben, bevor es beim zweiten Mal auf einer lang ausgehaltenen Note stehen bleibt, womit die erste viertaktige Phrase komplettiert wird.

Notenbeispiel 1: "The little negro", Takte 1 bis 4, rechte Hand
The little negro

Bereits im dritten Takt kommt in der linken Hand die beim Ragtime übliche gleichmäßige Begleitung in Achteln dazu, auf der die Synkopierungen in der rechten Hand ihre Wirkung entfalten können. Diese verläuft zunächst in einer chromatischen Terzenbewegung, bevor in Takt 9 die eigentlich typische Ragtimebegleitung in der linken Hand einsetzt. Diese ist der europäischen Marschmusik entliehen und besteht aus Grundton und nachschlagendem Akkord, der hier bei Debussy aber auf einen einzigen nachschlagenden Ton, die Oktav, reduziert wird.

Notenbeispiel 2: "The little negro", Takte 9 bis 12, linke Hand
The little negro

Die Bewegungsrichtung geht in den ersten 12 Takten konstant nach unten, bevor in den letzten vier Takten das Anfangsmotiv genauso einstimmig wieder in die Anfangslage zurückführt und somit den ersten Teil abrundet.

Der B-Teil ist als Kontrast ruhiger und wird von einer in Oktaven legato zu spielenden Melodie geprägt. Aber auch hier ist das synkopische Element des A-Teils vorhanden, indem die Begleitakkorde häufig als Synkopen eingefügt werden (Takte 22, 23 und 25), Auch die einstimmige, oft ohne Begleitung verlaufende Melodie weist auf den Anfang hin. Diese Einstimmigkeit wird auch als Bindeglied benutzt, um wieder in den A-Teil hinüberzuleiten.

Aus heutiger Sicht ist "The little negro" problematisch, da nicht nur die Bezeichnung "negro" eine starke rassistische Konnotation besitzt und politisch nicht mehr korrekt ist, sondern auch das ganze Umfeld der Minstrel Shows als durchweg rassistisch angesehen werden muss. Auf der anderen Seite muss man "The little negro" im Kontext der Zeit sehen, als ein rassistisches Problembewusstsein in Europa noch nicht sonderlich ausgeprägt war. Man betrachtete diese Stücke als reizvolle kleine Musiknummern mit dem Touch des Exotischen, ohne über gesellschaftliche Ungleichheiten oder kulturelle Wurzeln nachzudenken.


(1) Vorwort zu "The little negro", Henle Urtext Ausgabe.

  © 2016 by Jochen Scheytt

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Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.


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Jochen Scheytt

ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.