Die deutschen Debussy-Seiten

von Jochen Scheytt

1. Wodurch wurde Debussy zu diesem Prélude inspiriert?

Debussy wurde zur Komposition angeregt durch eine Postkarte, die er 1910 von seinem spanischen Komponistenkollegen Manuel de Falla erhielt. Sie zeigt das maurische Tor der Alhambra in Grenada, die sogenannte Weinpforte. Es soll sich bei dem heute alleine stehenden Tor um einen der ältesten Bauwerke der Alhambra handeln.

La puerta del vino ist das zweite Klavierstück Debussys mit spanischem Kolorit. Schon 1903 hatte er beim zweiten der drei Estampes, La soirée dans Grenade, die andalusische Thematik verarbeitet.

2. Wie hängen Habanera-Rhythmus, Tonalität und Form zusammen?

Beiden Kompositionen legt Debussy den Habanera-Rhythmus zugrunde, bei La puerta del vino allerdings noch konsequenter und insistierender als bei La soirée dans Grenade. Denn bei der Weinpforte setzt Debussy die Habanera-Figur ostinat, also über längere Strecken gleichbleibend ein. So steht die Habanera-Figur von Takt 3 ab insgesamt 39 Takte lang auf Des-Dur, nur unterbrochen, wenn es spieltechnisch notwendig ist, also beide Hände des Pianisten für die Oberstimmen benötigt werden (Takt 25-30).

Notenbeispiel 1: Habanera-Figur, Takt 3ff.
Habanera-Figur, Takt 3ff.

Anschließend rutscht die Figur eine kleine Terz nach unten und bleibt längere Zeit ostinat auf B-Dur stehen, bevor sie in Takt 66 wieder nach Des-Dur zurückkehrt. Daraus ergibt sich folgende formale Einteilung: eine dreiteilige ABA'-Form, wie sie in dieser Weise oft von Debussy verwendet wird.

Teil Takte Tonalität
A Takt 1-41 Des-Dur
B Takt 42-66 B-Dur
A' Takt 67-90 Des-Dur

3. Wie sind die Melodien rhythmisch gestaltet?

Bei der melodischen Gestaltung stellt Debussy dem Habanera-Rhythmus bevorzugt Achteltriolen entgegen. Diese werden oft mit einer weiteren Achteltriole, zwei weiteren Achteln oder einer Viertel zu einem vollständigen 2/4-Takt ergänzt. Auch Überbindungen oder fehlende Noten auf dem ersten Schlag kommen vor und erweitern das rhythmische Vokabular. Die Achteltriole kann dabei sowohl auf dem ersten als auch auf dem zweiten Schlag erscheinen. Einige Beispiele:

Notenbeispiel 2: Beispiele für die rhythmisch-melodische Gestaltung mit Achteltriolen
Beispiele für die rhythmisch-melodische Gestaltung mit Achteltriolen

4. Was lässt sich zur harmonischen Gestaltung sagen?

Harmonisch ist La puerta del vino komplex. Folgendes lässt sich ganz generell bemerken: Durch die ostinate Bassgestaltung und gleichzeitig wechselnde Akkorde in den Oberstimmen ergeben sich spannungsvolle Klangwirkungen. Das häufige Anwenden so benannten Andalusischen Kadenz, die charakteristisch für den Flamenco ist, ergibt ein spanisch-andalusisches Kolorit.

5. Was versteht man unter einer Andalusischen Kadenz?

Die Andalusische Kadenz ist eine Schlusswendung, die auf der phrygischen Skala basiert. Diese Skala umfasst die Stammtöne e bis e. Zwischen dem ersten und dem zweiten Ton (e unf f) findet sich ein Halbtonschritt, der der Skala einen speziellen charakteristischen Klangcharakter verleiht.

Notenbeispiel 3: Phrygischer Modus
Phrygischer Modus

Spielt man die ersten vier Noten dieser Skala in umgekehrter Reihenfolge, also a, g, f, e, und harmonisiert sie mit den Dreiklängen a-Moll, G-Dur, F-Dur und E-Dur, so erhält man die archetypische harmonische Schlusswendung des Flamenco, die Andalusische Kadenz. Die Abfolge der beiden letzten Akkorde F-Dur und E-Dur nennt man auch phrygische Kadenz. Der Abstand zwischen den Grundtönen der ersten drei Dreiklänge ist zweimal ein Ganztonschritt, der Abstand zwischen den beiden letzten Dur-Dreiklängen, die die charakteristische phrygische Kadenz darstellen, ein Halbtonschritt. Die Abstände zwischen diesen vier Akkorden sind also Ganzton, Ganzton, Halbton.

Notenbeispiel 4: Andalusische Kadenz
General Lavine, Takt 11 ff.

Im Flamenco werden diese vier Akkorde oft über den ostinat liegenden Grundton gespielt.

Notenbeispiel 5: Andalusische Kadenz mit Ostinato-Bass
Flamencokadenz

6. Wie wird die Andalusische Kadenz in La puerta del vino verwendet?

Genau dieses Prinzip wendet Debussy in La puerta del vino an, aber nicht so modellhaft wie im oben dargestellten Beispiel. Er variiert dieses Prinzip, ohne dass allerdings die klangliche Wirkung verloren geht.

La puerta del vino steht in Des-Dur, somit wären die vier Flamenco-Akkorde ges-Moll, Fes-Dur (=E-Dur), D-Dur und Des-Dur. Die beiden letzten Akkorde D-Dur und Des-Dur, die die phrygische Kadenz darstellen, kommen schon im ersten und zweiten Takt vor, hier allerdings als Quintklänge ohne Dur-Terz.

Notenbeispiel 6: La puerta del vino, T. 1-3
La puerta del vino, t. 1-3

Auch die groß ausschwingende Melodie, die in Takt 35 beginnt, endet mit der Akkordfolge D-Dur und Des-Dur . Die beiden Akkorde davor (Fes-Dur (=E-Dur) und Es-Dur) sind allerdings nur zweimal einen Halbton höher als die beiden letzten Akkorde, und nicht wie in der typischen Flamenco-Abfolge zweimal ein Ganzton. Durch die ausschließliche Abfolge von Halbtonschritten entsteht ein chromatischer Verlauf.

Notenbeispiel 7: La puerta del vino, T. 37-41
La puerta del vino, T. 37-41

Denselben chromatischen Verlauf finden wir schon in Takt 17 und 18, hier allerdings als reine Melodielinie ohne Akkorde. Dennoch ist die Idee, die diese Linie erzeugt, nun gut erkennbar.

Notenbeispiel 8: La puerta del vino, T. 17-20
La puerta del vino, T. 17-20

Sehr interessant ist auch die harmonische Gestaltung des Beginns. Nachdem Debussy den Habanara-Rhythmus mit den Tönen des und as, und damit auch die Grundtonart Des-Dur installiert hat, baut er einen ziemlich spannungsvollen Akkord auf, der im weiteren Verlauf bis Takt 16 statisch und unverrückbar stehen bleibt. Dieser Akkord ist ein Des-Dur-Dreiklang mit Grundton (1), Terz (3) und Quint (5) und darübergeschichteter Septim (7) und übermäßiger None (#9).

Notenbeispiel 9: La puerta del vino, Spannungsakkord
La puerta del vino, Spannungsakkord

Diesen Akkord baut Debussy schrittweise über sechs Takte hinweg auf. Interessant ist dabei, dass Debussy beim Akkordaufbau die Lücke zwischen dem h, der Septime des Akkords, und dem e1, der übermäßigen None, mit zwei Tönen ausfüllt, die stufenweise aufsteigen (c1 und d1, im Notenbeispiel 10 grün markiert). Diese vier Töne sind die ersten vier Töne der phrygischen Skala, vom Ton h aus gespielt.

Notenbeispiel 10: La puerta del vino, T. 4-9
La puerta del vino, Takt 4-9

Diese Melodielinie ist deshalb bedeutsam, weil die Töne in umgekehrter Reihenfolge, also als Andalusische Kadenz ab Takt 25 wiederkehren. Dieses Mal wird die Melodie ausharmonisiert, also mit Akkorden versehen. Debussy verwendet aber für die Harmonisation nicht die "richtigen" Harmonien der Andalusischen Kadenz, die e-Moll, D-Dur, C-Dur und H-Dur wären. Er verwendet stattdessen andere, quasi "falsche" Harmonien. Es sind Septnonakkorde, die mit einem C7(9) beginnen, gefolgt von B7(9), As7(9) und G7(9). Es sind also vier identische Akkorde, die parallel verschoben werden.

Septnonakkorde
Unter Septnonakkorden versteht man Dreiklänge, die mit zwei darüberliegenden Terzen (vom Grundton aus gezählt der kleinen Septim und der großen None) zu Fünfklängen erweitert werden. Vom Grundton c aus gedacht wären das die Töne c, e, g, b und d.

Notenbeispiel 11: La puerta del vino, T. 25-30
La puerta del vino, Takt 25-30

Debussy macht bei diesen Septnonakkorden ausgiebigen Gebrauch von arpeggierten Akkorden, bei denen die Töne nicht gleichzeitig, sondern kurz nacheinander angeschlagen werden. Dies soll das Schlagen von Gitarrensaiten imitieren. Dass die Arpeggien sowohl von oben als auch von unten gespielt werden sollen, ist durchaus typisch für die Anschlagstechnik bei der Flamenco-Gitarre.


  © 2019 by Jochen Scheytt

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Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.


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Jochen Scheytt

ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.