Estampes

Inhalt

Seite 1 - Entstehung, Uraufführung und Titel
Seite 2 - Pagodes
Seite 3 - La Soirée dans Grenade
Seite 4 - Jardins sous la pluie

La Soirée dans Grenade

Wie wird der Habanera-Rhythmus in "La Soirée dans Grenade" verwendet?

Der Habanera-Rhythmus steht hier sinnbildlich für die Atmosphäre der Stadt Granada. Debussy schreibt "Mouvement de Habanera" über das Stück und der Habanera-Rhythmus zieht sich in der Tat bis auf wenige Ausnahmen auch durch die ganze Komposition hindurch. Dabei verwendet Debussy den Rhythmus differenziert.

Generell kann man zwei Arten der Verwendung unterscheiden: die für die Habanera typische Verwendung als treibende rhythmische Kraft und harmonische Grundierung in der Bassstimme, bei der in jedem Takt die Oktav in einer Aufwärts- und Abwärtsbewegung über den Quintton durchschritten wird. So beginnt Debussy das Stück in den ersten vier Takten und so wird das zweite Habanera-Thema in Fis-Dur ab Takt 67 begleitet.

Notenbeispiel 1: La Soirée dans Grenade, Habanera-Rhythmus, Takt 67
Claude Debussy: Habanera-Rhythmus T. 67

Eine weitere, sehr kraftvolle Variante findet sich in den Takten 38-41, mit denen das erste Habanera-Thema eingeleitet wird. Man imaginiert hier geradezu die fußstampfenden Flamenco-Tänzer, die mit ihrer rhythmischen Kraft das Publikum aufpeitschen. Um diesen Effekt zu erreichen, wird die Habanera-Figur in Oktaven gespielt und auf Schlag 1 und 2u mit Akkorden ergänzt. Das Arpeggio auf dem letzten Ton der Figur gibt dem Akkord noch zusätzliche Wucht.

Notenbeispiel 2: La Soirée dans Grenade, Habanera-Rhythmus, Takt 38-39
Claude Debussy: Habanera-Rhythmus T. 67

Auch im weiteren Verlauf dieses ersten Habanera-Themas wird die Habanera-Figur auf der ersten und letzten Note zweistimmig gespielt, auch hier Ausdruck der hohen rhythmischen Energie und klanglichen Opulenz dieses Themas.

Notenbeispiel 3: La Soirée dans Grenade, Habanera-Rhythmus, Takt 45
Claude Debussy: Habanera-Rhythmus T. 45

Die zweite Art der Verwendung ist die Repetition auf einem einzigen Ton, dem cis. Diese befindet sich ausschließlich in hoher Lage zwischen dem cis1 und cis3. In dieser hohen Lage hat die rhythmische Figur ihre ursprüngliche Funktion verloren und ist eher atmosphärisch zu deuten. Vor allem in Takt 5 ff., wo ein zusätzliches ausgehaltenes cis4 hinzu kommt, steht sie als leises unterschwelliges Flirren in der warmen Abendluft.

Notenbeispiel 4: La Soirée dans Grenade, Habanera-Rhythmus, Takt 5
Claude Debussy: Habanera-Rhythmus T.

Wird die Habanera-Figur zur Begleitung des triolischen Themas herangezogen, findet sie sich in der Mittellage auf dem cis1 wieder.

Notenbeispiel 5: La Soirée dans Grenade, Habanera-Rhythmus, Takt 23-24
Claude Debussy: Habanera-Rhythmus T.

Eine besondere Verwendung der Figur kann man bei der Wiederaufnahme des maurischen Themas ab Takt 98 beobachten. In sehr hoher Lage erscheint sie diesmal nicht als reine Repetition auf einem Ton, sondern akkordisch und vereint somit im Grunde beide Funktionen: die rhythmisch-harmonische und die atmosphärische.

Notenbeispiel 6: La Soirée dans Grenade, Habanera-Rhythmus, Takt 98-101
Claude Debussy: Habanera-Rhythmus T.

(1) Zitiert nach: Vallas, Leon. Debussy und seine Zeit. München, 1961, S. 263


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Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Komponist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.