Die deutschen Debussy-Seiten

von Jochen Scheytt

La Mer

Nr. Titel Übersetzung
1 De l'aube à midi sur la mer Von der Morgendämmerung bis zum Mittag auf dem Meer
2 Jeux des vagues Spiel der Wellen
3 Dialogue du vent et de la mer Dialog zwischen Wind und Meer

Entstehung

Claude Debussy arbeitete ab 1903 an La Mer. In einem Brief vom 12. September 1903 aus seinem Feriendomizil bei seinen Schwiegereltern in der Bourgogne an seinen Freund André Messager schreibt er:

"Sie wussten vielleicht nicht, dass ich für die schöne Laufbahn eines Matrosen ausersehen war und dass nur die Zufälle des Daseins mich auf eine andere Bahn geführt haben. Nichtsdestoweniger habe ich mir für die See eine aufrichtige Leidenschaft bewahrt." (1)

Diese Leidenschaft geht zurück bis zu seiner Kindheit, als er viel Zeit bei seiner Tante väterlicherseits in Cannes verbrachte, wo er das Meer kennen- und lieben lernte. Weiter schreibt er:

"Sie werden zu mir sagen, dass der Ozean nicht gerade die Rebhügel der Bourgogne bespült [...] und dass die Sache wie eine Atelierlandschaft ausfallen könnte, aber ich habe zahlreiche Erinnerungen. Das taugt meiner Ansicht nach mehr als eine Wirklichkeit, deren Zauber im allgemeinen zu schwer auf unseren Gedanken lastet." (2)

Zwei Jahre später - im März 1905 war die Partitur fertig und wurde bei Durand gedruckt. Als Titelbild wählte Debussy einen Ausschnitt aus dem Holzschnitt "Die große Welle vor Kanagawa" des japanischen Künstlers Katsushika Hokusai, der von 1760 bis 1849 lebte. Dieser Holzschnitt ist Teil der Serie "36 Ansichten des Berg Fuji" (1823-1829).

Hokusai: Great Wave

Vergleicht man den originalen Holzschnitt mit der Partitur, stellt man fest, dass der Holzschnitt bearbeitet oder sogar neu gezeichnet wurde. Sowohl die Farbgestaltung mit grünlicheren Tönen verändert worden, als auch Bildelemente selbst. So ist weder das Boot vor der großen Welle zu sehen, noch der Fuji, der im Original von der großen Welle geradezu verschlungen zu werden scheint.

Uraufführung

Bei der Uraufführung wurde das Werk sehr zwiespältig aufgenommen. Vereinzelte Pfiffe und Buhrufe zeigten, dass das neue Werk nicht dem entsprach, was das Publikum mit Debussy verband und von ihm erwartet hatte. Dazu kam, dass die Aufführung unter dem Dirigat von Camille Chevillard qualitativ nicht besonders gut gewesen sein muss. Debussy hatte sich vorher schon - und das nicht zum ersten Mal - über die mangelnde Sensibilität Chevillards beklagt. Erst ab 1908, als Debussy begann La Mer selbst zu dirigieren - auch wenn er selbst nicht gut dirigierte - setzte sich das Werk durch und zählt heute zu den beliebtesten und meist gespielten Werken Debussys.

Musikalische Analyse

Die Musikwissenschaftler, die sich analytisch mit Debussy beschäftigt haben, wundern sich immer wieder über die formale Geschlossenheit, die Debussys Werke kennzeichnen, und das obwohl er jede "klassische" Form der musikalischen Entwicklung vermeidet. Seine Themen entwickeln sich nicht, auch der bisher übliche Bezug der musikalischen Teile aufeinander scheint nicht gegeben. Trotzdem wirken die Stücke völlig einheitlich. Der Schlüssel hierzu liegt wohl in rhythmischen Keinzellen, die quasi unmerklich und in immer abgewandelter Gestalt das ganze Werk durchziehen und scheinbar unzusammenhängende Formteile magisch miteinander verbinden. Dies beschränkt sich nicht auf einzelne Sätze, sondern umfasst alle Sätze eines Werks, wie auch "La Mer"


(1) Zitiert nach: Vallas, Leon. Debussy und seine Zeit. München, 1961, S. 284.
(2) ebda.

  © 2017 by Jochen Scheytt

Debussy - La Mer - 
    			The great wave of Kanaga from Hokusai

Die deutschen Debussy-Seiten sind der umfangreichste Überblick über Debussys Leben und Schaffen in deutscher Sprache im Internet.
Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.


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Autor

Jochen Scheytt

ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.