Die deutschen Debussy-Seiten

von Jochen Scheytt

Syrinx

Aus der griechischen Mythologie stammt diese Erzählung: In Arkadien lebte einst eine Nymphe mit dem Namen Syrinx. Sie war bezaubernd schön und begehrt. Als eines Tages der Gott Pan die Nymphe erblickte, verliebte er sich sofort in sie und warb heftig um sie. Syrinx aber verschmähte seine Zuneigung und flüchtete. Auf der Flucht kam sie an den Fluss Ladon, der so tief war, dass sie nicht entkommen konnte. Daraufhin flehte sie die Schutzgöttin Artemis an, sie in ein Schilfrohr zu verwandeln. Artemis tat ihr den Gefallen genau als Pan sie erreichte, und er hielt statt Syrinx nur ein Schilfrohr in den Händen. Um trotzdem mit ihr vereint zu sein, schnitt er das Schilfrohr in unterschiedlich lange Teile und band sie zusammen. Auf diese Weise entstand die Hirtenflöte, oder Panflöte, die er Syrinx nannte.


Arnold Böcklin: "Idylle" (Pan zwischen Säulen - Pan die Syrinx blasend), 1875

Syrinx ist daher der griechische Name für die Panflöte. Diesen Namen trug Debussys Stück für Soloflöte allerdings nicht von Anfang an. Vorher hatte es "La flute de Pan" geheißen. Der Arbeitstitel war "Piece for Psyche" gewesen, und es war für ein Melodram mit dem Titel "Psyche" bestimmt, das Debussys Freund Gabriel Mourey, ein Dichter, Dramtiker und Kunstkritiker, geschrieben hatte. Das war 1913 gewesen und das Solostück für Flöte die einzige Musik, die Debussy für "Psyche" komponiert hatte.

Es stellt allerdings nicht die Sterbeszene des Gottes Pan dar, wie immer wieder zu lesen ist. Hellmut Seraphin (1) zeigt ausführlich auf, dass die Lektüre des Schauspiels von Moury aufgrund von detaillierten Regieanweisungen nur einen Schluss zulässt: nämlich dass "Syrinx" am Anfang des 3. Aktes gespielt wurde. Verschiedene Nymphen tanzen hier zu der Musik Pans, der nicht zu sehen ist, und lauschen ergriffen. Das vollständige Stück wurde wahrscheinlich zu einer anschließenden gesprochenen Rezitation von zwei Nymphen aus dem off gespielt.

Bei einer Aufführung des Mouryschen Dramas in privatem Rahmen erlebte "Syrinx" am 1. Dezember 1913 durch Louis Fleury, dem das Stück auch gewidmet ist, seine eher inoffizielle Uraufführung. Es sollte auch die einzige Aufführung im Zusammenhang mit dem Theaterstück bleiben. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Fleury Debussys Manuskript von "Syrinx" besaß, denn es ist bis heute nicht auffindbar, und seltsamerweise ist das Stück erst nach Fleurys Tod 1927 im Druck erschienen.

"Syrinx" erinnert musikalisch an das einleitende Flötensolo zu Debussys berühmtem Orchesterwerk Prélude à l'après-midi d'un Faune. Das ist nicht nur zufällig, denn der griechische Gott Pan hieß bei den Römern Faunus. Ähnlich wie dort beginnt "Syrinx" auf einer hohen, ausgehaltenen Note, gefolgt von einer anschließenden, chromatischen Abwärtsbewegung. Hier wie dort ist die Rhythmik, auch durch die ausgehaltene erste Note, unbestimmt. "Syrinx" beginnt mit folgendem Motiv, das man auch als Thema bezeichnen könnte:

Notenbeispiel 1: "Syrinx", Thema
Syrinx, Thema

Es kommt gegen Schluss auch in rhythmischer Variation vor:

Notenbeispiel 2: "Syrinx", Thema, Variation
Syrinx, Thema, Variation

Formal kann man unschwer eine Dreiteiligkeit erkennen (A B A'). Der dritte Teil (A') beginnt mit dem Einsatz des Themas in Takt 26, der hier um ein Viertel vorgezogen ist und durch die Überbindung wieder zur rhythmischen Verschleierung dient. Der Mittelteil (B) wird von einem anderen Motiv geprägt, das meist in triolischer Form vorkommt und einen charakteristischen Vorschlag besitzt:

Notenbeispiel 3: "Syrinx", Motiv des B-Teils
Syrinx, Motiv B-Teil

Das Ende des A-Teils und der Beginn des Mittelteils (B) ist nicht leicht abzugrenzen; der Übergang ist hier eher fließend. Abgerundet wird "Syrinx" von einer kleinen Coda, die ab Takt 31 nocheinmal das Triolenmotiv aufnimmt und das Werk mit einer absteigenden Ganztonleiter verklingen lässt.

Debussys "Syrinx" für Soloflöte gehört heute zum Standardrepertoire für die Querflöte.


(1) Seraphin, Hellmut. Debussys Kammermusikwerke der mittleren Schaffenszeit. Dissertation, Bärenreiter, 1964, S. 82 ff.

  © 2016 by Jochen Scheytt

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Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.


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Autor

Jochen Scheytt

ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.