Die deutschen Debussy-Seiten

von Jochen Scheytt

Images oubliées

Die drei Stücke, die heute unter dem Werktitel Images oubliées, die vergessenen Images, bekannt sind, besitzen folgende Überschriften:

1 Lent (mélancolique et doux) Langsam (melancholisch und zart)
2 Dans le mouvement d'une "Sarabande", c'est-à-dire avec une élégance grave et lente, même un peu vieux portrait, souvenir du Louvre, etc. In der Bewegung einer Sarabande, das heißt mit einer würdevollen und langsamen Eleganz, wie ein kleines altes Portrait, Erinnerung an den Louvre, etc.
3 Quelques aspects de "Nous n'irons plus au bois", parce qu'il fait du temps insupportable Einige Aspekte von "Wir gehen nicht mehr in den Wald", weil das Wetter so unerträglich ist

Entstehung

Debussy schrieb die "Images oubliées" im Winter 1894 und widmete sie Yvonne Lerolle, der damals siebzehnjährigen Tochter des mit Debussy befreundeten Males Henri Lerolle. 1896 wurde jedoch nur das zweite Stück, die Sarabande, in einer Beilage zum "Grand Journal" unter dem Titel "Souvenir de Louvre" veröffentlicht. Hierbei kündigte Debussy die Veröffentlichung der anderen beiden Stücke als "Images" an. Dazu kam es jedoch nie. Nur die Sarabande nahm Debussy 1901 mit leichten Veränderungen in die Klaviersuite Pour le piano auf. Die beiden anderen "Images" blieben unveröffentlicht und das Autograph gelangte über Yvonne Lerolle in den Besitz des franzöischen Pianisten Alfred Cortot. Erst 1977 erschienen die drei Stücke als "Images oubliées".

Der Zusatz "oubliées" war nötig geworden, weil Debussy 1905 und 1907 zwei Bände von Images für Klavier komponiert und publiziert hatte. Auch für Orchester schrieb Debussy Images, die aus den Sätzen "Gigues", Ibéria" und "Rondes de Printemps" bestehen.

Die Images oubliées sind in gewisser Weise Vorläufer der Suite Pour le piano, an denen Debussy seine klanglichen, harmonischen und formalen Neuerungen ausprobiert. Sicherlich mit aus diesem Grund fand er die Stücke nicht veröffentlichenswert. Er selber schreibt dazu:

"Diese Stücke würden schlecht in die "salons brillaments illumines" passen, wo sich die Leute, die keine Musik mögen, gewöhnlich treffen. Sie sind Gespräche zwischen dem Klavier und einem selbst. Es ist weiterhin nicht verboten, ihnen seine Gefühle an schönen Regentagen zuzuwenden." (1)

Lent (mélancolique et doux)

Neue Mittel,die Debussy hier verwendet, sind

  • parallel geführte Akkorde,
  • Ganztonleiterakkordik, die sich auch über mehrere Takte hinweg erstreckt und
  • verschiedene Harmonisierungen des Themas bei jedem neuen Auftreten (am Anfang noch einstimmig). Dadurch ergibt sich jedesmal sozusagen eine neue Beleuchtung des Themas. Dies hat Parallelen in der Malerei. Monets Bilderserien, z.B. die Seerosen oder Heuschober, zeigen stets das gleiche Motiv in neuen, momentartig aufgenommenen Beleuchtungen.

Souvenir du Louvre

Dies ist, wie oben schon erwähnt, die erste Fassung der Sarabande aus Pour le piano. Bei der späteren Fassung nahm Debussy einige kleinere Änderungen vor, so zum Beispiel in der Harmonisierung, Phrasierung, Dynamik oder Stimmführung. Die einzige große Änderung beschränkt sich auf die Schlusstakte.

Quelques aspects de "Nous n'irons plus au bois"...

Debussy verwendet hier mit "Nous n'irons plus au bois" das gleiche Kinderlied wie bei Jardins sous la pluie aus den Estampes.

Notenbeispiel 1: Nous n'irons plus au bois
Nous n'irons plus au bois

Wie bei Jardins sous la pluie beschränkt er sich auch hier auf die ersten vier Takte des Lieds, variiert diese immer wieder rhythmisch und harmonisiert sie auf unterschiedliche Weise.

Ungewohnt für Debussy sind die Kommentare im Notentext, die seinen Humor zeigen, aber auch unwillkürlich an Eric Satie denken lassen, der für die humoristischen Titel, Anmerkungen oder auch Spielanweisungen in seinen Kompositionen berühmt ist. So heißt es in Takt 64 in Bezug auf das schlechte Wetter, das im Titel angesprochen wird: "Hier imitieren die Harfen täuschend die Rad schlagenden Pfauen, oder die Pfauen imitieren die Harfen (Wie Sie auch immer möchten!) und der Himmel wird wieder mitfühlend mit der hellen Kleidung." Im letzten Abschnitt der Komposition schreibt Debussy über die Noten: "Eine Glocke, die kein Maß hält" und ganz am Schluss in den letzten vier Takten: "Genug der Glocke!"

Charakteristisch ist die durchlaufende Sechzehntelbewegung im Stile einer barocken Toccata, die wie beim späteren Jardin sous la pluie den Regen symbolisiert. Andere vorkommende musikalische Elemente, die später typisch für Debussys Stil werden sollen, sind die Reihung verschiedener rhythmisch und harmonisch unterschiedlicher Felder und das Fehlen einer Haupttonart.


(1) Aus dem Vorwort zur Erstausgabe der Images oubliées, Theodore Presser Company, 1977.

  © 2017 by Jochen Scheytt

Debussy Titel

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Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.


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Autor

Jochen Scheytt

ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.